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20.11.2015

18:37 Uhr

Terror in Mali

Mindestens 27 Menschen sterben bei Angriff auf Luxushotel

Die Geiselnahme im Radisson-Luxushotel in Malis Hauptstadt Bamako ist beendet: Dschihadistische Angreifer hatten 170 Geiseln genommen – unter ihnen auch Deutsche. Mindestens 27 Menschen wurden getötet.

Geiselnahme beendet

Mali: Angreifer haben sich im Hotel verschanzt

Geiselnahme beendet: Mali: Angreifer haben sich im Hotel verschanzt

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Bamako/LusakaBei einer Geiselnahme in einem Luxushotel in der ehemaligen französischen Kolonie Mali haben mutmaßliche Islamisten nach Angaben von UN-Soldaten mindestens 27 Menschen getötet. Die Suche nach Opfern gehe aber noch weiter, sagte ein UN-Vertreter am Freitagabend. Sicherheitskreisen zufolge wurden zwei Angreifer getötet. Zeitweise hatten sie 170 Geiseln in ihrer Gewalt.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte am Freitagabend während eines Besuchs in Sambia: „Nach allem, was wir wissen, sind unter den Toten keine Deutsche.“ Nach neuesten Angaben hielten sich zu Beginn der Geiselnahme vier Bundesbürger in dem Luxushotel „Radisson Blu“ auf. Steinmeier sagte, alle vier hätten das Hotel unversehrt verlassen können.

Zu dem Angriff genau eine Woche nach den Attentaten von Paris bekannte sich die Gruppe Al-Mourabitoun, ein malischer Ableger des Extremisten-Netzwerks Al-Kaida.

Terrorüberfälle auf Hotels

Somalia November 2015

Terroristen haben wie jetzt in Malis Hauptstadt Bamako in den vergangenen Jahren mehrfach Hotels angegriffen, zuletzt in Somalia: Terroristen richten in Mogadischu ein Blutbad in einem bei Politikern und Geschäftsleuten beliebten Hotel an. Mindestens 17 Menschen werden getötet. (Quelle: dpa)

Mali August 2015

Bei einer Geiselnahme in mehreren Hotels in Sévaré kommen 13 Menschen ums Leben, darunter 5 UN-Mitarbeiter.

Tunesien Juni 2015

Bei einem Anschlag auf ein Touristenhotel im Mittelmeer-Badeort Sousse werden 38 Menschen getötet.

Afghanistan März 2014

Bei einem Taliban-Angriff auf das Luxushotel Serena in Kabul sterben insgesamt 13 Menschen.

Afghanistan Juni 2012

Beim Angriff von Taliban auf ein Ausflugshotel in Kargah bei Kabul werden mindestens 26 Menschen getötet.

Mali November 2011

Bewaffnete stürmen in der Stadt Hombori ein Hotel und entführen zwei Franzosen und halten sie jahrelang gefangen.

Afghanistan Juni 2011

Taliban stürmen ein Luxushotel in Kabul. Die Internationale Schutztruppe Isaf schlägt den Angriff nieder. Alle neun Angreifer, neun Zivilisten und zwei Polizisten kommen ums Leben.

Pakistan Juni 2011

In Peshawar explodiert zunächst in einem Hotel ein kleiner Sprengsatz. Als sich Menschen in der Straße versammeln, sprengt sich ein Mann in die Luft. Mindestens 35 Menschen sterben.

Irak Januar 2010

Vor drei Hotels in Bagdad explodieren nahezu zeitgleich Autobomben. Mindestens 38 Menschen sterben.

Somalia Dezember 2009

Drei somalische Minister und 21 weitere Menschen werden bei einem Anschlag in einem Hotel in Mogadischu getötet.

Indonesien Juli 2009

Bei Bombenexplosionen im Ritz Carlton und im Marriott in Jakarta sterben mindestens neun Menschen.

Pakistan Juni 2009

Bei einem Anschlag auf das Luxushotel Pearl Continental in Peshawar sterben mindestens 18 Menschen.

Indien November 2008

In Mumbai werden bei einer Terrorserie mindestens 171 Menschen getötet. Terroristen greifen auch die Hotels Taj Mahal und Oberoi Trident an und nehmen dort zahlreiche Geiseln.

Im Laufe des Tages war immer wieder heftiges Gewehrfeuer in dem siebenstöckigen Gebäude zu hören. Die Geiselnehmer - nach Angaben aus Sicherheitskreisen stürmten bis zu zehn Bewaffnete das Hotel - hatten sich offenbar im obersten Stockwerk verschanzt. Am Abend lieferten sie sich immer noch Schusswechsel mit malischen Spezialkräften. Vor Ort waren auch französische und amerikanische Spezialkräfte. Deutsche Soldaten, die sich im Rahmen eines Ausbildungseinsatzes in Mali aufhalten, waren nach Angaben der Bundeswehr nicht betroffen. Frankreich hatte 2013 einen Militäreinsatz gegen Islamisten in Nord-Mali angeführt.

Das staatliche Fernsehen zeigte Bilder von Männern in Tarnkleidung mit Sturmgewehren in der Lobby des Radisson Blu. Der malische Sicherheits-Minister Salif Traoré sagte, die Angreifer seien am Morgen in die Lobby eingedrungen, hätten um sich geschossen und "Allahu Akbar" (Gott ist groß) gerufen. Danach hätten sie das Hotel Zimmer für Zimmer durchkämmt. Unter den Toten war offiziellen Angaben zufolge auch ein Belgier.

Der unruhige Krisenstaat Mali

Lebenserwartung

Das westafrikanische Mali mit seinen knapp 17 Millionen Einwohnern gehört zu den ärmsten Ländern der Welt (Rang 176 von 187 laut Uno-Entwicklungsindex). Die durchschnittliche Lebenserwartung in dem westafrikanische Wüstenstaat liegt der Weltbank zufolge bei 55 Jahren (Deutschland: 81).

Nach dem Putsch

Seit einem Militärputsch vor dreieinhalb Jahren lassen radikale Islamisten und separatistische Tuareg-Rebellen das Land nicht zur Ruhe kommen. Nach dem Putsch hatten Islamisten den dünn besiedelten Norden Malis eingenommen. Erst mit Eingreifen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich konnten sie wieder zurückgedrängt werden.

Truppen

Seit 2013 versuchen die Vereinten Nationen mit einer gut 11.000 Mann starken Blauhelmtruppe dort für Ordnung zu sorgen. Für die UN-Stabilisierungsmission Minusma ist auch die Bundeswehr mit mehr als 200 Soldaten in Mali im Einsatz, vor allem im Süden. In der Hauptstadt Bamako sind aktuell zudem rund 50 deutsche Soldaten als Teil der European Training Mission in Mali (EUTM Mali) stationiert. Weiterhin sorgen aber Islamisten und kriminelle Banden für eine angespannte Sicherheitslage und verwickeln die Regierungstruppen immer wieder in Kämpfe.

Offenbar gelang etlichen Geiseln die Flucht. Dem malischen Rundfunk zufolge ließen die Angreifer einige Geiseln gehen, weil sie Verse aus dem Koran hätten zitieren können. Nach Angaben von US-Behörden konnten sich sechs Amerikaner retten. Zudem gelang zwölf Crew-Mitgliedern von Air France nach Angaben der Fluggesellschaft die Flucht. Im Haus waren auch Mitarbeiter von Turkish Airlines und eine Gruppe chinesische Touristen.

Unter den Entkommenen war auch der in Mali populäre Sänger Sékouba 'Bambino' Diabate. Er sagte der Nachrichtenagentur Reuters am Telefon, er habe Schüsse an der Rezeption gehört und sich zunächst in seinem Zimmer unter dem Bett versteckt.

Die französische Armee ist derzeit noch mit Spezialkräften in dem Land vertreten. Weitere 50 Anti-Terror-Spezialisten wurden nach Angaben der französischen Polizei nach Mali geschickt. Dessen Präsident Ibrahim Boubacar Keita beendete einen Kurzbesuch im Tschad vorzeitig und kehrte nach Bamako zurück.

Islamistische Kämpfer hatten den Norden Malis Anfang 2012 erobert, wurden aber ein Jahr später von der französischen Armee zurückgedrängt. Eine UN-Blauhelmtruppe wurde aufgestellt. Seither kommt es immer wieder zu Zusammenstößen. Im August waren 17 Menschen bei einer Geiselnahme in einem von den Vereinten Nationen (UN) genutzten Hotel in Zentralmali getötet worden. Im März waren bei einem Anschlag auf ein bei Ausländern beliebtes Restaurant in Bamako fünf Menschen getötet worden. Auch zu diesen Attacken bekannte sich der Al-Kaida-Ableger Al-Mourabitoun. In der in Nordmali aktiven Islamisten-Gruppe haben sich Araber und Angehörige der Tuareg zusammengeschlossen.

Derzeit sind rund 200 Bundeswehr-Soldaten als Teil einer europäischen Ausbildungsmission und zehn weitere im Rahmen des UN-Stabilisierungseinsatzes Minusma in Mali. Die deutsche Beteiligung an dem Einsatz soll deutlich ausgeweitet werden. Das Kabinett will darüber im Dezember oder Januar entscheiden. Der Schritt ist seit längerem geplant und keine Folge der Anschläge von Paris und des folgenden Hilfsersuchens Frankreichs.

Kommentare (33)

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Herr Paul Kersey

20.11.2015, 11:55 Uhr

Tja, Mail ist weit weg. Und schon verstummen die ganzen Kommentatoren.
Betrifft uns ja nicht mehr. Oder doch? Demnächst entlastet die Bundeswehr die Franzosen in Mali. Und das ist Kampfgebiet!

Herr Werner Reuter

20.11.2015, 12:09 Uhr

Jetzt merkt hoffentlich auch der letzte Antimilitarist und Zögerer, dass man mit Sonnenblumen und Yogakursen diesen Terroristen nicht beikommen wird. Deutschland steht bei denen genauso auf der Liste wie Frankreich, und wir haben genügend hervorragend ausgebildete und gewaltbereite Islamisten im Land. Wenn Berlin weiter untätig bleibt, nur debattiert und sich nicht an die Seite Frankreichs stellt, werden wir sehr teuer dafür bezahlen!

Frau Mag de Lorraine

20.11.2015, 12:10 Uhr

Für mich liegt es nicht daran, dass sich das in Mali abspielt. Mich macht der Schrecken zunächst einmal stumm. In der letzten Zeit stürmt einfach zu viel Unfassbares auf einen ein. Wie soll man das alles verarbeiten.

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