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22.01.2011

10:05 Uhr

Terrorismus-Buch

Alarmismus statt nüchterner Analyse

VonFidelius Schmid

Friedrich Steinhäusler schildert zwar präzise die Ursachen und Gefahren des internationalen Terrorismus - überzieht aber im Ton. Sein sonst sachliches Werk ist durchsetzt mit alarmistischem Getue: Ein Terroranschlag mit Massenvernichtungswaffen auf Europa sei unausweichlich, so die These.

Kontrolle am Bundestag: Die Angst vor Anschlägen ist immer da. Reuters

Kontrolle am Bundestag: Die Angst vor Anschlägen ist immer da.

DÜSSELDORF. Hätte Friedrich Steinhäusler sein Buch "Terrorziel Europa" irgendwann zwischen Spätherbst 2001 und dem Beginn des Irakkriegs 2003 auf den Markt gebracht - ein durchschlagender Erfolg wäre ihm garantiert gewesen. Einerseits gab es damals noch nicht so viele Bücher über das Thema Terror wie heute, und andererseits waren Horrorszenarien damals noch viel mehr en Vogue. Eine von Steinhäuslers Thesen lautet: Es ist unausweichlich, dass Terroristen früher oder später einen Anschlag mit Massenvernichtungswaffen verüben werden.

Er belegt diese These nicht, er stellt sie einfach in den Raum, vielleicht weil er daran glaubt. Das haben viele andere Autoren und Politiker bereits viele Jahre vor ihm getan und bislang hatten glücklicherweise alle unrecht.

Es mag nicht weiter dramatisch sein, mal ein Horrorszenario an die Wand zu malen. Und wenn man es getan hat, kann man später prima sagen: "Seht her, ich habe es doch gesagt." Das Problem damit ist aber, dass seit 2001 solche Apokalypsewarnungen auf der ganzen Welt zur massiven Beschneidung der Bürgerrechte genutzt wurden, in ihrem Namen regelrechte Untaten geschahen. Sie wurden zum Vorwand für den Irakkrieg, Tötungen von Terrorverdächtigen ohne Prozess, das systematische Ausspähen von Bürgern, Entführungen und Folter.

Steinhäusler gehört aber gar nicht zu den Apologeten des von Ex-US-Präsident George W. Bush propagierten Krieges gegen den Terror und seiner Auswüchse. In seinem Buch geißelt er diese sogar. Dennoch verwendet er die gleiche Angstmacher-Masche. Warum?

Er hätte es eigentlich gar nicht nötig: Seine Ausführungen zur Entwicklung von Kriegen und Terrorismus sind knapp, präzise und treffend. Auch sonst ist viel in diesem Buch kenntnisreich aufgeschrieben und vor allem für Leser, die sich nicht regelmäßig mit der Materie befassen, erhellend. Zum Beispiel in den Passagen, in denen er die soziale Situation von Migranten in vielen westlichen Staaten als großen Risikofaktor beschreibt.

Dennoch beginnt das Buch gleich mit zwei Szenarien, die einem beim Lesen eher das Gefühl vermitteln, einen B-Film zu schauen, als ein Sachbuch zu lesen: Terrorangriff mit einer primitiven Atombombe auf London und koordinierte Terrorangriffe auf Ziele in ganz Europa, die sogar vor dem Wiener Donauinselfest nicht haltmachen. Fehlt nur ein muskelbepackter Schauspieler aus der Alpenrepublik, der neben der ganzen Welt auch eine silikonbrüstige Blondine erst rettet, dann küsst und am Ende verspricht, er käme zurück.

Diese Kritik mag hämisch sein, es ist allerdings auch ärgerlich, dass Steinhäusler sein Werk mit so viel alarmistischem Getue verbrämt. Weil das Buch eben auch gute Passagen hat, beschleicht einen der Verdacht, der Autor habe das gar nicht selbst gewollt. Es wirkt eher so, als habe er ein sachliches Buch abgeliefert und irgendjemand aus dem Verlag habe bemängelt, es sei zu "nüchtern und unspektakulär". Schade.

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