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15.10.2015

14:41 Uhr

Terrorangst in Israel

Überall kann es die Menschen treffen

VonPierre Heumann

Was der israelische Rundfunk am Samstagmorgen berichtet, ist gruselige Routine. In Hebron und in Jerusalem sei es erneut zu Terrorattacken gekommen. Im Internet kursieren Anleitungen zum Töten mit Messern.

Alltag in Israel: Palästinenser protestieren, israelische Soldaten antworten mit Tränengas. Diese Szene aus Ramallah stammt von diesem Samstag. ap

Israel: Unruhen weiten sich aus

Alltag in Israel: Palästinenser protestieren, israelische Soldaten antworten mit Tränengas. Diese Szene aus Ramallah stammt von diesem Samstag.

Tel AvivDreimal stachen die Täter mit einem Messer zu, und dreimal wurden sie auf der Stelle getötet. Die Tatwaffen waren erneut primitiv – aber sie waren spitz und scharf, und sie können tödlich sein. Die jüngste Gewaltwelle begann am 1. Oktober mit der Ermordung eines israelischen Paars in der Jerusalemer Altstadt. Allein in den vergangenen zwei Wochen kam es in Jerusalem zu mehr als einem Dutzend ähnlicher Attacken. Hinzu kommen zahlreiche Terrorangriffe in anderen Städten.

Israelis leben jetzt mit der beständigen Angst, dass es sie auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule, ins Kino oder beim Einkaufen im Geschäft um die Ecke treffen könnte. Ein Augenschein am Freitag zeigte in Tel Aviv, dass auf den sonst gut frequentierten Märkten oder in den Bussen deutlich weniger Menschen unterwegs waren als sonst. Kaffeehäuser und Restaurants beklagen Umsatzeinbußen, weil die Kunden aus Besorgtheit zuhause bleiben. Um sich vor dem Terror zu schützen, kaufen viele Pfeffersprays, schreiben sich in Karate-Kursen ein oder besorgen sich einen Waffenschein. In Jerusalem hat der Bürgermeister die Besitzer von Waffenscheinen aufgefordert, die Wohnung nicht ohne Revolver zu verlassen.

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Das Profil der palästinensischen Attentäter unterscheidet sich von früheren Terrorwellen. Es handelt sich in der Regel entweder um Teenager oder, wie in Hebron am Morgen, um Frauen. „Der Jüngste, den wir festnahmen, war noch keine zehn Jahre alt“, sagt ein Armeesprecher. Die Messerstecher sind nicht in einer Partei organisiert, verfolgen keine ideologischen Ziele und arm sind sie auch nicht. Mitunter sind sie Teil der israelischen Gesellschaft. Ein Attentäter war zum Beispiel für die größte Telefongesellschaft tätig, eine andere Terroristin studierte an einer israelischen Universität.

Parteien in Israel

Likud

Der Ursprung der Likud-Partei liegt in der 1948 gegründeten Partei Cherut. 1977 stellte Likud mit Menachem Begin zum ersten Mal den israelischen Regierungschef. Der aktuelle Ministerpräsident und Parteivorsitzende Benjamin Netanjahu war bereits von 1996 bis 1999 Ministerpräsident Israels. Likud gehört zu den Arbeiterparteien und steht für den Ausbau israelischer Siedlungen im Westjordanland. Nationalkonservative Grundsätze zeichnen Likud genauso wie ihre zionistische Weltsicht aus.

Kadima

Die vom damaligen Ministerpräsident Ariel Scharon 2005 gegründete Kadima-Partei hat ihren Ursprung bei der rechtskonservativen Likud. Kadima gehört zu den liberalen Parteien und strebt mithilfe der „Road Map“ eine Beendigung des israelisch-palästinensischen Konflikts an. Parteivorsitzender ist Schaul Mofas.

Awoda

Die Awoda ist eine israelische Arbeitspartei und wurde 1968 gegründet. Im Zentrum stehen sozial- und wirtschaftspolitische Fragen. Aber auch der Konflikt mit Palästina spielt bei Awoda eine zentrale Rolle. Die Arbeitspartei verfolgt hier einen ähnlichen Ansatz wie Kadima. Mithilfe von Verhandlungen mit nicht gewalttätigen palästinensischen Gruppierungen soll Frieden zwischen den Nationen hergestellt werden. Der aktuelle Parteivorsitzende ist Jitzchak Herzog.

HaBajit jaJehudi

Die Partei „Jüdische Heimat“ zählt zu den ultrakonservativen Gruppen im israelischen Parlament und ist aktuelle Koalitionspartner von Benjamin Netanjahu. Die von nationalreligiösen Politikern geführte Partei setzt sich besonders für israelische Siedler im Westjordanland ein.

Schas

Die ultraorthodoxe Partei Schas gehört zu den Hardlinern im Parlament. Sie verfolgen eine kompromisslose Politik gegenüber den Palästinensern und stufen Homosexualität als Krankheit ein. Dennoch war Schas an einigen Regierungen beteiligt. Seit 2013 gehört sie der Opposition an.

Jesch Atid

Die Zukunftspartei unter den Vorsitzenden und Parteigründer Yair Lapid hat sich seit 2012 zu einer Partei der Mitte etabliert. Die Partei fordert eine Wehrpflicht für ultraorthodoxe Juden, die bisher vom Dienst an der Waffe befreit waren. Außerdem wird eine Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern angestrebt.

Hatnua

Die von Tzipni Livni gegründete Hatnua ist ein Abspaltungsprodukt der Kadima-Partei. Hatnua gehört dem Mitte-Links-Spektrum an. Im aktuellen Wahlkampf hat sich die Partei der Awoda zusammengeschlossen. In den Prognosen liegt das Parteibündnis vor der Likud.

Meretz

Die linksgerichtete Meretz hat die Bürgerrechte, die Gleichstellung der Frau und den religiösen Pluralismus im Fokus. Außenpolitisch besitzt Meretz ein Alleinstellungsmerkmal. Als erste zionistische Partei akzeptiert sie einen palästinensischen Staat. Aktuelle Parteivorsitzende ist Zahava Gal-On.

Vereinigte Arabische Liste

Die Vereinigte Arabische Liga setzt sich aus der Balad- und der Taal-Partei zusammen. In ihrem Wahlkampf fordern sie die Etablierung eines palästinensischen Staates, die Räumung der jüdischen Siedlungen und eine Gleichberechtigung zwischen jüdischen und arabischen Israelis.

„Der nationale und der religiöse Kampf sind eng miteinander verbunden“, sagt der Tel Aviver Terrorismusforscher Kobi Michael dem Handelsblatt. Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) habe seit Jahren behauptet, Israel wolle die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg zerstören. Dafür hat sie zwar keine Beweise vorgelegt, weil es keine gibt. Aber die PA, und allen voran Präsident Mahmoud Abbas, habe damit eine explosive Grundlage für die Gewalt gelegt, die jetzt ausgebrochen sei: „Die arabische Revolte ist in Palästina angekommen.“

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