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03.07.2016

22:09 Uhr

Terror in Bagdad

Mehr als 100 Tote bei Autobombenanschlag

Bei zwei Bombenanschlägen in Bagdad sind in der Nacht zum Sonntag nach Angaben aus Polizei und Krankenhäusern mehr als 100 Menschen getötet worden. Zudem würden über 170 Verletzte gezählt, hieß es weiter.

In Bagdad sind mehrere Autobomben explodiert: Viele Verletzte und Tote. dpa

Autobombe

In Bagdad sind mehrere Autobomben explodiert: Viele Verletzte und Tote.

BagdadBeim bislang blutigsten Terroranschlag in diesem Jahr sind in der irakischen Hauptstadt Bagdad mindestens 100 Menschen getötet worden. Nach Angaben aus dem Innenministerium wurden 170 weitere teils schwer verletzt, als am frühen Sonntagmorgen nur wenige Tage vor dem Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan in einem beliebten Einkaufsviertel eine Autobombe explodierte. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich im Internet zu der Tat und erklärte, es sei ein Selbstmordanschlag gewesen.

Die Zahl der Toten dürfte demnach weiter steigen, weil viele Verletzte am Abend in Lebensgefahr schwebten, Leichenteile noch nicht identifiziert waren und noch Tote unter den Trümmern zerstörter Häuser vermutet wurden. Die Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus.

Die schwersten Niederlagen des IS seit Anfang 2015

Kobane

Nach einer Reihe von Siegen erleidet die IS-Miliz im kurdischen Kobane am 26. Januar 2015 ihre erste, große Niederlage. Kurdische Kämpfer vertreiben die Dschihadisten – unterstützt durch US-Luftangriffe – aus der Stadt in der Nähe der Grenze zur Türkei. Vier Monate erbitterter Kämpfe waren dem Sieg vorausgegangen.

Tikrit

Die Heimatstadt des einstigen irakischen Machthabers Saddam Hussein wird am 31. März 2015 von irakischen Regierungstruppen und schiitischen Milizen zurückerobert. Die Militäroperation in Tikrit, damals der größte Einsatz irakischer Soldaten gegen die IS-Miliz, wird dadurch einfacher, dass die meisten der 200.000 Einwohner aus der Stadt geflüchtet sind.

Sindschar

Kurdische Einheiten im Irak vertreiben die IS-Kämpfer am 13. November 2015 aus der Stadt Sindschar nordwestlich von Bagdad. Damit wird auch ein entscheidender Nachschubweg für die Dschihadisten zwischen ihren Stellungen in Syrien und im Irak unterbrochen. Die IS-Miliz hatte Sindschar im August 2014 erobert und war danach brutal gegen die kurdischen Jesiden in der Region vorgegangen. Massaker, Vergewaltigungen und Versklavungen von jesidischen Frauen lösten weltweit Entsetzen aus.

Ramadi

Irakische Truppen erobern am 8. Dezember 2015 wichtige Bereiche der sunnitischen Stadt Ramadi im Irak. Zwei Wochen später, unterstützt von US-Luftangriffen, erreichen die Regierungseinheiten das Zentrum der Hauptstadt der Provinz Anbar, die seit Mai von der IS-Miliz besetzt war.

Palmyra

Syrische Regierungstruppen unterstützt durch russische Luftangriffe nehmen am 27. März 2016 die antike Wüstenstadt Palmyra wieder vollständig ein. Damit bereiten sie der IS-Miliz in Syrien ihre bis dahin schwerste Niederlage. Mit Palmyra geht den Dschihadisten de facto auch die syrische Wüste bis zur Grenze zum Irak verloren. Der IS hatte Palmyra im Mai 2015 erobert und danach mehrere antike Tempel, den prachtvollen Triumphbogen und Grabmäler zerstört, die von der Uno-Kulturorganisation Unesco als Weltkulturerbe geführt wurden.

Das Attentat in Bagdad folgte nur wenige Tage auf die Attacke radikaler Islamisten in Bangladesch mit 22 Todesopfern und dem Angriff auf den Flughafen in Istanbul, der ebenfalls IS-Extremisten zugeschrieben wird.

Die Explosion war so stark, dass sie ein Einkaufszentrum und weitere Gebäude in dem Stadtteil Karada fast völlig zerstörte. Fernsehbilder zeigten ausgebrannte Autowracks und Trümmer auf der abgesperrten Straße. Bei vielen Irakern im Irak löste der Anschlag Wut aus. Aufgebrachte Menschen beschimpften Iraks Ministerpräsidenten Haidar al-Abadi, als er den Anschlagsort besuchte, wie Internetvideos zeigten. Auf seinen Autokonvoi flogen Steine und andere Gegenstände.

In der Stellungnahme erklärte der IS, der Attentäter habe Schiiten angegriffen. Die sunnitische Terrormiliz sieht Schiiten als Abtrünnige an. Die IS-Erklärung konnte zunächst nicht verifiziert werden.

Schon in der Vergangenheit hatte sich die Miliz zu zahlreichen Attentaten im Irak bekannt. So starben im Mai bei einer Anschlagserie in Bagdad mindestens 86 Menschen.

Die Extremisten kontrollieren zwar immer noch große Teile des Landes, sind aber zuletzt stark unter Druck geraten. Ende Juni konnten die irakische Armee und schiitische Milizen die sunnitische Miliz aus ihrer Hochburg Falludscha im Westen des Landes vertreiben. Als einzige große Stadt im Irak bleibt den Extremisten nur noch Mossul im Norden. Immer wieder ist zu beobachten, dass der IS seine Terroranschläge verschärft, wenn er militärisch unter Druck gerät.

Schon vor Beginn des Ramadans, der in dieser Woche mit dem Fest des Fastenbrechens endet, hatten die Extremisten Attentate angekündigt. Im Irak verübt die Miliz ihre Anschläge meistens in Gegenden, die von Schiiten bewohnt werden. Damit will sie die Spannungen zwischen den beiden großen Strömungen des Islam im Irak weiter verschärfen.

Geheimdienstchef: IS-Anhänger planten 50 Terroranschläge im Iran

Geheimdienstchef

IS-Anhänger planten 50 Terroranschläge im Iran

Laut dem iranischen Geheimdienstchef sei im Iran „eine der größten Terroroperationen“ vereitelt worden. 50 Anschläge sollen Anhänger des sogenannten Islamischen Staat geplant haben. Die Ziele: dicht besiedelte Zentren.

Der Stadtteil Karada gilt als Hochburg des Obersten Islamischen Rates, einer führenden schiitischen Kraft im Land. In Karada liegen aber auch viele Restaurants, Hotels sowie die französische Botschaft. Im Ramadan sind die Straßen vor allem am späten Abend sehr voll, weil die gläubigen Muslime tagsüber nichts essen und trinken dürfen.

Regierungschef Al-Abadi kündigte bei seinem Besuch am Anschlagsort Vergeltung an, wie die Nachrichtenseite Al-Mada berichtete. Die Attentate des IS seien „verzweifelte Versuche“, nachdem die Terrororganisation „auf dem Schlachtfeld vernichtet worden ist“.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) verurteilte die „grauenhafte Tat“. Einmal mehr zeige sich, „dass die Terroristen des sogenannten IS nicht davor zurückschrecken, unschuldige Kinder, Mütter und Väter im Namen ihrer hasserfüllten Ideologie zu ermorden“, erklärt er. Der UN-Gesandte im Irak, Jan Kubi?, sprach von einem „feigen und abscheulichen“ Terrorangriff.

Widersprüchliche Angaben gab es zu einer zweiten Explosion im Norden Bagdads, bei der neun Menschen getötet und elf verletzt wurden. Lokale Medien berichteten von der Detonation einer Bombe in dem vor allem von Schiiten bewohnten Stadtteil Al-Schaab. Das Innenministerium erklärte hingegen, in der Gegend sei ein Feuer ausgebrochen und habe eine Explosion in einem Laden ausgelöst.

Von

dpa

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