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11.06.2014

21:36 Uhr

Terrorgruppe Isis

Vormarsch bis kurz vor Bagdad

Ein Land versinkt im Chaos: Die Terrorgruppe Isis ist bis auf gut 100 Kilometer an Bagdad herangerückt. Ministerpräsident Al-Maliki droht, die Kontrolle über das Land zu entgleiten. Die USA sichert Unterstützung zu.

Islamistische Rebellen auf dem Vormarsch

Neue Gebietsgewinne für ISIL

Islamistische Rebellen auf dem Vormarsch: Neue Gebietsgewinne für ISIL

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BagdadDie Terrorgruppe Isis hat weite Teile des Iraks unter ihre Kontrolle gebracht und das Land in eine schwere innenpolitische Krise gestürzt. Innerhalb weniger Stunden bewegten sich Kämpfer der islamistischen Organisation von Nordwesten aus durch das Land Richtung Bagdad. Der Vormarsch der Islamisten löste international Entsetzen und Besorgnis aus.

Am Dienstag hatten Kämpfer zunächst die nordirakische Millionenmetropole Mossul nahezu kampflos eingenommen. Im Verlauf des Mittwochs drangen die Isis-Truppen bis Samara, rund 130 Kilometer nördlich von Bagdad vor. Unterwegs wurden die Regionen Ninive, Anbar und Salah ad-Din erobert.

Mit Kampfhubschraubern versucht die irakische Regierung unterdessen, den Vormarsch islamistischer Rebellen zu stoppen. Helikopter hätten Stellungen der Extremisten in der Provinz Salah al-Din bombardiert, berichtete das Staatsfernsehen am Mittwochabend.

Die Provinz liegt im Süden der von Kämpfern der Terrorgruppe Isis eingenommenen Millionenstadt Mossul. Tikrit, die Hauptstadt der Provinz, wurde Medienberichten zufolge am Mittwoch ebenfalls von den Aufständischen besetzt. Wie das Staatsfernsehen unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtete, gelang es den Regierungstruppen, die Stadt zurückzuerobern. Auch aus Baidschi seien die Extremisten vertrieben worden. Dort steht das größte Kraftwerk des Landes, das auch die Hauptstadt Bagdad mit Strom versorgt.

In Mossul flohen rund 500.000 Menschen vor den Extremisten. Sie hätten ihre Wohnhäuser aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen verlassen, berichtete die Internationale Organisation für Migration (IOM). Durch Kämpfe habe es unter der Zivilbevölkerung „eine hohe Zahl von Opfern“ gegeben.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

Die Isis ist eine der radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Als „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ kämpft die Gruppe für einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat. Laut Human Rights Watch (HRW) erbeuteten die Kämpfer auf ihrem Feldzug große Waffenarsenale der irakischen Armee. Die Waffen könne Isis nun in das Bürgerkriegsland Syrien einschleusen - und den Konflikt dort noch verschärfen, warnte Peter Bouckaert von HRW.

Nach der Erstürmung eines türkischen Konsulats im Nordirak warnte der türkische Außenminister Ahmed Davutoglu die Extremisten davor, ihren Geiseln etwas anzutun. Niemand solle die Stärke der Türkei auf die Probe stellen, sagte Davutoglu am Mittwochabend im Fernsehen. Seine Regierung werde alles tun, um die Geiseln zu befreien.

Die Zahl der in dem Konsulat in Mossul genommenen Geiseln stieg unterdessen offenbar auf 49. Unter ihnen seien der türkische Generalkonsul, drei Kinder und Mitarbeiter der diplomatischen Vertretung, berichteten türkische Medien. Die Geiseln seien zu einem Militärstützpunkt gebracht worden, den die Islamisten zuvor erobert hätten. Hinter dem Angriff stecke vermutlich die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis), die nach dem Sturm auf Mossul weiter auf dem Vormarsch Richtung Bagdad war.

Insgesamt befinden sich jetzt mehr als 80 Geiseln in den Händen der Terroristen. Am Vortag waren laut Medienberichten über 30 türkische Lkw-Fahrer in Mossul von Islamisten entführt worden. Sie waren demnach auf dem Weg von der südtürkischen Stadt Iskenderum in den Nordirak, als sie von den Rebellen überfallen wurden.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

11.06.2014, 20:42 Uhr

Ich fürchte, die USA werden sich noch mal nach Saddam Hussein zurücksehnen. Er war zwar ein schlimmer Diktator, aber gewisss keine Basis für weltweit operierende Terrorgruppen. Dass der islamische Gottesstaat, von dem zu befürchten ist, dass er im Irak entsteht, ähnlich binnenorientiert sein wird, ist nicht mehr als eine unbegründete Hoffnung.

Ob die USA nach dem Chaos, das sie im Irak, in Afghanistan und in Lybien angerichtet haben, endlich klug werden? Ob sie endlich ihre interventionististische, bellizistische Außenpolitik zurückfahren, zu der sie sich wegen ihrer vermeintlichen Exzeptionalität berechtigt fühlen? Ich wage es kaum zu hoffen. Das Beispiel Ukraine lässt nichts Gutes erwarten.

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