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01.12.2015

20:03 Uhr

Terrorexperte Matthew Olsen

„Die anti-islamische Rhetorik ist verwerflich“

VonMoritz Koch

Matthew Olsen war oberster Terrorbekämpfer der USA. Im Interview spricht er über Sicherheitslücken in Europa, Edward Snowden, den Schandfleck Guantanamo – und die richtige Strategie im Kampf gegen den IS.

„Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass das Datenleck bei der NSA unsere Sicherheit verringert hat“, sagt der ehemalige Direktor des National Counterterrorism Center. Imago

Matthew Olsen

„Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass das Datenleck bei der NSA unsere Sicherheit verringert hat“, sagt der ehemalige Direktor des National Counterterrorism Center.

Matthew Olsen ist 53 Jahre alt. Der Kampf gegen Terroristen ist längst sein Lebensmittelpunkt geworden. Bis Sommer 2014 war Olsen oberster Terrorbekämpfer der USA. Als Direktor des National Counterterrorism Center koordinierte er die Zusammenarbeit zwischen Geheimdiensten wie CIA und NSA, dem Pentagon und der Bundespolizei FBI. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht Olsen über Sicherheitslücken in Europa, Edward Snowden, den Schandfleck Guantanamo und die richtige Strategie im Kampf gegen den Islamischen Staat.

Der Terrorangriff auf Paris war kaum vorüber, da forderten Geheimdienst-Veteranen schon die Rücknahme der Datenschutzreformen, die nach den NSA-Enthüllungen beschlossen wurden. Politik nach dem Motto „Lass keine Krise ungenutzt“?

Was in Paris geschehen ist und was wir überall im Nahen Osten sowie in Europa sehen, ist Ausdruck einer Veränderung der terroristischen Bedrohung. Diese Veränderung ist vor allem mit dem Aufstieg des Islamischen Staats verbunden. Das erfordert eine Neujustierung der Balance zwischen Freiheit und Datenschutz einerseits und Sicherheit und Informationsgewinnung andererseits. Wir müssen uns ständig anpassen, weil wir es mit einer sehr dynamischen Bedrohungslage zu tun haben. Dabei müssen wir uns fragen, wieviel Zugriffsrechte wir unseren Regierungen einräumen wollen, um Gefahren zu erkennen, bevor sie sich zu Terrorplänen auswachsen.

Wie stehen Sie zu Edward Snowden? In Europa wird er als Held gefeiert, die US-Regierung sieht ihn als Verräter.

Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass das Datenleck bei der NSA unsere Sicherheit verringert hat. Diese Ansicht teilen alle im amerikanischen Geheimdienstbetrieb. Die Dokumente haben Terroristen eine Anleitung an die Hand gegeben, wie sie sich der Überwachung durch die USA und unsere Bündnispartner in Europa entziehen können. Natürlich haben Terroristen schon immer versucht, ihre Spuren zu verwischen. Aber die Snowden-Enthüllungen haben die Quellen und Methoden unserer Aufklärungsarbeit offengelegt. Es ist keine Frage, dass raffinierte Gruppen wie der IS die Zeitungsberichte über die Überwachungsprogramme gelesen und ihre Kommunikation entsprechend angepasst haben.

Erfolge, Niederlagen und Terror des IS seit Ausrufung des „Kalifats“

IS

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida im Irak hervor. Ein Rückblick:

29. Juni 2014

Die sunnitischen Dschihadisten rufen in den von ihnen eroberten Gebieten in Syrien und im Irak ein „Kalifat“ aus. Erster „Kalif“ des neuen Gottesstaates sei Anführer Abu Bakr al-Bagdadi.

August 2014

8. August: Die USA fliegen erste Angriffe im Nordirak.

August: Die Enthauptung eines US-Journalisten schockt die Welt. In den folgenden Monaten verbreitet der IS im Internet weitere Videos mit der Ermordung zweier US-Bürger und zweier Briten.

19. September und Dezember 2014

19. September: Frankreich startet mit Hilfe arabischer Partnerländer erstmals Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien.

Dezember: Kurdische Soldaten beenden mit Hilfe internationaler Luftangriffe die Belagerung des Sindschar-Gebirges nahe der IS-Hochburg Mossul. Im August waren Zehntausende Angehörige der jesidischen Volksgruppe vor den Dschihadisten in die Berge geflohen.

Januar und Februar 2015

Januar 2015: Nach monatelangen Kämpfen vertreiben kurdische Kämpfer den IS aus der nordsyrischen Stadt Kobane an der türkischen Grenze.

Februar: Ein Video zeigt, wie ein gefangener jordanischer Pilot bei lebendigem Leib verbrannt wird. Zuvor hatte die Terrormiliz bereits die Tötung zweier japanischer Geiseln zur Schau gestellt.

März und April 2015

März: Irakische Kräfte erobern die strategisch wichtige Stadt Tikrit zurück, die die Extremisten im Juni 2014 besetzt hatten.

April: IS-Kämpfer dringen in Ramadi 100 Kilometer westlich von Bagdad ein. Tausende Iraker fliehen vor dem Terror Richtung Bagdad, dürfen die Hauptstadt aber nicht betreten.

Mai und Juli 2015

Mai: Die Terrormiliz bringt Ramadi vollständig unter ihre Kontrolle. Kurden erobern IS-Gebiete in Nordsyrien.

Juni: Der IS verbreitet ein schockierendes Video über neue Hinrichtungsmethoden.

24. Juli und 6. August 2015

24. Juli: Nach einem dem IS zugeschriebenen Anschlag im türkischen Suruc fliegen türkische Kampfjets erstmals Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien. Zudem öffnet Ankara wenig später den südtürkischen Nato-Stützpunkt Incirlik für US-Luftschläge gegen den IS.

6. August: Einer US-Bilanz zufolge hat das internationale Anti-Teror-Bündnis in einem Jahr mehr als 5900 Luftschläge gegen den IS im Irak und in Syrien geflogen. Außerdem sollen 10 000 IS-Kämpfer bei Angriffen getötet worden sein.

18. und 23. August 2015

18. August: Der IS enthauptet den früheren Chef-Archäologen der irakischen Oasenstadt Palmyra. Nach US-Angaben stirbt die Nummer zwei der Terrormiliz, Hadschi Mutas, bei einem Luftangriff im Irak.

23. August: Der IS sprengt den rund 2000 Jahre alten Tempel Baal Schamin in Palmyra. Einige Tage später zerstören die Extremisten auch den Baaltempel.

September 2015

Eine weitere Koalition bildet sich.  Russland bestätigt erstmals die Präsenz von Militärexperten in Syrien. Vorher waren Bilder russischer Soldaten in Syrien in den sozialen Netzwerken aufgetaucht. Russland und Iran unterstützen Syrien im Kampf gegen den IS, aber auch gegen andere Oppositionsgruppen.

November 2015

Nach den Anschlägen von Paris vom 13. November mit mindestens 129 Toten fliegt die französische Luftwaffe verstärkt Angriffe auf die Stadt Al-Raqqa, das inoffizielle Zentrum des vom IS kontrollierten Gebiet im Irak und Syrien. Frankreich fliegt bereits seit September 2014 Luftangriffe auf IS-Stellungen.

Wie können Sie sich da so sicher sein?

Wir haben im Kampfgebiet erst kürzlich ein IS-Dokument sichergestellt, ein mehr als 30 Seiten langer, sehr detaillierter Leitfaden zur Verschlüsselung von Kommunikation. Eine Art Gewusst-Wie. Welche Apps benutzet werden müssen, und wie diese zu bedienen sind.

Die IT-Konzerne im Silicon Valley versuchen, ihr durch die NSA-Affäre ramponiertes Image mit neuen, angeblich abhörsicheren Kommunikationsangeboten wiederherzustellen.

Die neuen Verschlüsselungstechnologien sind eine große Herausforderung. Sie werden von der überwältigenden Mehrheit rechtschaffender Bürger, die ein legitimes Interesse an Datensicherheit haben, sehr geschätzt. Gleichzeitig hat der FBI-Direktor darauf hingewiesen, dass diese Technologien auch von IS-Terroristen genutzt werden. Auch hier geht es darum, die richtige Balance zu finden. Wir müssen das Gespräch mit den Unternehmen im Silicon Valley suchen. Das Ziel muss sein, Möglichkeiten zu finden, Zugang zu Daten zu erhalten, wenn ein Gericht auf Grundlage eines konkreten Verdachts eine Durchsuchung anordnet.

Immer wieder gibt es zivile Opfer bei Luftangriffen. Die Gefahr sei außerordentlich groß, sagt Terrorexperte Matthew Olsen. dpa

Luftangriffe gegen den Terror

Immer wieder gibt es zivile Opfer bei Luftangriffen. Die Gefahr sei außerordentlich groß, sagt Terrorexperte Matthew Olsen.

Die NSA-Affäre hat nicht nur die Massenüberwachung von Internetnutzern ans Licht gebracht, sondern auch die gezielte Bespitzelung deutscher Politiker, darunter Kanzlerin Angela Merkel. Fürchten Sie, dass der Vertrauensverlust nun die transatlantische Zusammenarbeit behindert?

Wir brauchen eine enge Sicherheitskooperation, gerade jetzt. Mein Eindruck ist, dass die Affäre sich zwar negativ auf die transatlantischen Beziehungen ausgewirkt hat, der Schaden aber repariert werden konnte. Unsere Beziehungen waren immer stark und das sind sie auch jetzt – trotz der Enthüllungen.

Was kann, was muss Europa tun, um künftig besser vorbereitet zu sein?

Was jetzt ganz entscheidend ist: Die Europäer müssen ihre nationalen Geheimdiensterkenntnisse auf effizientere Weise teilen. Als Geheimdienstkoordinator habe ich viel Zeit damit verbracht, sicherzustellen, dass die vielen unterschiedlichen Sicherheitsbehörden der USA ihre Informationen über Gefahren in Echtzeit ausgetauscht haben. Vor allem: Die Identitäten von Personen, die von und nach Syrien reisen. Unabhängig von der Nationalität des Betreffenden, sollten die Europäer alle Erkenntnisse austauschen. Deutsche Behörden müssen wissen, wenn ein Franzose nach Syrien reist, damit sie ihn identifizieren können, wenn er an anderer Stelle in Europa wieder auftaucht.

Anti-Terror-Koordinator der EU: „Codes der Terroristen sind kaum zu knacken“

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Der EU-Koordinator für Terrorismusbekämpfung, de Kerchove, wirft Whistleblower Snowden vor, den Kampf gegen den Terror deutlich erschwert zu haben.  Aber auch in der Arbeit der Sicherheitsbehörden sieht er viele Defizite.

Die USA als Vorbild?
Nach den Anschlägen vom 11. September haben wir neben dem Informationsaustausch auch unsere Grenzkontrollen verbessert. Wir haben Erkenntnisse über Personen im Ausland gesammelt, die Angriffe planten, und diese sehr schnell zwischen FBI, CIA und NSA ausgetauscht. So ist es uns gelungen, die Informationskluft zwischen der Polizei und den Nachrichtendiensten zu überwinden und eine integrierte Sicherheitsgemeinschaft geschaffen. Ich weiß, dass dies in der EU wegen der Souveränität der Mitgliedsstaaten kompliziert ist. Aber das ist eine zentrale Lektion, sie hat uns sicherer gemacht.

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