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22.03.2016

13:12 Uhr

Terror in Brüssel

13 Minuten zwischen Leben und Tod

VonThomas Ludwig

Die Anschläge erschüttern Brüssel. Fassungslosigkeit und Angst machen sich breit. Polizisten riegeln Straßen ab, das Militär fährt vor. Wie unser Korrespondent Thomas Ludwig die Stunden des Terrors erlebt.

Terror in Brüssel

Erschütternde Amateurvideos nach den Anschlägen in Brüssel

Terror in Brüssel: Erschütternde Amateurvideos nach den Anschlägen in Brüssel

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BrüsselEigentlich geht es Ismael Ertug um Verkehr – und nicht um Terror. Der Europaabgeordnete hat zu einem Pressegespräch im EU-Parlamentsgebäude eingeladen, um über den Untersuchungsausschuss zur Diesel-Affäre zu sprechen. Deswegen treffe ich ihn an diesem schicksalhaften Dienstagmorgen.

Doch dann nimmt der Tag eine schreckliche Wendung: Anschlag am Flughafen. Verletzte? Tote? Alles ist ungewiss in diesen ersten Minuten. Nur eines nicht. „So tragisch es ist, es gibt keine hundertprozentige Sicherheit an den neuralgischen Verkehrskontenpunkten“, sagt Ertug sichtlich erschüttert. „Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer. Ich bin erst gestern Abend in Brüssel gelandet. Es hätte also genauso gut mich treffen können.“

Thomas Ludwig

Der Autor

Thomas Ludwig ist Handelsblatt-Korrespondent in Brüssel.

Wie nah der Terror plötzlich kommen kann, erfahre ich wenige Minuten später am eigenen Leib, als ich das EU-Parlament verlasse. Auch in der Metrostation Maelbeek mitten im Europaviertel ist eine Bombe detoniert, nur Minuten nachdem ich zwei Stationen zuvor aufs Rad umgestiegen war, um pünktlich zum Termin zu kommen. „Glück gehabt. Welch ein Horror“, simst meine Frau erleichtert.

Nach den ersten Nachrichten über die Anschläge geht alles ganz schnell: Immer mehr Polizisten tauchen auf, Soldaten fahren vor, die Rollgitter vor dem Eingang zum Parlament gehen herunter, das EU-Viertel wird weiträumig abgesperrt. Ich habe Glück, dass ich noch rauskomme. Kurz darauf meldet sich Ismael Ertug: „Wir sitzen fest. Es kommt derzeit niemand mehr rein oder raus.“

Schließlich eine Mail des deutschen Botschafters an die in Brüssel arbeitenden Deutschen: „Ich bitte Sie darum, in der gegenwärtigen Situation Ruhe zu bewahren und nach Möglichkeit Ihren aktuellen Aufenthaltsort (Büro, Zuhause) nicht zu verlassen. Sie sollten den öffentlichen Raum meiden.“ Die Metrostation Maelbeek liegt nur rund 200 Meter von der Ständigen Vertretung Deutschlands bei der EU entfernt.

Die Anschläge in Brüssel: Was wir wissen – und was nicht

Was genau ist passiert?

Die Terrorserie begann gegen 08.00 Uhr morgens auf dem Brüsseler Flughafen. In der Abflughalle gab es in kurzer Folge zwei Explosionen – vermutlich gab zwei Selbstmord-Attentäter. Ein dritter Verdächtiger soll kehrtgemacht haben und ist zur Fahndung ausgeschrieben. Die Täter sollen drei Bomben in Koffern zum Flughafen gebracht haben. Erste Bilanz: mindestens 14 Tote, mindestens 100 Verletzte. Kurz darauf, um 09:11 Uhr, gab es in der Metro-Station Maelbeek im EU-Viertel einen weiteren Anschlag mit mindestens 20 Toten und 130 Verletzten. Unklar ist, ob es sich bei dem Anschlag in der Metro um ein Selbstmordattentat handelte oder um eine Bombenexplosion mit Zeitzünder. Stundenlang gab es immer wieder Gerüchte über weitere Anschläge an anderen Orten - glücklicherweise alles Fehlanzeige.

Wie reagieren die belgischen Behörden?

Für das ganze Land gilt die höchste Terrorwarnstufe - zum ersten Mal seit November 2015. Der Flughafen Brüssel wurde von Polizisten und Soldaten sofort geräumt und dann geschlossen. In der Hauptstadt standen alle U-Bahnen, alle Straßenbahnen, alle Busse still. Die Hochgeschwindigkeitszüge in Richtung Köln, Paris und London fuhren ebenfalls nicht mehr. Auch die Sicherheitsmaßnahmen für Belgiens beide Atomkraftwerke wurden verstärkt. Das belgische Krisenzentrum empfahl allen: „Bleiben Sie, wo sie gerade sind!“ Erst um 16.30 Uhr gibt es Entwarnung.

Wer steckt hinter den Anschlägen?

Hinter den Bombenanschlägen in Brüssel steckt laut einer islamistischen Website die Dschihadistenorganisation Islamischer Staat (IS). IS-Kämpfer hätten die Taten am Dienstag mit Sprengstoffgürteln und anderen Mitteln begangen, berichtete die dem IS nahestehende Online-Nachrichtenagentur Aamak am späten Nachmittag. In Belgien lief die Suche nach potenziellen Tätern und Hintermännern. Zur Fahndung wurde am Dienstagabend ein junger Mann ausgeschrieben, den eine Überwachungskamera auf dem Flughafen Zaventem aufgenommen hatte. Bei einer Razzia im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek wurden am Abend in einer Wohnung eine Nagelbombe und eine Fahne der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) entdeckt. Erst am Freitag war in Brüssel einer der mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom November in Paris festgenommen worden, der 26 Jahre alte Salah Abdeslam. Experten rechneten seither mit Vergeltungsaktionen. Ob tatsächlich die Terrorzelle um Abdeslam hinter den Anschlägen in Brüssel steckt, ist noch nicht bekannt „Für den Augenblick ist es nicht möglich, eine formale Verbindung zu den Anschlägen von Paris herzustellen“, sagte Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw am Dienstagabend bei einer Pressekonferenz.

Wie groß ist die Gefahr für Deutschland?

Nach den Terroranschlägen wurden die Kontrollen an Deutschlands Grenzen zu Belgien und Frankreich gleich wieder verschärft. Auch an den großen Flughäfen und Bahnhöfen wurden die Sicherheitsmaßnahmen wieder in die Höhe gefahren. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte in Berlin, es gebe bislang keine Hinweise auf einen „Deutschland-Bezug“ der Täter. Und fügte hinzu: „Klar ist, dass der Kampf gegen den internationalen Terrorismus lange dauert.“

Sind Deutsche unter den Opfern?

Unter den Verletzten ist auch mindestens eine Deutsche. Die Frau erleidet eine leichte Rauchvergiftung. Hinweise auf deutsche Todesopfer gibt es zunächst nicht.

Warum immer wieder Brüssel?

Die belgische Hauptstadt gilt als Zentrum des islamistischen Terrorismus in Europa. Vor allem der Stadtteil Molenbeek mit seinen vielen Einwanderern aus der arabischen Welt hat einen schlechten Ruf. Von dort kamen außer Abdelslam auch andere Islamisten, die an Terrorabschlägen beteiligt waren. Bereits eine Woche nach den Anschlägen in Paris hatte es konkrete Gefahrenhinweise für die Region Brüssel gegeben. Das öffentliche Leben kam damals für fünf Tage zum Erliegen, ohne dass etwas geschah. Belgien beteiligt sich mit Kampfjets an Einsätzen gegen den IS, der in Syrien und im Irak großen Landesteile kontrolliert. Brüssel ist Sitz der EU und des Nato-Hauptquartiers.

Die ganze Stadt ist im Ausnahmezustand. Sirenen, Krankenwagen, Zivilstreifen mit Blaulicht, fassungslose Menschen an den Straßenkreuzungen. Am Park Cinquantenaire steht ein Taxi, die Türen sind offen, das Radio laut aufgedreht. „Mindestens zehn Tote. Vielleicht sind es auch mehr. Unklare Lage“, dröhnen die Wortfetzen der Moderatorin aus dem Lautsprecher. Städtische Arbeiter in orangenen Warnwesten hören konzentriert zu.

„Zum Glück bin ich zu Fuß unterwegs“, sagt ein älterer Mann: „Unfassbar. Die wollen uns alle umbringen. Das war doch nur eine Frage der Zeit. Das ist die Rache für die Festnahme von diesem Abdeslam.“ Tatsächlich ist inzwischen klar: Terroristen haben die Stadt angegriffen. Davon geht die Staatsanwaltschaft aus. Mindestens 21 Menschen sollen gestorben sein. Europäische Sicherheitsbehörden hatten schon in den vergangenen Wochen vor einem weiteren größeren Anschlag in Europa gewarnt.

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