Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.03.2016

16:55 Uhr

Terroranschläge

Wer Brüssel für seine Zwecke instrumentalisiert

VonEva Fischer

AfD-Politiker, Donald Trump und der Kreml nutzen die Terroranschläge, um lautstark ihre Positionen zu vertreten. Angeprangert werden Merkels Flüchtlingskurs – aber auch die Politik des Westens.

Nach den Anschlägen legen die Bewohner der belgischer Hauptstadt Blumen nieder – es gibt aber auch andere Reaktionen. AP

Trauer in Brüssel

Nach den Anschlägen legen die Bewohner der belgischer Hauptstadt Blumen nieder – es gibt aber auch andere Reaktionen.

DüsseldorfWährend sämtliche Politiker bei Twitter ihre Erschütterung und ihr Mitgefühl ausdrücken, sendet Beatrix von Storch ihren Followern kurz nach den Anschlägen „Viele Grüße aus der Brüssel“. Sie habe soeben das EU-Parlament verlassen, twittert die Politikerin, die Stellvertretende Bundessprecherin der AfD ist. Kein Wort der Solidarität gegenüber den Opfern und ihren Verwandten. Auch der Tweet ihres Parteikollegen Marcus Pretzell, nordrhein-westfälischer AfD-Landesvorsitzender und Lebensgefährte von AfD-Chefin Frauke Petry, zeigte keinerlei Mitgefühl: „Alle solidarisch mit den Toten. Wann seid ihr endlich solidarisch mit den Lebenden?“

Doch nicht nur den AfD-Politikern kommen die Terroranschläge für ihre politischen Zwecke gelegen. Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump nutzte die Geschehnisse in Brüssel für seinen Wahlkampf: Er sieht sich durch die Anschläge in seinem harten Kurs bestätigt und prangerte die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an. „Diese Frau“ habe Millionen von Menschen ins Land gelassen, deren Integration „sehr, sehr schwierig und in manchen Fällen unmöglich“ sei, sagte Trump am Dienstag, ohne die Kanzlerin beim Namen zu nennen.

+++ Liveblog zu Anschlägen in Brüssel +++ : Polizei fahndet nach einem der Attentäter

+++ Liveblog zu Anschlägen in Brüssel +++

Polizei fahndet nach einem der Attentäter

Der IS hat sich zu den Terroranschlägen in Brüssel bekannt. Dabei sind am Dienstagmorgen mindestens 30 Menschen gestorben. Die belgischen Ermittler sind einem der Terroristen auf der Spur. Die Ereignisse im Liveblog.

Die Vereinigten Staaten müssten „sehr, sehr wachsam“ darin sein, wen sie in das Land ließen, sagte der Immobilienmilliardär einem amerikanischen Fernsehsender. Unter seiner Präsidentschaft werde es einen radikalen Einwanderungsstopp geben. Außerdem setzte sich der Republikaner erneut für ein pauschales Einreiseverbot für Muslime ein. In seiner Reaktion auf die Anschläge von Brüssel sagte er, angesichts einer solchen Bedrohung würde er „die Grenzen dicht machen, bis wir herausgefunden haben, was los ist.“

Auch die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld nutzte die Anschläge, um gegen Merkels Flüchtlingspolitik zu wettern: „Gelobt sei Angela Merkel, die Warmherzige, die Vorausschauende. Sie hat alles dafür getan, dass der Terror in Europa Fuß fassen kann und seine Söhne hier die eigene Zukunft von einer gestörten Welt verwirklichen können. Lasst Angela Merkel feiern, die hat es geschafft!“, postete Lengsfeld auf ihrer Facebook-Seite. Daraufhin hagelte es in den sozialen Netzwerken Kritik. Mittlerweile ist der Beitrag gelöscht. Weil er nicht von ihr verfasst worden sei, wie Lengsfeld auf ihrer persönlichen Internetseite verlauten lässt. Ihre Freundinnen hätten den Beitrag geschrieben und auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht. Wie es dazu gekommen war, erklärte Lengsfeld freilich nicht.

Die Anschläge in Brüssel: Was wir wissen – und was nicht

Was genau ist passiert?

Die Terrorserie begann gegen 08.00 Uhr morgens auf dem Brüsseler Flughafen. In der Abflughalle gab es in kurzer Folge zwei Explosionen – vermutlich gab zwei Selbstmord-Attentäter. Ein dritter Verdächtiger soll kehrtgemacht haben und ist zur Fahndung ausgeschrieben. Die Täter sollen drei Bomben in Koffern zum Flughafen gebracht haben. Erste Bilanz: mindestens 14 Tote, mindestens 100 Verletzte. Kurz darauf, um 09:11 Uhr, gab es in der Metro-Station Maelbeek im EU-Viertel einen weiteren Anschlag mit mindestens 20 Toten und 130 Verletzten. Unklar ist, ob es sich bei dem Anschlag in der Metro um ein Selbstmordattentat handelte oder um eine Bombenexplosion mit Zeitzünder. Stundenlang gab es immer wieder Gerüchte über weitere Anschläge an anderen Orten - glücklicherweise alles Fehlanzeige.

Wie reagieren die belgischen Behörden?

Für das ganze Land gilt die höchste Terrorwarnstufe - zum ersten Mal seit November 2015. Der Flughafen Brüssel wurde von Polizisten und Soldaten sofort geräumt und dann geschlossen. In der Hauptstadt standen alle U-Bahnen, alle Straßenbahnen, alle Busse still. Die Hochgeschwindigkeitszüge in Richtung Köln, Paris und London fuhren ebenfalls nicht mehr. Auch die Sicherheitsmaßnahmen für Belgiens beide Atomkraftwerke wurden verstärkt. Das belgische Krisenzentrum empfahl allen: „Bleiben Sie, wo sie gerade sind!“ Erst um 16.30 Uhr gibt es Entwarnung.

Wer steckt hinter den Anschlägen?

Hinter den Bombenanschlägen in Brüssel steckt laut einer islamistischen Website die Dschihadistenorganisation Islamischer Staat (IS). IS-Kämpfer hätten die Taten am Dienstag mit Sprengstoffgürteln und anderen Mitteln begangen, berichtete die dem IS nahestehende Online-Nachrichtenagentur Aamak am späten Nachmittag. In Belgien lief die Suche nach potenziellen Tätern und Hintermännern. Zur Fahndung wurde am Dienstagabend ein junger Mann ausgeschrieben, den eine Überwachungskamera auf dem Flughafen Zaventem aufgenommen hatte. Bei einer Razzia im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek wurden am Abend in einer Wohnung eine Nagelbombe und eine Fahne der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) entdeckt. Erst am Freitag war in Brüssel einer der mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom November in Paris festgenommen worden, der 26 Jahre alte Salah Abdeslam. Experten rechneten seither mit Vergeltungsaktionen. Ob tatsächlich die Terrorzelle um Abdeslam hinter den Anschlägen in Brüssel steckt, ist noch nicht bekannt „Für den Augenblick ist es nicht möglich, eine formale Verbindung zu den Anschlägen von Paris herzustellen“, sagte Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw am Dienstagabend bei einer Pressekonferenz.

Wie groß ist die Gefahr für Deutschland?

Nach den Terroranschlägen wurden die Kontrollen an Deutschlands Grenzen zu Belgien und Frankreich gleich wieder verschärft. Auch an den großen Flughäfen und Bahnhöfen wurden die Sicherheitsmaßnahmen wieder in die Höhe gefahren. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte in Berlin, es gebe bislang keine Hinweise auf einen „Deutschland-Bezug“ der Täter. Und fügte hinzu: „Klar ist, dass der Kampf gegen den internationalen Terrorismus lange dauert.“

Sind Deutsche unter den Opfern?

Unter den Verletzten ist auch mindestens eine Deutsche. Die Frau erleidet eine leichte Rauchvergiftung. Hinweise auf deutsche Todesopfer gibt es zunächst nicht.

Warum immer wieder Brüssel?

Die belgische Hauptstadt gilt als Zentrum des islamistischen Terrorismus in Europa. Vor allem der Stadtteil Molenbeek mit seinen vielen Einwanderern aus der arabischen Welt hat einen schlechten Ruf. Von dort kamen außer Abdelslam auch andere Islamisten, die an Terrorabschlägen beteiligt waren. Bereits eine Woche nach den Anschlägen in Paris hatte es konkrete Gefahrenhinweise für die Region Brüssel gegeben. Das öffentliche Leben kam damals für fünf Tage zum Erliegen, ohne dass etwas geschah. Belgien beteiligt sich mit Kampfjets an Einsätzen gegen den IS, der in Syrien und im Irak großen Landesteile kontrolliert. Brüssel ist Sitz der EU und des Nato-Hauptquartiers.

Obwohl die russische Regierung den Belgiern ihre Kondolenz aussprach, machte sie Europa zugleich Vorwürfe: Außenamtssprecherin Maria Sacharowa sagte in Moskau, eine westliche Politik der „doppelten Standards“ habe die Terroristen gestärkt. Die wegen der Ukraine-Krise eingefrorenen diplomatischen Beziehungen zwischen Nato und Russland hätten den Kampf gegen den Terrorismus geschwächt.

Russland, die USA und die Europäische Union haben konträre Positionen zum Bürgerkrieg in Syrien, in dem Terrororganisationen wie der IS Macht und Einfluss gewonnen haben. Der russische Abgeordnete Alexej Puschkow verband seine Kondolenz an Belgien mit einem Seitenhieb auf die Nato, deren Hauptquartier in Brüssel ist: Es sei an der Zeit für Europa, zu erkennen, „wo die wahre Bedrohung herkommt“ und zusammen mit Russland dagegen vorzugehen.

Auch die syrische Regierung verurteilte die Anschläge, aber bezeichnete sie zugleich als Folge einer verfehlten Politik Europas und des Westens im Nahen Osten. Die amtliche Nachrichtenagentur Sana zitierte am Terrortag einen Vertreter des Außenministeriums mit den Worten, die Attentate seien die „zwangsläufige Folge einer falschen Politik und von Toleranz gegenüber dem Terrorismus“. Die libanesische Hisbollah-Miliz, die an der Seite des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gegen die Aufständischen kämpft, gab Europa mit seiner Nahostpolitik eine Mitschuld für die Anschläge: „Das Feuer, das Europa im Besonderen und die Welt im Ganzen verbrennt, ist das gleiche, das man in Syrien und anderen Staaten der Region entzündet hat“, so die Schiiten-Organisation in Beirut.

Terror in Brüssel: 13 Minuten zwischen Leben und Tod

Terror in Brüssel

13 Minuten zwischen Leben und Tod

Die Anschläge erschüttern Brüssel. Fassungslosigkeit und Angst machen sich breit. Polizisten riegeln Straßen ab, das Militär fährt vor. Wie unser Korrespondent Thomas Ludwig die Stunden des Terrors erlebt.

Auch Brexit-Befürworter nutzen die aufgeheizte Stimmung. Wie Allison Pearson, Kolumnistin des britischen „Telegraphs“. Brüssel, die Hauptstadt der EU, sei zugleich die Hauptstadt der Dschihadisten in Europa. Und man traue sich zu sagen, dass die Briten in der EU sicherer wären, lautete ihr Tweet, den sie mit dem Hashtag Brexit verschlagwortete.



Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×