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20.11.2015

15:44 Uhr

Terror in Paris

Sieben Tage zwischen Grauen und Nähe

VonThomas Hanke

Die Anschläge in Paris haben eine perverse Wirkung: Das Grauen der Gewalt reißt die Mauern zwischen den Menschen ein. Unser Frankreich-Korrespondent erzählt, wie er die Woche nach den Terroranschlägen erlebt hat.

Platz der Republik: Nach den Anschlägen kommen die Menschen auf dem symbolträchtigen Platz, der für die Freiheit steht, zusammen, um zu trauern. dpa

Place de la Republique

Platz der Republik: Nach den Anschlägen kommen die Menschen auf dem symbolträchtigen Platz, der für die Freiheit steht, zusammen, um zu trauern.

ParisVor einer Woche kam der Schrecken nach Paris. Die Stadt und das Land haben sich verändert in diesen sieben Tagen. Die Lähmung der ersten Tage hat sich gelöst, aber Paris hat sich noch nicht wieder gefunden. Die Stimmung ist völlig anders als nach den Anschlägen im Januar, als fast die ganze Redaktion von Charlie Hebdo ermordet wurde und bereits am Abend die ersten spontanen Proteste auf der Place de la République begonnen. Vor zehn Monaten gab es noch die Gewissheit – besser: Illusion - dass das Leben wieder in seine früheren Bahnen zurückkehren würde. Heute wird den Parisern klar, dass sie sich an eine andere Realität gewöhnen müssen. Aber niemand weiß, wie die aussehen wird.

„Nachdem sie die Zelle in Saint-Denis ausgehoben haben, wird es erst mal weniger hektisch werden – bis zum nächsten Anschlag“, bringt es ein Bistrot-Besitzer aus dem 17. Arrondissement auf den Punkt. Sein Restaurant ist weit entfernt vom Ort der Schießereien im 10. Und 11. Arrondissement, aber auch er hat mit den Folgen zu kämpfen: Viele Pariser wollen nicht mehr ausgehen. Ganz ruhig fügt er hinzu: „Ein Kollege von mir ist ermordet worden, und sein Oberkellner. 15 Jahre lang habe ich sie jeden Tag gesehen, jetzt leben sie nicht mehr.“

Thomas Hanke

Der Autor

Thomas Hanke ist Handelsblatt-Korrespondent in Paris.

Immer noch erfahren Menschen, dass sie entfernte Freunde verloren haben. Man redet darüber, auch mit Leuten, mit denen man sonst nicht über Persönliches spricht. Perverse Wirkung der Anschläge: Das Grauen der Gewalt reißt die Mauern zwischen den Menschen ein, der Kältepanzer, mit dem sich jeder in der Großstadt umgibt, wird brüchig. Feste Verhaltensroutinen ändern sich. In der Metro ist es üblich, dass man sich nicht ansieht. Lange Blicke auf das Gegenüber gelten als Aggression. Doch jetzt blickt man sich plötzlich in die Augen, redet vielleicht sogar mit einander.

Die Namen hinter dem Horror von Paris

Identifizierung der Attentäter

Seit den Anschlägen von Paris arbeiten die französischen und belgischen Sicherheitsbehörden an der Identifizierung der getöteten Attentäter und möglicher Unterstützer. Ein Überblick über die bisher Identifizierten. (Quelle: Reuters)

Getötet: Abdelhamid Abaaoud

Mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge von Paris. Der Belgier aus dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek wurde eigentlich in Syrien vermutet. Am Donnerstag teilte die Staatsanwaltschaft mit, er sei bei der Razzia und anschließenden Schießerei am Mittwoch im Pariser Stadtteil Saint-Denis ums Leben gekommen. Offenbar wurde er erschossen.

Getötet: Ismail Omar Mostefai

Der Franzose mit algerischen Wurzeln war am Angriff auf die Konzerthalle Bataclan mit 89 Toten beteiligt. Mostefai lebte zeitweise in der Region von Chartres, südwestlich von Paris. Geboren wurde er in Courcouronnes im Süden der französischen Hauptstadt. Sein Name wurde von den Sicherheitsbehörden bereits 2010 auf eine Liste möglicher radikaler Islamisten gesetzt. Die türkische Regierung hat nach eigenen Angaben Frankreich im Dezember 2014 und im Juni 2015 wegen Mostefai kontaktiert, aber erst nach den Anschlägen eine offizielle Anfrage aus Frankreich erhalten.

Getötet: Samy Amimour

Der Franzose war ebenfalls am Angriff auf das Bataclan beteiligt. Er lebte in Drancy in der Nähe des nördlichen Pariser Stadtteils Saint-Denis, wo es am Mittwoch zu einer Schießerei mit einer mutmaßlichen zweiten Islamisten-Zelle kam. Amimour wurde seit Ende 2013 international gesucht. Seit Oktober 2012 wurde er von den Behörden beobachtet, weil der Verdacht bestand, er könnte sich in den Jemen absetzen.

Getötet: Fouad Mohamed Aggad

Er ist einer der drei Männer, die das Blutbad in der Konzerthalle Bataclan anrichteten. Der 23-Jährige kam aus dem französischen Straßburg und hatte vor den Anschlägen in Syrien gekämpft. Gemeinsam mit Amimour und Mostefaï hatte Aggad 89 Menschen in der Konzerthalle getötet. Als die Polizei das Gebäude stürmte, sprengte er sich in die Luft.

Getötet: Brahim Abdeslam

Der Franzose lebte in Belgien. Er sprengte sich vor dem Café Comptoir Voltaire in die Luft. Bruder des noch immer gesuchten Verdächtigen Salah Abdeslam.

Getötet: Bilal Hafdi

Einer der drei Angreifer auf das Pariser Fußballstadion Stade de France. 20 Jahre jung.

Unklar: Ahmad Al Mohammad

Bei einem weiteren Selbstmordattentäter beim Stade de France wurde ein Pass auf den Namen Ahmad Al Mohammad, 25 Jahre alt, aus dem syrischen Idlib gefunden. Die Fingerabdrücke des Mannes passen zusammen mit denen eines Flüchtlings, der unter dem Namen im Pass im Oktober 2015 in Griechenland registriert worden war. Über den dritten Selbstmordattentäter am Stade de France ist bisher nichts bekannt.

Gesucht: Salah Abdeslam

Der in Brüssel geborene Franzose wird verdächtigt, einen schwarzen VW Polo gemietet zu haben, der bei den Attacken in Paris eingesetzt wurde. Der Anwalt Xavier Carette sagte dem belgischen Sender RTBF, er sei am Sonntagmorgen von Paris nach Brüssel zurückgekehrt, nachdem er von der französischen Polizei auf dem Weg drei Mal gestoppt worden sei. Abdeslam wird auch Wochen nach dem Anschlag in Mitteleuropa vermutet.

In der Linie 2, die von Dauphine, der renommierten Uni nahe des Bois de Boulogne, über die ärmeren Viertel bei Barbès und Belleville bis Nation fährt, geschieht am Dienstag etwas Unerhörtes: Der Fahrer meldet sich über Lautsprecher zu Wort, einer von denen, die sonst nur „bitte blockieren Sie nicht die Türen“ sagen dürfen. „Guten Tag. Es ist nicht leicht, die richtigen Worte zu finden, um die Stimmung aufzuhellen – nach allem, was an diesem Wochenende passiert ist. Ich will nur sagen, ich habe meinen Job noch nie so geliebt, und ich bin froh, dass Sie heute hier sind und ich Sie fahren kann.“

Die Anti-Terror-Strategie der G20

Prävention

Prävention und Abwehr von Terroranschlägen in „verstärkter internationaler Solidarität und Kooperation“.

Zusammenarbeit

Mehr Zusammenarbeit und Informationsaustausch beim Einfrieren der Vermögenswerte von Terroristen.

Bewegungsfreiheit von Terroristen einschränken

Sie werden als Gefahr für die Ursprungs-, Transit- und Zielländer eingestuft. Deshalb Informationsaustausch über die Bewegungen von Terroristen, besserer Grenzschutz, strafrechtliche Verfolgung illegaler Reisen.

Kampf gegen Propaganda

Verbesserte Sicherheit im globalen Luftverkehr, Abwehr der Radikalisierung und Rekrutierung durch Terroristen, Kampf gegen terroristische Propaganda im Internet, Gegenpropaganda

Die Rolle der Vereinten Nationen

Unterstützung der Zivilgesellschaft bei der Abwehr von gewalttätigem Extremismus. Vereinte Nationen sollen zentrale Rolle spielen. Die Staaten sagen zu, im Kampf gegen den Terror internationales Recht und die Uno-Konventionen für Menschen- und Flüchtlingsrechte einzuhalten.

Die Reaktion auf den Terror hat eben mindestens zwei Dimensionen: Man sucht die Nähe zum Mitmenschen, auch wenn man gleichzeitig besorgt ist, was im nächsten Moment geschehen könnte. Der Kopf macht sich selbständig: Wenn jetzt hier jemand anfängt zu schießen, wo kann ich dann hin? Gibt es irgendwelche Fluchtwege? Wäre ich nicht sowieso einfach wie gelähmt?

Auch schlimme Gedanken kommen auf, Gewaltfantasien, der Wunsch, es denen heimzuzahlen. Und spontane Zuneigung zu den Parisern, den Franzosen, die so hart geprüft werden. Ich liebe ihre gemäßigte, zivile Reaktion auf die Bluttaten. Die Sprache der Regierung ist martialisch, aber bei den Bürgern kommt keine Lynch-Stimmung auf. Und sie freuen sich über alle Zeichen der Anteilnahme aus dem Ausland.

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