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15.02.2015

19:24 Uhr

Terror in Dänemark

Polizei stürmt Internetcafé und nimmt Verdächtige fest

Terror in Kopenhagen: Ein Attentäter greift zunächst ein Kulturcafé und dann eine Synagoge an. Die Polizei findet und erschießt ihn. Jetzt haben Beamte ein Internetcafé gestürmt und zwei Verdächtige festgenommen.

Anschläge in Dänemark

Spurensuche in Kopenhagen

Anschläge in Dänemark: Spurensuche in Kopenhagen

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KopenhagenNach den tödlichen Angriffen auf ein Kulturzentrum und eine Synagoge in Kopenhagen haben zahlreiche schwer bewaffnete Polizisten am Sonntag ein in der Nähe gelegenes Internetcafé gestürmt. Der Fernsehsender TV2 berichtete vor Ort, zwei Verdächtige seien festgenommen worden. Ein Polizeisprecher sagte dem Radiosender DR, die Razzia sei Teil der Ermittlungen.

Am Sonntag durchsuchte die Polizei mehrere Wohnungen in dem Viertel Nörrebro, in dem sie im Morgengrauen den mutmaßlichen Täter erschossen hatte. Nach Überzeugung der Ermittler handelt es sich um den Mann, der offenbar als Einzeltäter beide Anschläge verübte. Möglicherweise habe ihn der tödliche Anschlag auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" Anfang Januar in Paris beeinflusst.

Spezialeinheiten der Polizei im Einsatz: Nach zwei terroristischen Anschlägen im Zentrum der dänischen Hauptstadt gibt es bislang zwei Todesopfer. dpa

Ausnahmezustand in Kopenhagen

Spezialeinheiten der Polizei im Einsatz: Nach zwei terroristischen Anschlägen im Zentrum der dänischen Hauptstadt gibt es bislang zwei Todesopfer.

Am Samstagnachmittag hatte ein Angreifer zunächst dutzende Schüsse auf ein Kulturzentrum abgefeuert, in dem eine Podiumsdiskussion über Meinungsfreiheit und Islam stattfand. Zu den Teilnehmern gehörte der französische Botschafter und der schwedische Künstler Lars Vilks, dessen Karikaturen des Propheten Mohammed Empörung in der muslimischen Welt auslösten. Dabei tötete der Schütze den Dokumentarfilm-Regisseur Finn Nørgaard, der Gast bei einer Diskussionsveranstaltung war, und verletzte drei zum Schutz von Vilks eingesetzte Polizisten.

Bei dem Angriff vor Kopenhagens Hauptsynagoge wurde dann kurz nach Mitternacht ein junger jüdischer Sicherheitsmann getötet. Zwei Polizisten wurden verletzt. Die Polizei stützt sich unter anderem auf die Auswertung von Videomaterial aus Überwachungskameras.

Die Polizei machte Jagd auf den den mutmaßlichen Täter und erschoss ihn am frühen Morgen. „Wir sind noch immer dabei herauszufinden, ob er alleine gehandelt hat“, sagte ein Polizeisprecher.

Die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt brachte ihre Erleichterung zum Ausdruck. „Die Polizei hat nach Lage der Dinge den mutmaßlichen Täter, der hinter beiden Angriffen steckt, neutralisiert“, heißt es einem Statement der Regierungschefin.

Der mutmaßliche Attentäter von Kopenhagen war nach Angaben der Polizei 22 Jahre alt und bereits mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Unter anderem stehen Gewalt- und Waffendelikte in seiner Strafakte, wie die Polizei am Sonntag mitteilte. Der Verdächtige sei in Dänemark geboren. Der Name wurde nicht genannt.

Doch erklärte die Polizei weiter, es sei eine automatische Waffe sichergestellt worden, die möglicherweise für den Angriff auf eine Konferenz zur Meinungsfreiheit in einem Kulturzentrum der dänischen Hauptstadt am Samstag benutzt worden sei. Die Ermittler veröffentlichten ein Bild aus einer Überwachungskamera in der Nähe dieser Stelle. Die Aufnahme zeigt einen dunkel gekleideten Mann mit einer roten Mütze.

Den Ermittlungen zufolge war der Mann nach dem Angriff auf die Diskussionsveranstaltung zum Thema „Kunst, Gotteslästerung und Freie Rede“ am Samstag zunächst in einem dunklen VW Polo geflohen, der später in Kopenhagen gefunden wurde. Danach setzte er seine Flucht in einem Taxi fort und ließ sich nach Hause in seine Wohnung fahren. Der Taxifahrer gab den Ermittlern den entscheidenden Tipp.

Täter war dem Geheimdienst bekannt

Als die Beamten den Verdächtigen am frühen Sonntagmorgen vor dem observierten Haus ansprachen, habe der Mann das Feuer eröffnet, berichtete die Polizei. Daraufhin hätten die Beamten zurückgeschossen und den Angreifer getötet. Das Viertel in Kopenhagen ist bekannt für seinen hohen Migrantenanteil.

Ein Vertreter des Geheimdiensts PET sagte, der Täter sei womöglich durch den islamistischen Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" inspiriert worden, bei dem am 7. Januar zwölf Menschen getötet wurden. Der Schütze sei "auf dem Radar" des Geheimdiensts gewesen. Es gebe bisher keine Kenntnis, ob der aus Kopenhagen stammende Mann auch zum Kämpfen im Irak oder Syrien war, doch werde dies geprüft.

Bei dem Opfer, das in dem Kulturcafé erschossen wurde, handelt es sich um den 55 Jahre alten Dokumentarfilm-Regisseur Finn Nørgaard. Der Chef des Dänischen Filminstituts, Henrik Bo Nielsen, sagte, er sei geschockt und wütend, dass der Regisseur getötet worden sei. Nørgaard hatte für das dänische Fernsehen Dokumentationen produziert und Regie geführt.

Journalisten und Zeichner als Ziel von Anschlägen

Februar 2013

Der 70 Jahre alte dänische Journalist Lars Hedegaard übersteht in Kopenhagen ein Attentat unverletzt und kann den unbekannten Täter selbst in die Flucht schlagen. Zuvor hatte eine Pistolenkugel den Kopf des Islamkritikers knapp verfehlt.

November 2011

Unbekannte verüben einen Brandanschlag auf die Redaktion des französischen Satireblattes „Charlie Hebdo“. Es brachte am gleichen Tag ein Sonderheft zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien heraus und hatte sich dazu in „Scharia Hebdo“ umbenannt. Als Chefredakteur war „Mohammed“ benannt worden.

Mai 2011

Ein Kopenhagener Gericht verurteilt den Tschetschenen Lors Dukajew für einen versuchten Anschlag auf die Zeitung „Jyllands-Posten“ zu zwölf Jahren Haft. Der 25-Jährige hatte sich 2010 in Kopenhagen bei der Explosion seines Sprengstoffes verletzt. Er wollte eine Briefbombe an die Redaktion der Zeitung schicken.

Mai 2010

Zwei Männer werfen Benzinflaschen durch ein Fenster in das Haus des schwedischen Mohammed-Karikaturisten Lars Vilks. Auf den Zeichner wurde bereits 2007 im Internet von einem El-Kaida-Ableger im Irak ein Kopfgeld von 150.000 Dollar (108.000 Euro) ausgesetzt.

Januar 2010

Der dänische Zeichner Kurt Westergaard, von dem die Mohammed-Karikaturen in „Jyllands-Posten“ stammen, entkommt nur knapp einem Attentat. Bereits 2008 hatten die dänischen Behörden Mordpläne gegen ihn aufgedeckt. Mehrere Verdächtige wurden festgenommen.

November 2004

Der niederländische Islamkritiker Theo van Gogh bezahlt einen Film über die Unterdrückung der Frauen im Islam mit dem Leben. Er wird in Amsterdam von einem muslimischen Extremisten ermordet. Auf der Leiche hinterließ der Täter einen Brief mit Morddrohungen gegen weitere Niederländer.

Darunter waren aus dem Jahr 2004 der Film „Boomerang Boy“ über die Träume eines australischen Jungen, Weltmeister im Bumerangwerfen zu werden, sowie die Produktion „Le Le“ aus dem Jahre 2008 über vietnamesische Einwanderer in Dänemark.

Das zweite Opfer, das in der Nacht vor einer Synagoge in Kopenhagen von einer Kugel in den Kopf tödlich getroffen wurde, ist nach Angaben aus der jüdischen Gemeinde ein junger Wachmann jüdischen Glaubens. Er hatte die Menschen kontrolliert, die in die Synagoge zur Feier einer Bar Mitzwa kamen.

Nach Angaben des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Dan Rosenberg Asmussen, gelang es dem Angreifer nicht, in das Gebäude vorzudringen, wo etwa 80 Menschen versammelt waren. Laut Asmussen hatte die jüdische Gemeinde die Sicherheitsvorkehrungen nach den Terroranschlägen in Paris Anfang Januar verstärkt. Unter den Verletzten sind auch mehrere Polizisten.

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