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10.04.2017

19:41 Uhr

Terrorismus

Ausnahmezustand in Ägypten in Kraft

Nach den schweren Anschlägen in Ägypten drohte die Terrormiliz IS sofort mit neuer Gewalt. Israel sperrte die gemeinsame Grenze. Und die Regierung in Kairo greift zu weitreichenden Maßnahmen.

Nach Anschlägen auf Christen

Ägyptens Präsident kündigt Ausnahmezustand an

Nach Anschlägen auf Christen: Ägyptens Präsident kündigt Ausnahmezustand an

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KairoNach den verheerenden Bombenanschlägen auf Christen in Ägypten ist am Nil ein dreimonatiger Ausnahmezustand in Kraft getreten. Auf den Straßen der Hauptstadt Kairo bezogen Panzer Stellung. Die genauen Auswirkungen der Maßnahmen, die Freiheitsrechte zugunsten der Ermittlungsbehörden einschränken können, blieben am Montag zunächst unklar. Deutschland, Israel und Russland mahnen angesichts neuer Terrordrohungen zu besonderer Vorsicht.

Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi hatte den Ausnahmezustand am Sonntagabend angekündigt. Zuvor waren bei den schwersten Terrorangriffen auf die christliche Minderheit in Ägypten seit Jahren mehr als 40 Menschen getötet und 110 verletzt worden. Die Terrormiliz Islamischer Staat reklamierte die Bombenexplosionen in zwei Kirchen in den Städten Tanta und Alexandria im Norden des Landes für sich.

Die koptische Gemeinde in der Hafenstadt Alexandria gedachte der Opfer am Montag in einer Trauerfeier. Zahlreiche Särge wurden an Trauernden und Weinenden vorbei in eine Kirche getragen. Ein Selbstmordattentäter hatte am Sonntag außerhalb der St. Markus-Kathedrale in Alexandria 17 Menschen mit in den Tod gerissen und 48 verletzt.

Nach Anschlägen auf Christen: Auswärtiges Amt warnt Ägypten-Reisende

Nach Anschlägen auf Christen

Auswärtiges Amt warnt Ägypten-Reisende

Das Auswärtige Amt reagiert auf die Anschläge auf Christen in Ägypten – und warnt Touristen vor einer erhöhten Terrorgefahr im Land. Warum Deutschlands große Reisekonzerne nicht unmittelbar betroffen sind.

Angesichts der IS-Drohung mit weiteren Angriffen schloss Israel seinen Grenzübergang zur ägyptischen Sinai-Halbinsel aus Furcht vor unmittelbar bevorstehender neuer Gewalt. Der Übergang in Taba werde nur für Israelis geöffnet, die aus der Touristenregion zurückkehrten, teilte ein Sprecher des Büros von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Montag mit. Er rief Landsleute auf, den Sinai sofort zu verlassen.

Das Außenministerium in Moskau forderte russische Touristen in Ägypten auf, Menschenansammlungen zu meiden und vorsichtig zu sein. Es gebe eine erhöhte Terror-Gefahr, hieß es. Das Auswärtige Amt weist in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen schon länger auf ein bestehendes Terrorrisiko hin, von dem auch Ausländer nicht ausgenommen seien.

Rund zwei Wochen vor dem geplanten Besuch von Papst Franziskus in Kairo lösten der Doppelanschlag auch Sicherheitsbedenken im Vatikan aus. Der Papst werde aber trotzdem wie geplant am 28. und 29. April fahren, sagte Kurienerzbischof Giovanni Angelo Becciu, Leiter für Allgemeine Angelegenheiten im Staatssekretariat, der Zeitung „Corriere della Sera“ (Montag).

Christliche Minderheiten weltweit

Ägypten

Innerhalb eines halben Jahres kamen hier bei mehreren Anschlägen auf christliche Gotteshäuser Dutzende Menschen ums Leben. Eigentlich leben Muslime und Christen in dem Land vergleichsweise friedlich zusammen. Vereinzelt gibt es allerdings Spannungen. Ein Ableger der Terrororganisation Islamischer Staat treibt im Nordsinai sein Unwesen und kündigte in Propagandavideos Angriffe auf Christen an. Im Februar flohen Hunderte ägyptische Christen von dort. Vorangegangen war eine Mordserie an Mitgliedern der religiösen Minderheit. Sie macht zehn Prozent der 94 Millionen Einwohner aus.

Afghanistan

Hier gibt es nur sehr wenige Christen. Die meisten religiösen Minderheiten waren während der Herrschaft der radikalislamischen Taliban zwischen 1996 und 2001 geflohen. Ein Bericht des US-Außenministeriums aus dem Jahr 2009 schätzt die Zahl der afghanischen Christen auf 500 bis 8000. Sie versteckten sich, heißt es da, und konvertierten nur heimlich. Ab und zu gibt es Anschläge auf Ausländer, die der Missionierung verdächtigt werden - kirchliche Hilfsorganisationen zum Beispiel. Zuletzt war 2014 in Kabul eine christliche Familie aus Südafrika getötet worden.

China

Das Christentum findet hier starken Zulauf. Manche sprechen von 80 Millionen Christen, aber die Schätzungen gehen weit auseinander. Die Freiheit der Gläubigen ist eingeschränkt, weil die kommunistische Führung die Religion unter Kontrolle halten will. Katholiken müssen sich der staatlichen „Patriotischen Kirche“ anschließen, die den Papst nicht anerkennt. Protestanten sind in der staatlichen Kirche „Drei-Selbst-Bewegung“ organisiert. Viele Chinesen geben sich damit nicht zufrieden und schließen sich in Untergrund- und Hauskirchen zusammen, denen Verfolgung droht.

Indonesien

Hier gibt es mehr als 20 Millionen Christen, für ein asiatisches Land sehr viel. Bei 250 Millionen Einwohnern, davon fast 90 Prozent Muslime, sind sie trotzdem nur eine kleine Minderheit. Eigentlich ist Indonesien für eine vergleichsweise tolerante Lesart des Islam bekannt. In letzter Zeit machen aber auch dort radikale Prediger zunehmend Front gegen Christen. Gegen den christlichen Gouverneur der Hauptstadt Jakarta, Basuki Purname, gingen Hunderttausende auf die Straßen. Ihm wird vorgeworfen, im Wahlkampf den Koran beleidigt zu haben. Deshalb steht er nun auch vor Gericht. Seine Chancen auf eine Wiederwahl sind deutlich gesunken.

Irak

Christen sind ein fester Bestandteil der irakischen Gesellschaft. Allerdings erleben die Gemeinden seit langem einen Exodus, der die Minderheit immer kleiner werden lässt: Weniger als ein Prozent der Iraker sollen heute noch christlichen Konfessionen angehören. Vor allem radikale sunnitische Gruppen terrorisieren die Christen. So hat die Terrormiliz IS Christen - wie auch Angehörige anderer Religionen - getötet, verschleppt, vertrieben und ihre Einrichtungen zerstört. Die Politik wird zudem von Schiiten und Sunniten dominiert, Christen spielen nur eine Nebenrolle.

Iran

Im Iran leben etwa 100 000 Christen, 80 000 von ihnen sind armenisch-apostolisch. Laut ihrem Erzbischof Sibouh Sarkissian durfte die Minderheit ihre Religion stets frei praktizieren. Das islamische System geht jedoch vehement gegen jegliche christliche Missionierung vor. Iranischen Muslimen, die durch solche Missionierungen zum Christentum konvertieren, drohen lange Haftstrafen, manchen von ihnen sogar die Todesstrafe.

Nordkorea

Nach Angaben des Koreanischen Christenbunds KCF sind etwa 14 000 Menschen der schätzungsweise 25 Millionen Einwohner Nordkoreas Christen. Verlässliche Angaben über die Größe der katholischen und evangelischen Gemeinden gibt es jedoch nicht. Beobachter halten es für möglich, dass es neben dem KCF auch eine unabhängige kleine Gruppe von Christen gibt. Christliche Gruppen wie das Hilfswerk Open Doors werfen der Regierung vor, Zehntausende Christen in Arbeitslagern gefangen zu halten.

Somalia

Mehr als 99 Prozent der Bevölkerung sind sunnitische Muslime. Die Verfassung sieht persönliche Religionsfreiheit vor, verbietet aber die Verbreitung jeder Religion außer dem Islam. In Folge der italienischen Kolonialvergangenheit in Teilen des Landes wurde um 1900 eine katholische Kirche in der Hauptstadt Mogadischu gegründet. 1989 wurde der italienische Bischof Pietro Salvatore Colombo vor der Kathedrale erschossen. Der Tod des 67-Jährigen klärte sich nie auf. Seit etwa zehn Jahren versucht die Terrormiliz Al-Shabaab einen sogenannten Gottesstaat zu errichten. Für die sunnitischen Extremisten gelten auch moderate Muslime als Ungläubige.

Syrien

Das Christentum ist in Syrien tief verwurzelt. Zahlreiche Klöster und andere kirchliche Einrichtungen zeugen von einer jahrtausendealten Geschichte. Rund zehn Prozent der syrischen Bevölkerung gehören christlichen Konfessionen an. Besonders stark ist die griechisch-orthodoxe Kirche vertreten. Die säkulare Führung des Landes nimmt für sich in Anspruch, Religionsfreiheit zu garantieren. Christen konnten in Syrien lange freier leben als in vielen anderen arabischen Ländern. Wie die gesamte Bevölkerung leiden sie sehr unter dem Bürgerkrieg. Aus Angst vor radikalen muslimischen Extremisten unterstützen viele Christen Staatschef Baschar al-Assad.

In den vergangenen Jahren war nach Gewaltausbrüchen wiederholt der Ausnahmezustand in Ägypten oder Teilen des Landes ausgerufen worden. Dies war verbunden mit der Möglichkeit von Festnahmen ohne Haftbefehl und Hausdurchsuchungen ohne richterliche Anordnung sowie nächtlichen Ausgangssperren. Allerdings haben die Sicherheitskräfte in Ägypten auch gegenwärtig schon oftmals freie Hand bei ihrer Arbeit.

Von

dpa

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