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14.10.2015

16:49 Uhr

Terror in der Türkei

Wie im Bürgerkrieg

VonOzan Demircan

Die Zahlen alarmieren: In der Türkei wurden seit Juli 282 Zivilisten und Beamte durch Terrorangriffe getötet. Ein Konzept der Regierung, die Anschläge einzudämmen, gibt es bislang nicht – nur erste Entlassungen.

Am 10. Oktober wurde die Türkei von einem Doppel-Anschlag in Ankara erschüttert. Der Vorfall fügt sich ein in eine lange Reihe terroristischer Angriffe der letzten Jahre. dpa

Gedenkstätte

Am 10. Oktober wurde die Türkei von einem Doppel-Anschlag in Ankara erschüttert. Der Vorfall fügt sich ein in eine lange Reihe terroristischer Angriffe der letzten Jahre.

IstanbulAm Ende feierten sie, skandierten „Oh Türkiye“ und freuten sich über das eingelöste EM-Ticket: Am Dienstagabend qualifizierte sich die türkische Fußballnationalmannschaft durch einen Sieg gegen Island direkt für die Europameisterschaft 2016. Ein klarer Grund zum Feiern, wenn da nicht die Minuten vor Spielanpfiff gewesen wären.

Als Spieler, Trainer und Fans während einer Schweigeminute der Opfer des Anschlags von Ankara gedachten, tönte es Buhrufe aus mehreren Ecken des Stadions im erzkonservativen Konya in der Mitte der Türkei. Irgendwann war der Satz „Allahu akbar“ zu hören; ein frommer Gruß zu Beginn jedes islamischen Gebets, aber auch die Parole selbsternannter Gotteskrieger und Islamisten.

Die Nationalspieler, darunter Hakan Calhanoglu von Bayer Leverkusen und Arda Turan vom FC Barcelona mussten zuhören, wie tief gespalten die Türkei angesichts des Terrors ist. Ein Terror, der immer mehr Todesopfer fordert.

Es sind Zahlen, die man sonst nur aus Bürgerkriegsregionen kennt. Durch Terrorattacken sind in der Türkei insgesamt 282 Menschen ums Leben gekommen – und zwar allein in den vergangenen drei Monaten. Das geht aus einer Statistik hervor, die die amtliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu am Mittwochvormittag veröffentlicht hat.

Tödliche Anschläge in der Türkei (Chronik)

Oktober 2016

Am 6. Oktober begeht die TAK einen Bombenanschlag in Istanbul. Auch die PKK attackiert türkische Polizisten in Hakkari. Am 14. Oktober kommt es zu einem Raketenangriff auf die Touristenprovinz Antalya. Der letzte Anschlag ist bisher ungeklärt.

September 2016

Auch im folgenden Monat schlägt die PKK mehrmals zu: mit einer Autobombe in der türkischen Stadt Van sowie mehreren weiteren Bombenanschlägen in der Südosttürkei sowie in Mardin.

August 2016

Am 17. August begeht die kurdische Terrororganisation PKK einen Anschlag auf ein Polizeihauptquartier in Elazig. Wenige Tage später kommt es zu einer Attacke ebenfalls auf eine Polizeistation in Cizre, für die auch die PKK verantwortlich gemacht wird.

Februar 2016

Die kurdisch-sozialistische Terrororganisation TAK (deutsch: Freiheitsfalken Kurdistans) begeht einen Bombenanschlag auf ein Militärfahrzeug in Ankara. In den folgenden Monaten tritt die Gruppe mehrfach in Erscheinung: Sowohl im März als auch im Juni und Oktober 2016 legen die Terroristen erneut Bomben in Istanbul, Ankara und Midyat.

Oktober 2015

Am Rande einer regierungskritischen Demonstration in der Hauptstadt Ankara reißen zwei Sprengsätze mehr als 100 Menschen in den Tod. Die Staatsanwaltschaft macht die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich.

Quelle: dpa

September 2015

Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica in der Provinz Hakkari 16 Soldaten.

August 2015

Bei einem Bombenanschlag und einem anschließenden Angriff auf eine Polizeiwache in der Millionenmetropole Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein.

Juli 2015

Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit in den Tod. Die Behörden machen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich, die sich allerdings nie zu der Tat bekennt.

Juni 2015

Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben. Die türkische Regierung macht den IS verantwortlich.

Mai 2013

Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli werden mehr als 50 Menschen getötet. Die Regierung beschuldigt türkische Linksextremisten mit Kontakten zum Regime im benachbarten Syrien.

September 2011

Drei Menschen sterben in der türkischen Hauptstadt Ankara, als im Regierungsviertel eine Bombe explodiert. Eine Splittergruppe der PKK bekennt sich zur Tat.

Demnach mussten in den vergangenen 100 Tagen insgesamt 137 Zivilisten durch tödliche Angriffe ihr Leben lassen, darunter sechs Kinder. Auch zwei Ausländer sind unter den Toten: ein Iraner und ein Palästinenser. Darüber hinaus starben im selben Zeitraum durch Anschläge insgesamt 145 Beamte: 65 Polizisten, 78 Soldaten und zwei Dorfwächter. Insgesamt 118 davon waren der Agentur zufolge Beamte im Status eines Offiziers.

Seit dem Sommer erschüttert diese Welle der Gewalt das Land. Seit einem Selbstmordanschlag im südtürkischen Suruc im Juli mit 34 Toten kommt es regelmäßig zu weiteren Terrorattacken. Im August starben vier Menschen, als Unbekannte in der Nähe einer Polizeiwache in Istanbul eine Bombe zündeten. Bei einem Bombenangriff in Igdir im äußersten Osten des Landes wurden zwölf Polizisten getötet.

Vor allem der im Sommer wieder aufgeflammte Konflikt mit der als Terrorgruppe eingestuften PKK sorgt für zahlreiche Todesfälle. 2012 hatte ein mühsam ausgehandelter Friedensprozess zwischen der Regierung und der PKK begonnen, die auf ein autonomes Gebiet für Kurden innerhalb der türkischen und irakischen Staatsgrenzen pocht. Dem insgesamt 40 Jahre langen Kampf dafür sind rund 30.000 Menschen zum Opfer gefallen.

Seit dem Anschlag von Suruc gilt der Friedensprozess als aufgekündigt. Seitdem berichten türkische Zeitungen beinahe täglich von Gefechten zwischen Sicherheitskräften und Rebellen im Südosten des Landes, in dem mehrheitlich Kurden leben und die PKK mehrere Rückzugsorte hält. Etwa im August, als sich nahe der Stadt Daglica Soldaten und PKK-Rebellen Gefechte liefern; damals starben allein 16 Beamte.

Und dann ist da noch der IS. Die selbsternannten Gotteskämpfer machen sich inoffiziellen Angaben zufolge auch in der Türkei breit und sollen für den jüngsten Anschlag am vergangenen Samstag verantwortlich sein. Dabei starben durch zwei Bomben mindestens 97 Menschen. Im Bericht der Autopsiebehörde in Ankara ist sogar von 102 Leichen die Rede.

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