Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.04.2016

13:26 Uhr

Terrorgruppe IS

Geht dem Islamischen Staat das Geld aus?

Experten gehen davon aus, dass die Einnahmen der Terrorgruppe Islamischer Staat seit dem vergangenen Jahr stark geschrumpft sind. Wichtige Ölanlagen wurden zerstört, das Herrschaftsgebiet des IS wird kleiner.

Immer mehr vom IS eroberte Städte (das Archivbild zeigt die Stadt Kobane) werden zurückerobert. Die Terrorgruppe verliert an Boden. dpa

Kämpfe in Kobane

Immer mehr vom IS eroberte Städte (das Archivbild zeigt die Stadt Kobane) werden zurückerobert. Die Terrorgruppe verliert an Boden.

LondonDer Herrschaftsbereich der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) wird kleiner - und damit schrumpfen auch seine Einnahmen: Eine Forschergruppe der Londoner Denkfabrik IHS bezifferte die Einnahmeverluste für die IS-Miliz seit vergangenem Jahr in einem am Montag vorgelegten Bericht auf rund 30 Prozent.

Für den Rückgang führen sie vor allem zwei Gründe an: Die Zerstörung wichtiger Ölanlagen und den Verlust besteuerbarer Städte.

Die Luftangriffe der US-geführten Allianz und Russlands hätten die profitable Ölförderung gedrosselt, erklärten die IHS-Forscher. Die Ölförderung sei in den IS-kontrollierten Gebieten von 33.000 Barrel am Tag auf 21.000 Barrel am Tag gesunken. Zweiter Grund für die sinkenden Einnahmen seien die Geländeverluste: So habe die IS-Miliz in den vergangenen 15 Monaten rund 22 Prozent ihres Herrschaftsgebiets verloren.

Die Zahl der Menschen im Einflussbereich der Dschihadisten sank damit von neun auf sechs Millionen - womit auch die Basis für die Besteuerung schmäler geworden sei, erklärte IHS. Mit der Einführung neuer Steuern versuchten die Dschihadisten nun ihre Einnahmen aufzubessern, beobachteten die IHS-Forscher.

Die schwersten Niederlagen des IS seit Anfang 2015

Kobane

Nach einer Reihe von Siegen erleidet die IS-Miliz im kurdischen Kobane am 26. Januar 2015 ihre erste, große Niederlage. Kurdische Kämpfer vertreiben die Dschihadisten – unterstützt durch US-Luftangriffe – aus der Stadt in der Nähe der Grenze zur Türkei. Vier Monate erbitterter Kämpfe waren dem Sieg vorausgegangen.

Tikrit

Die Heimatstadt des einstigen irakischen Machthabers Saddam Hussein wird am 31. März 2015 von irakischen Regierungstruppen und schiitischen Milizen zurückerobert. Die Militäroperation in Tikrit, damals der größte Einsatz irakischer Soldaten gegen die IS-Miliz, wird dadurch einfacher, dass die meisten der 200.000 Einwohner aus der Stadt geflüchtet sind.

Sindschar

Kurdische Einheiten im Irak vertreiben die IS-Kämpfer am 13. November 2015 aus der Stadt Sindschar nordwestlich von Bagdad. Damit wird auch ein entscheidender Nachschubweg für die Dschihadisten zwischen ihren Stellungen in Syrien und im Irak unterbrochen. Die IS-Miliz hatte Sindschar im August 2014 erobert und war danach brutal gegen die kurdischen Jesiden in der Region vorgegangen. Massaker, Vergewaltigungen und Versklavungen von jesidischen Frauen lösten weltweit Entsetzen aus.

Ramadi

Irakische Truppen erobern am 8. Dezember 2015 wichtige Bereiche der sunnitischen Stadt Ramadi im Irak. Zwei Wochen später, unterstützt von US-Luftangriffen, erreichen die Regierungseinheiten das Zentrum der Hauptstadt der Provinz Anbar, die seit Mai von der IS-Miliz besetzt war.

Palmyra

Syrische Regierungstruppen unterstützt durch russische Luftangriffe nehmen am 27. März 2016 die antike Wüstenstadt Palmyra wieder vollständig ein. Damit bereiten sie der IS-Miliz in Syrien ihre bis dahin schwerste Niederlage. Mit Palmyra geht den Dschihadisten de facto auch die syrische Wüste bis zur Grenze zum Irak verloren. Der IS hatte Palmyra im Mai 2015 erobert und danach mehrere antike Tempel, den prachtvollen Triumphbogen und Grabmäler zerstört, die von der Uno-Kulturorganisation Unesco als Weltkulturerbe geführt wurden.

So gebe es eine neue Steuer für die Aufstellung oder Reparatur von Satellitenschüsseln, eine Steuer für Lastwagenfahrer, eine Ausreisegebühr für das Verlassen von Städten und eine Strafgebühr für falsche Antworten auf Fragen zum Koran. Zudem sei die Möglichkeit geschaffen worden, durch eine Geldzahlung um Körperstrafen herumzukommen.

Mitte 2015 habe der IS noch über monatliche Einnahmen von rund 71 Millionen Euro verfügt, sagte der IHS-Analyst Ludovico Carlino. Bis März diesen Jahres seien sie auf rund 50 Millionen Euro gesunken. "Der IS ist immer noch ein Machtfaktor in der Region, aber die Einnahmeverluste sind erheblich und werden es der Gruppierung auf lange Sicht schwer machen, ihr Territorium zu beherrschen", sagte Carlino.

Der Studie zufolge könnte der IS seine Öleinnahmen auch kurzfristig wieder steigern. Momentan sei nur eine "Förderunterbrechung" infolge der Luftangriffe zu verzeichnen, hieß es in dem Bericht. Die Förderanlage ließen sich aber wieder reparieren, die Öleinnahmen könnten dann rasch wieder anwachsen.

Den Berechnungen zufolge erzielt der IS etwa die Hälfte seiner Einnahmen aus Steuern und Beschlagnahmungen. Der Anteil der Einnahmen aus dem Ölgeschäft wird auf 43 Prozent veranschlagt. Der Rest stamme aus Spenden, Drogenschmuggel und anderen Aktivitäten.

Von

afp

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×