Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.05.2014

07:05 Uhr

Terror in Nigeria

Im Würgegriff der Islamisten

VonWolfgang Drechsler

300 Schülerinnen hat die islamistische Terrororganisation Boko Haram in Nigeria entführt. Die selbst ernannten „Taliban“ verbreiten im Land Angst und Schrecken. Und die Machthaber schauen untätig zu.

Die Untätigkeit der Machthaber im Entführungsfall sorgt in der nigerianischen Bevölkerung für Empörung. dpa

Die Untätigkeit der Machthaber im Entführungsfall sorgt in der nigerianischen Bevölkerung für Empörung.

KapstadtNie zuvor in der Geschichte des Weltwirtschaftsforums dürfte ein Regionalgipfel der Organisation unter derart strikten Sicherheitsvorkehrungen stattgefunden haben wie der Africa summit diese Woche in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Mehr als 6000 Soldaten und Polizisten sind hier seit Mittwoch im Einsatz, um die Sicherheit der rund 1000 Teilnehmer zu garantieren, darunter der chinesische Premier Li Keqiang, eine Reihe afrikanischer Staatschefs aber auch Manager wichtiger Unternehmen und NGOs. Alle Schulen und Regierungseinrichtungen bleiben in dieser Woche in Abuja geschlossen, um die Überwachung der einst künstlich aus dem Boden gestampften Hauptstadt im Herzen Nigerias ein wenig zu vereinfachen.

Zwei schwere Bombenanschläge der radikalen Islamistensekte Boko Haram in Abuja im letzten Monat, bei denen fast 100 Menschen umkamen, haben dem erstmals in Nigeria ausgerichteten Afrika-Gipfel eine völlig neue Dimension gegeben. Statt über Nigeria und sein vermeintlich so großes wirtschaftliches Potenzial werden die Delegierten nun wohl weit mehr und länger über die Eskalation der politischen Gewalt und die Zukunft des Ölstaates sprechen, den einige Beobachter bereits als „failed state“ definieren. Mehr als 1500 Menschen sind allein in den ersten drei Monaten des Jahres ganz überwiegend  im islamisch geprägten Nordosten des Landes von Boko Haram ermordet worden, ohne dass die Regierung, die dort angeblich seit Monaten eine Offensive durchführt, irgendetwas entgegenzusetzen hätte.

Die EU und Afrika

Bildung, Gesundheit und Zivilgesellschaft

Die EU fördert afrikanische Staaten bei der Ausbildung. Mehr als zwölf Millionen Menschen hat sie nach eigenen Angaben zwischen 2007 und 2013 bei ihrer Schul- oder Berufsausbildung unterstützt. Tausende Studenten erhielten Stipendien oder nahmen am Erasmus-Austauschprogramm teil. 178 Millionen Euro flossen in den vergangenen sieben Jahren in mehr als 600 afrikanische Forschungsprojekte zu Ernährungssicherheit, Klimawandel, Gesundheit und Energie. Auch zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten und für den Kampf gegen den Klimawandel stellt die EU Geld bereit.

Wachstum und Handel

Europa ist der wichtigste Partner Afrikas in der Entwicklungshilfe. Zwischen 2007 und 2013 unterstützten die EU und ihre Staaten Afrikas Entwicklung mit rund 141 Milliarden Euro. Der Handel zwischen Europa und Afrika wächst seit Jahren – in beide Richtungen. 2013 exportierten die EU-Staaten Waren im Wert von 153 Milliarden Euro auf den afrikanischen Kontinent. Das war ein Rekord, wie die EU-Statistikbehörde Eurostat meldete. Frankreich, Deutschland und Italien waren die größten Exporteure. Deutschlands Ausfuhren nach Afrika summierten sich 2013 auf 22 Milliarden Euro. Umgekehrt ist die EU für Afrika der größte Handelspartner, dorthin gehen 40 Prozent aller afrikanischen Ausfuhren. Die afrikanischen Staaten verkauften im vergangenen Jahr Waren für 168 Milliarden Euro nach Europa.

Friedenssicherung

Im vergangenen Jahrzehnt hat die EU 16 EU-Missionen nach Afrika geschickt, um Krisen zu bewältigen und den Frieden zu sichern. Darunter waren nach Angaben des EU-Rates sieben Militäroperationen etwa im Kongo, Somalia und Mali sowie 9 zivile Missionen wie in Kinshasa oder im Sudan/Darfur. Derzeit sind mehr als 2300 Männer und Frauen unter der EU-Flagge bei EU-Friedensmissionen in Afrika im Einsatz. Seit 2004 hat die EU 1,2 Milliarden Euro zur Unterstützung afrikanischer Operationen zur Friedenssicherung bereitgestellt.

Erst am Montag waren bei einem weiteren nächtlichen Angriff der Sekte auf eine Kleinstadt in der Region mindestens 300 Menschen wahllos ermordet worden. So groß ist die Verunsicherung der Regierung und von Staatschef Goodluck Jonathan, dass dieser aus Sorge darum, welchen Effekt die Gewalttaten auf den Gipfel haben könnten, die Entführung von mehr als 300 Schülerinnen aus einem Mädcheninternat lange Zeit einfach ignorierte. 

Erst am vergangenen Sonntag, über drei Wochen nach der Entführung, hatte Jonathan  unter dem zunehmenden Druck der Weltöffentlichkeit erstmals öffentlich Stellung zu dem Drama bezogen und eine sichere Rückführung der Mädchen versprochen. Gleichzeitig musste er damals jedoch zugeben, dass weder seine Regierung noch das Militär irgendeinen Anhaltspunkt dafür haben, wo sich die Mädchen derzeit befänden und deshalb auch noch nichts unternommen hätten. Kein Wunder, dass die Empörung im eigenen Volk aber auch  weltweit danach überschwappte und Beobachter von einer Bankrotterklärung der Regierung sprachen. Noch nie, so hieß es, sei der Bevölkerung  des Landes die Unfähigkeit der eigenen Elite derart drastisch vor Augen geführt worden.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

09.05.2014, 08:30 Uhr

Islamistischen Terroristen, "Taliban", alCIAda etc, die plötzlich aktiv werden und in den Fokus geraten, sind immer ein Anlaß dafür, stutzig zu werden. Terroristen leben nicht im luftleeren Raum, sondern müssen finanziert und mit Waffen versorgt werden. Und da fallen einem immer bestimmte Geheimdienste ein.

Das Muster hier kommt einem jedenfalls bekannt vor: Terrorprobleme schaffen, damit die Inkompetenz einer un-kooperativen Regierung zeigen (z.B. einer solchen, die mit China Projekte macht) und dann "Hilfe" bei der Lösung anbieten: natürlich US-Soldaten, die sofort und bereitwillig zur Hilfe bei der Suche nach den Terroristen angeboten wurden. Bei diesem Muster sollten immer die Alarmglocken schrillen!

Zeit für einen Blick auf die Karte mit eventuell geplanten Gasleitungen:

http://en.wikipedia.org/wiki/Trans-Saharan_gas_pipeline

Ich habe mich bereits die ganze Zeit gewundert, warum Algerien (ein Gas-/Öl-Produzent beim "Arabischen Frühling" bis auf eine Terroraktion mit Geiselnahme westlicher Arbeiter bei der Öl-Gas-Infrastruktur bislang außen vor blieb - denn via Algerien gibt es existierende und vor allem geplante Gaspipelines, die eine weitere Gasroute nach Europa bilden. Und am Ende einer dieser (geplanten) Gasleitungen liegt Nigeria (beide Staaten haben Gasvorkommen, die unter den größten der Welt sind). Zudem schwänzeln, wie in vielen rohstoffreichen afrikanischen Staaten, die Chinesen herum und machen den Anglo-Amerikanern durch besser Angebote das Leben schwer.

Jedenfalls: ist es nicht schön, daß unsere "Freunde" die weltweit äußerst hilfsbereite US-Junta (über 700 Militärstützpunkte außerhalb der USA) jetzt auch in Nigeria einen (weiteren) militärischen Fuß in die Türe bekommen wollen - mit dem sie dann die chinesische Konkurrenz heraustreten können. Dann müssen wir uns in Europa ja keine Sorgen über unsere Gasversorgung machen: unsere "Freunde" kontrollieren es ja). Alle Macht (über die Energieträger) den anglo-amerikanischen Ölbaronen!

Account gelöscht!

09.05.2014, 08:40 Uhr

This!

Account gelöscht!

09.05.2014, 09:58 Uhr

Man kann "Islamismus" nicht bekämpfen, und gleichzeitig "den Islam" in Schutz nehmen. Denn es gibt in jeder Kultur und überall einige sehr religiöse Menschen, die ihre Religion sehr ernst nehmen und sich auf deren Fundamente besinnen wollen. Darum gibt es neben vielen gemäßigten Muslimen auch immer einen Teil Fundamentalisten, z.B. Sharia-Befürworter und Jihadisten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×