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13.08.2016

08:15 Uhr

Terror und Tourismus in Frankreich

Flüchten oder ausweichen?

VonThomas Hanke

Nach dem Terror stornieren viele Urlauber ihre Reise nach Frankreich. Die Touristenhochburgen an der Côte d’Azur versuchen sich an kreativen Ausweichstrategien. Auch der Schüleraustausch mit Deutschland leidet.

Diese Sonnenhungrigen lassen sich den Spaß am schönen Wetter trotz Terrors nicht nehmen. AFP; Files; Francois Guillot

Sommer in Paris

Diese Sonnenhungrigen lassen sich den Spaß am schönen Wetter trotz Terrors nicht nehmen.

NizzaSieht so eine Tourismus-Krise aus? Ein Sonnenschirm am anderen, die Liegestühle stehen Flanke an Flanke, die Badegäste planschen dicht an dicht im Mittelmeer: Am Strand vor der Promenade des Anglais in Nizza bekommt man nicht den Eindruck, dass der Fremdenverkehr eingebrochen ist, seit ein Terrorist hier vor gut drei Wochen 85 Menschen getötet hat. Doch genau das ist geschehen: 14 Prozent weniger Buchungen melden die Hoteliers in Nizza, und nicht nur sie. Auch andere Städte an der Côte d’Azur wie Cannes sind im gleichen Ausmaß betroffen.

Der Rückgang um 14 Prozent hört sich eindrucksvoll an, aber noch nicht dramatisch. Was er nicht auf den ersten Blick erkennen lässt: Die Gäste, die stornieren, sind vor allem die wohlhabendsten. „Kunden mit hoher Kaufkraft, wie die Amerikaner, sind besonders sensibel und reagieren sehr schnell“, weiß Veruschka Becquart von „Atout France“, der staatlichen Behörde zur Förderung des Tourismus. Vor allem die teuren Hotels und Restaurants leiden deshalb unter dem Ausbleiben der Touristen, der wirtschaftliche Schaden ist höher, als der Rückgang an Übernachtungen anzeigt.

Der Tourismus-Verband der weltberühmten Küste hat deshalb eine Blitzaktion gestartet, um zu retten, was zu retten ist. Atout France unterstützt die Côte d’Azur und die Hauptstadt Paris, die noch stärker betroffen ist. Gemeinsam mit dem Fremdenverkehrsamt der Côte d’Azur will man „eine positive Botschaft senden, zeigen, dass das Leben weitergeht“. sagt Becquart. Ob die Botschaft noch rechtzeitig ankommt, ist die Frage: Juli und August sind für die Küste die wichtigsten Monate des Jahres, und die sind schon bald vorbei.

Frankreich

Bruttoinlandsprodukt

Nach Daten des IMF betrug das französische BIP im vergangenen Jahr rund 2,42 Billionen US-Dollar. Im europäischen Vergleich steht das Land damit an dritter Stelle hinter Spitzenreiter Deutschland und Großbritannien. Was zunächst positiv klingt, erscheint mit Blick in die frühe Vergangenheit gar nicht mehr allzu rosig. Nur ein Jahr zuvor hatte das Bruttoinlandsprodukt noch fast 400 Milliarden US-Dollar mehr auf dem Konto – und stand damit auch vor dem Vereinigten Königreich. Vom Allzeithoch aus dem Jahr 2008 (2,94 Billionen US-Dollar) ist Frankreich ein gutes Stück entfernt.

Einwohnerzahl

Im „französischen Mutterland“ lebten zu Beginn des zurückliegenden Jahres 64.204.247 Menschen. Nimmt man die Überseedépartements Guadeloupe, Martinique, Französisch-Guayana, Réunion und Mayotte hinzu, kommt die französische Republik auf über 66,3 Millionen Einwohner. Einer Prognose von Eurostat zufolge wird das zweitbevölkerungsreichste Land Europas bis 2050 sehr nah an die künftigen Zahlen aus Deutschland herankommen – knapp über 74 Millionen Menschen sollen beide Staaten dann jeweils beherbergen.

Bevölkerungsdichte

Mit rund 550 km² ist Frankreich auch ohne die dazugehörigen Überseeinseln und -gebiete bereits das flächenmäßig größte Land in Europa. Dementsprechend viel Platz steht den zahlreichen Franzosen zur Verfügung, was sich auf die Bevölkerungsdichte auswirkt. Mit 117 Einwohnern pro Quadratkilometer befindet sich die Republik so nah am EU-weiten Durchschnitt (116,3) wie kein anderes europäisches Land.

Staatsoberhaupt

Mit der Annahme einer neuen Verfassung im Oktober 1958 wurde in Frankreich die sogenannte „Fünfte Republik“ eingeführt. Beginnend mit Charles de Gaulle standen seither sieben Präsidenten an der Spitze des Staates. Seit Mitte 2012 hat François Hollande das höchste Amt inne, der nach der erfolgreichen Wahl den bis dahin amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy vorzeitig ablöste.

Nationalhymne

Die „Marseillaise“ ist seit 1795 die offizielle französische Nationalhymne. Drei Jahre zuvor wurde sie von Claude Joseph Rouget de Lisle verfasst – allerdings als Kriegserklärung an Österreich. Unter dem Titel „Chant de guerre pour l’armée du Rhin“ („Kriegslied für die Rheinarmee“) war sie dem Oberbefehlshaber und Gouverneur von Straßburg, Nikolaus von Luckner, gewidmet und ertönt bis heute in dessen Geburtsort, Cham in der Oberpflaz, täglich als Glockenspiel auf dem Marktplatz. Das Lied wurde beim Einzug in Paris von Soldaten aus Marseille gesungen, wodurch der bekannte Titel zustande kam.

Das Problem mit den Rechten

Der Name der rechtsradikalen Partei Front National tauchte in der jüngsten Vergangenheit häufig in den Medien auf. Dabei konnte die Partei rund um deren Vorsitzende Marine Le Pen bereits in den 1980er Jahren erste Erfolge verbuchen – und das aus denselben Gründen wie heute. Der wirtschaftliche Pessimismus innerhalb des Landes brachte dem FN zweimal in Folge mindestens einen Sitz in der Nationalversammlung. Aus der Europawahl 2014 ging der FN mit 24,86% der Stimmen als Sieger unter den französischen Parteien hervor. Bei der Präsidentenwahl im nächsten Jahr werden Le Pen gute Ergebnisse prognostiziert – wenngleich es nicht ganz für das Amt reichen solle.

Französische Revolution

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ist nicht nur der Wahlspruch der Republik Haiti sowie der heutigen Französischen Republik, sondern auch das Motto der Französischen Revolution, die ab 1789 grundlegende Werte und Ideen der Aufklärung propagierte und umsetzte. Sie hatte signifikante gesellschaftspolitische Veränderungen auf dem ganzen Kontinent zur Folge. Die heutige französische Verfassung verweist auf die zu jener Zeit entstandene „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ und enthält sonst keinen eigenen Grundrechtekatalog.

Einen „ehrgeizigen Plan in mehreren Etappen“ beschreibt Sophie Brugerolles vom regionalen Tourismusverband der Côte d’Azur. Das Département und Städte wie Nizza und Cannes starten eine Werbekampagne in Italien, Deutschland, Großbritannien, Schweden, Norwegen, USA, Russland und China. Mit Plakaten und einem speziellen Video eines bekannten Youtubers soll die fröhliche Seite der Côte d’Azur gezeigt werden. Die Lufthansa ist mit dabei: Sie beteiligt sich mit ihrer Tochter Eurowings, die in den Städten wirbt, von denen aus sie Nizza ansteuert.

Die Experten wissen mittlerweile aus Paris, dass nicht nur ein vorübergehender Rückgang droht, sondern eine dauerhafte Delle. In Paris begannen die Besucher schon nach dem Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo im Januar 2015 auszubleiben. Der Mordanschlag in den Pariser Straßencafés und im Musikclub Bataclan vom 13. November hat die Tendenz deutlich verschärft. Und obwohl es seitdem in Paris keinen großen Anschlag mehr gab, meiden viele Paris-Interessierte die Stadt auch in diesem Jahr. Die meldete im Juli ein Minus von 20 Prozent bei den Übernachtungen. Auch hier sind es vor allem die Leute, die sonst Etablissements mit vier und fünf Sternen oder mit Palace-Status aufsuchen, die nun ausbleiben. Einen vergleichbaren Effekt will man an der Côte d’Azur vermeiden.

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