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31.12.2013

10:35 Uhr

Terror von Wolgograd

Bomben statt Böller

Nach zwei Anschlägen beherrscht die Angst Wolgograd, das russische Silvester steht unter dem Eindruck des Terrors. Präsident Putin verschärft die Kontrollen. Mit Spannung wird seine Neujahrsbotschaft erwartet.

Silvesterfeierlichkeiten im Schatten der Anschläge: In Wolgograd wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. dpa

Silvesterfeierlichkeiten im Schatten der Anschläge: In Wolgograd wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt.

Wolgograd/BerlinJahreswechsel im Zeichen des Terrors: Nach der blutigen Anschlagsserie von Wolgograd sind in Russland viele Silvesterfeiern abgesagt und die Sicherheitsvorkehrungen deutlich verschärft worden. Mit Spannung wurde erwartet, ob Präsident Wladimir Putin in seiner traditionellen Ansprache in der Silvesternacht Bezug nimmt auf den Bombenterror. Der Kremlchef hatte nach Medienberichten eigentlich seine Landsleute festlich auf das Olympia-Jahr einstimmen wollen. Die Rede wird vom Staatsfernsehen landesweit übertragen. In der südrussischen Stadt Wolgograd hatten zwei Selbstmordattentäter binnen 24 Stunden mehr als 30 Menschen mit in den Tod gerissen.

16 Menschen starben, als am Montagmorgen ein Attentäter in einem voll besetzten Bus einen mit Metallstücken gefüllten Sprengsatz zündete. Am Sonntag waren bei einer Bombenexplosion im Bahnhof der Stadt 18 Menschen getötet worden. Es war der dritte Terrorangriff in der Millionenstadt seit Ende Oktober. Am Dienstag sollten noch einige Verletzte von Wolgograd in Spezialkliniken nach Moskau geflogen werden.

Als Reaktion auf die Anschläge sagte die Verwaltung von Wolgograd alle offiziellen Silvesterfeiern ab. Auch eine geplante Trauerfeier wurde aus Sicherheitsgründen verschoben. Einige Städte wie St. Petersburg kündigten an, aus Mitgefühl auf größere Neujahrsfeste zu verzichten. Staatliche TV-Sender strichen Unterhaltungsshows.

Terror-Angst vor Olympia: Putin macht Sotschi zum Sperrgebiet

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Wird die Olympiade des Sports zur Olympiade des Terrors? Die Anschläge von Wolgograd schüren die Angst vor Attentaten während der Spiele. Die Folge: Sotschi wird Hochsicherheitstrakt. Und sogar die USA bieten Hilfe an.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen reagierte empört auf den zweiten Anschlag und verurteilte beide Angriffe scharf. „Diese abscheulichen und grässlichen Taten richten sich auf öffentlichen Plätzen willkürlich gegen unschuldige Menschen“, hieß es in einer Erklärung aus New York. Auch die Bundesregierung und Bundespräsident Joachim Gauck verurteilten den Anschlag.

Die russische Regierung macht Extremisten aus dem Konfliktgebiet Nordkaukasus für die Attentate verantwortlich, zu denen sich zunächst niemand offiziell bekannt hatte. Islamisten hatten mit Anschlägen gedroht, um die Vorbereitungen der Olympischen Winterspiele in Sotschi (7. bis 23. Februar 2014) zu stören. Wolgograd liegt etwa 700 Kilometer von Sotschi entfernt. Im Nordkaukasus kämpfen Islamisten für einen unabhängigen „Gottesstaat“. Die Oberhäupter muslimischer Gemeinden distanzierten sich am Montag von den Anschlägen.

Die Sicherheitskräfte in Wolgograd suchten mit Hochdruck nach möglichen Komplizen der Attentäter. Das Innenministerium habe 5200 Polizisten in die Industriestadt abkommandiert, sagte Sprecher Andrej Piliptschuk. Bei Razzien seien mindestens 87 Menschen festgenommen worden, deren Dokumente nicht in Ordnung gewesen seien.

Terror in Russland – Bomben und Geiselnahmen

Oktober 2002

Tschetschenen überfallen ein Moskauer Musical-Theater und nehmen mehr als 800 Geiseln. Nach drei Tagen stürmt die Polizei das Gebäude. 129 Geiseln und alle 41 Terroristen sterben.

August 2004

Nahezu gleichzeitig stürzen zwei russische Passagiermaschinen ab. Alle 90 Menschen an Bord kommen ums Leben. In beiden Maschinen hatten Selbstmordattentäterinnen aus Tschetschenien Bomben gezündet.

September 2004

Bewaffnete überfallen eine Schule in Beslan (Nordossetien) und nehmen 1.100 Kinder, Eltern und Lehrer als Geiseln. Das Terrordrama endet mit 360 Toten. Als einer der Drahtzieher gilt der tschetschenische Rebellenführer Schamil Bassajew.

November 2009

Bei einem Sprengstoffanschlag auf den Schnellzug Moskau-St. Petersburg kommen mindestens 26 Menschen ums Leben. Der tschetschenische Terrorist Doku Umarow bekennt sich zu dem Anschlag und kündigt einen „Sabotagekrieg“ gegen die „blutige Besatzungspolitik“ Moskaus im Kaukasus an.

Januar 2011

Bei einem Selbstmordanschlag auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo sterben mindestens 37 Menschen. Drahtzieher der Sprengstoffattacke ist wieder Doku Umarow, der der russischen Regierung per Video mit weiteren Anschlägen droht.

Oktober 2013

Mit einer Bombe in einem Linienbus in Wolgograd tötet eine Selbstmordattentäterin sechs Insassen und sich selbst. Mehr als 30 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Fahnder vermuten, dass Islamisten aus dem Nordkaukasus der Frau die Bombe übergeben haben.

Dezember 2013

Im Bahnhof der Millionenstadt Wolgograd zünden Terroristen am 29.12. eine mit Nägeln und Schrauben gefüllte Bombe. Bei dem Selbstmordanschlag sterben mindestens 17 Menschen. Nur einen Tag später sterben bei einer Explosion in einem Bus in Wolgograd weitere 14 Menschen. Auch hier gehen die Ermittler von einem Selbstmordanschlag aus.

Trotz der Anschläge sei die Sicherheit der Spiele gewährleistet, sagte der Chef des Nationalen Olympischen Komitees, Alexander Schukow. Alle notwendigen Schritte seien unternommen. Schon jetzt gelten die Maßnahmen in Sotschi als extrem hoch. Kritiker beklagen eine „Totalüberwachung“. Putin beriet sich über die Sicherheitslage auch mit Regierungschef Dmitri Medwedew.

Unterdessen haben die USA Russland eine engere Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen für die Spiele in Sotschi angeboten. Die Bombenexplosionen zeigten die Notwendigkeit für eine bessere Kooperation mit Russland, sagte ein Vertreter des US-Außenministeriums am Montag. Die US-Bürger, die an den Spielen teilnehmen wollten, müssten beschützt werden.

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