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24.12.2015

08:26 Uhr

Terrorismus

Angriff auf die Insel der Seligen

VonRüdiger Scheidges

Der religiöse Terrorismus erreicht Europa mit aller Macht. Die bisherige Insel der Seligen hat Probleme damit umzugehen. Denn wie soll man als zivilisierte Gesellschaft gegen entzivilisierte Gruppierung kämpfen?

Nach den Anschlägen in Paris dominierte das Militär das Straßenbild in Belgiens Hauptstadt. dpa

Terroralarm in Brüssel

Nach den Anschlägen in Paris dominierte das Militär das Straßenbild in Belgiens Hauptstadt.

Terrorismus ist der Höhepunkt des Nihilismus. Dieser Nihilismus betreibt die radikale Auslöschung der vielen Einzelnen, ihrer zivilisatorischen Werte, ihrer Gemeinschaft, des Sozialen, vor allem auch die Chance einer einmal doch für möglich gehaltenen Weltgemeinschaft.

Dieser Rachefeldzug des Nihilismus kennt keine Utopie, hat keine Vision, er hat keine Religion, da er keinen Glauben kennt. Er verwirklicht sich in der absoluten, gewalttätigen Hoffnungslosigkeit des Hier und Jetzt der Täter, auf Erden doch noch eine zukunftsoffene Existenz führen zu können. Der Terrorismus findet seine einzige Bestimmung im Ver-Nichten und führt deshalb immer ins Nichts. Religiös motiviert? Keine Religion der Welt ist so erbärmlich erbarmungslos.  It’s politics, stupid!

Seitdem der Terror Millionen aus Syrien, Afghanistan, Somalia und anderen Regionen nach Europa vertreibt, ertrinken auf dem Weg zum gelobten Kontinent Tausende vor unserer europäischen Haustür. Dieses abstrakte Wissen wurde handgreiflich, dann herzergreifend, als das Foto des an der türkischen Küste an Land gespülten Kindes aus Syrien uns ins Wohnzimmer geschickt wurde. Doch dieser Terror ist eine weltweite Seuche. Hunderttausende sind bereits seine Opfer – im Fernen und im Nahen Osten, in Lateinamerika, in Afrika und schließlich auch bei uns, in Europa.

Glossar – der politische Islam

Einen einheitlichen Islam...

… gibt es nicht. Die Religion hat etwa 1,6 Milliarden Anhänger weltweit. Doch die regional unterschiedlichen Spielarten des Glaubens variieren stark. Die meisten Muslime leben beispielsweise nicht etwa in einem Land auf der arabischen Halbinsel, sondern in Indonesien. Dort sind mit knapp 13 Prozent aller Muslime der Welt so viele Gläubige beheimatet wie in keinem anderen Staat.

Die Verwendung...

… von Begriffen wie Islamismus, politischem Islam, Fundamentalismus, radikalem Islam und Dschihadismus erfolgt in der Debatte oft nicht trennscharf. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden sie oftmals synonym und wenig trennscharf verwendet. Meist sollen mit „Islamismus“ solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen.

Islamismus...

… bzw. Islamisten stehen für für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.

Problematisch ist,...

… dass gerade späteren Strömungen die Absicht eigen ist, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Oft geht das einher mit einer Ablehnung der Trennung von Religion, was ein Spannungsverhältnis schafft zu den Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Friedliche Islamisten...

… sehen die Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihres Ziels – der Errichtung eines islamischen Staats - nicht als ihr vorrangiges politisches Instrument.

Als Mittel des Widerstands...

… haben sich islamistische Strömungen allerdings in vielen Staaten entwickelt. Grobe Faustregel: Je stärker sie unterdrückt wurden, desto eher neigten sie zur Radikalisierung und einer Fokussierung auf den bewaffneten Kampf. So etwa in Syrien und in Ägypten.

Terrorismus...

… ist daher eines von mehreren Mitteln und Handlungsstilen, die Islamisten benutzen. Andere Beispiele sind Parteipolitik und Sozialarbeit.

Der Dschihad...

… bedeutet wörtlich „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“ für Gott, nicht Gotteskrieg. Man muss unterscheiden zwischen dem „großen Dschihad“ als Kampf gegen sich selbst, also umgangssprachlich gesagt Überwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“ und dem „kleinen Dschihad“, dem Kampf im militärischen Sinne. Die Übersetzung von Dschihadisten als „Gotteskrieger“ verzerrt den Begriff daher, weil es einen einseitigen Fokus auf den bewaffneten Kampf legt.

Waren im Jahre 2014 weltweit rund 33.000 gezählte Menschen (Institut für Wirtschaft und Frieden, London) durch Terror vernichtet wurden, so fühlen wir Europäer uns jetzt erst bedroht: Als Folge der globalen Krisen ist der Terror in Paris – zuerst gegen Charlie Hebdo im Januar 2015, dann gegen das Bataclan und ganz Paris – brachial in unser Bewusstsein eingedrungen. Anders als Ebola oder Dengue lässt sich die von Menschen selbst angerichtete Seuche Terrorismus nicht länger auf den anderen Kontinente eindämmen.

Die neuesten Zahlen (2014) über den Terrorismus sind so erhellend wie überraschend: In westlichen Ländern ist der islamische Fundamentalismus entgegen unserer Wahrnehmung nicht die Hauptursache für Terrorismus: 80 Prozent aller Getöteten standen nicht im Fadenkreuz von Dschihadisten, sondern sind Opfer von Einzeltätern, die politische oder religiöse Extremisten, Nationalisten oder Rassisten.

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