Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.07.2015

20:08 Uhr

Terror in Nigeria

Gewalt zum Ende der Fastenzeit

Extremisten greifen in dem westafrikanischen Land Muslime wie Christen an. Dahinter steht offenbar die Terrorgruppe Boko Haram, die dem Aufruf der Terrormiliz IS zu Gewalt während des Ramadan folgt.

Leichen der Getöteten in Stoff- und Plastiksäcken: Die Gewalt raubte mehr als 60 Menschen das Leben. AFP

Terroropfer in Jos

Leichen der Getöteten in Stoff- und Plastiksäcken: Die Gewalt raubte mehr als 60 Menschen das Leben.

JosNeue Anschläge während des muslimischen Fastenmonats Ramadan haben in Nigeria mehr als 60 Menschen das Leben gekostet. Mutmaßliche Selbstmordattentäter der radikalislamischen Terrorgruppe Boko Haram sprengten sich am Sonntagabend in der Stadt Jos nordöstlich der Hauptstadt Abuja in einer Moschee und einem muslimischen Restaurant in die Luft, wie die Nationale Katastrophenschutzbehörde am Montag mitteilte. 51 Menschen, die bei den beiden Anschlägen ums Leben kamen, wurden beerdigt.

Vor dem Doppelattentat in Jos hatte eine Selbstmordattentäterin in einer evangelischen Kirche in Potiskum im Nordosten des Landes ihren Sprengsatz gezündet und fünf Menschen in den Tod gerissen. Bei Überfällen auf Dörfer im Nordosten Nigerias töteten Extremisten zudem neun Dorfbewohner und setzten 32 Kirchen sowie rund 300 Häuser in Brand, wie ein Vertreter einer Selbstverteidigungsgruppe im Staat Borno sagte. Die Bürgerwehr habe drei Extremisten getötet.

Der Anschlag in der Yantaya-Moschee von Jos ereignete sich laut Behördenangaben, als ein Geistlicher einer Organisation, die sich für ein friedliches Nebeneinander einsetzt, zu der Menge sprach. Ein Mann eröffnete das Feuer auf den Prediger, der gegen Boko Haram gesprochen hatte. Anschließend sprengte er sich in die Luft. Die andere Bombe explodierte in dem häufig von Politikern besuchten Restaurant Shagalinku. Ein Augenzeuge sagte, die Gaststätte sei zerstört worden, er habe viele blutüberströmte Menschen gesehen.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

Jos war in der Vergangenheit häufiger Ziel von Anschlägen der Terrorgruppe Boko Haram. Die Stadt im Bundesstaat Pateau liegt im Zentrum des Landes, an der Grenze zwischen dem vorwiegend muslimischen Norden und dem mehrheitlich christlichen Süden Nigerias.

Die Terrormiliz Islamischer Staat, der sich Boko Haram unterstellt hatte, hatte zu Anschlägen im Fastenmonat Ramadan aufgerufen. In der vergangenen Woche hatten die Extremisten bei Anschlägen im Nordosten Nigerias mehr als 200 Menschen getötet.

Boko Haram will im Nordosten Nigerias einen islamischen Gottesstaat errichten und kämpft seit 2009 mit Gewalt dafür. Mehr als 13 000 Menschen kamen bisher ums Leben, 1,5 Millionen mussten fliehen. 2014 eroberten die Extremisten größere Teile Nigerias und riefen dort ein Kalifat aus. Mehrere Nachbarstaaten helfen seit einigen Monaten Nigeria im Kampf gegen Boko Haram. Zuletzt nahmen deren Angriffe und Bombenanschläge aber wieder zu.

Von

ap

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×