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09.06.2016

12:08 Uhr

Terrormiliz IS

Geschwächt – und noch gefährlicher

VonPierre Heumann

Der IS ist unter Druck: In Libyen rücken die Regierungstruppen vor. Auch finanziell ist der Islamische Staat am Anschlag. Doch Experten und Uno warnen: Das macht die Terrororganisation nur noch extremer.

Die Öleinnahmen sind um mehr als 50 Prozent zurückgegangen, nachdem Ölanlagen des IS bombardiert wurden. Die Finanzierung der Milizen und der staatlichen Strukturen wird für den selbst ernannten Kalifen zunehmend ein Problem.

IS-Kämpfer

Die Öleinnahmen sind um mehr als 50 Prozent zurückgegangen, nachdem Ölanlagen des IS bombardiert wurden. Die Finanzierung der Milizen und der staatlichen Strukturen wird für den selbst ernannten Kalifen zunehmend ein Problem.

Tel AvivIn Lyon wurde diese Woche der Ernstfall durchgespielt. Die Polizei übte wenige Tage vor dem Beginn der Fußball-EM die Reaktionen nach einem Terrorangriff. Der IS ist im Nahen Osten zwar an mehreren Fronten unter Druck. Doch grade deshalb, befürchten Anti-Terror-Spezialisten, könnte er mit einem aus seiner Sicht spektakulären Attentat versuchen, seine Verluste im Irak und in Syrien zu kompensieren.

Attacken auf die nicht-muslimische Welt halten die Experten des „Institute for the Study of War“ (ISW) für wahrscheinlich. Der IS könnte versuchen, damit einen „apokalyptischen totalen Krieg“ auszulösen. Als wahrscheinliches Ziel nenne die ISW-Experten große Sportanlässe wie die Euro 2016, die am 10. Juni beginnt. Auch die Uno warnt: Die Gefahr vor Anschlägen durch die Terrormiliz Islamischer Staat seien angesichts militärischer Verluste in Syrien und im Irak in den vergangenen Monaten gewachsen.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Die Extremisten könnten möglicherweise Angriffe auf internationale Ziele ins Visier nehmen, sagte Uno-Untergeneralsekretär Jeffrey Feltman am Donnerstag (Ortszeit) dem Weltsicherheitsrat in New York. Er sprach von der Gefahr von komplexen Attacken, die in mehreren Wellen ausgeführt werden könnten. Angesichts der Verluste seien ausländische Kämpfer verstärkt in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Damit steige die Gefahr von IS-Anschlägen in diesen Ländern.

Die Besorgnis, dass es während der Europameisterschaft zu Terroranschlägen in den Stadien kommen könnte, wird auch von anderen zahlreichen Sicherheitsfachleuten geteilt. Frankreich sei das „am meisten bedrohte Land“, sagt Patrick Calvar, Chef der Direction Générale de la Sécurité Intérieure, dem französischen Inlandgeheimdienst: „Wir wissen, dass der IS neue Attacken plant.“ Auch der ehemalige Chef der Anti-Terror-Einheit von Scotland Yard, Richard Walton, gibt zu bedenken: Die Bedrohungslager für die Euro 2016 sei „akuter als für jedes andere Sportereignis zuvor“.

Das US-Außenministerium warnt deshalb amerikanischer Bürger vor den Gefahren möglicher Terrorattentate in ganz Europa. Zur Vorsicht mahnen auch die Briten.

Islamistische Szene in Deutschland

Salafisten in Deutschland

Der Verfassungsschutz rechnet mehr als 43.000 Menschen zur islamistischen Szene in Deutschland. Diese ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen - vor allem durch den starken Zulauf bei der Gruppe der Salafisten, einer besonders konservativen Strömung innerhalb des Islam. Rund 7000 Leute werden inzwischen der Salafisten-Szene zugerechnet. 2011 waren es noch etwa halb so viel. Besonders stark sind die Salafisten in Nordrhein-Westfalen vernetzt.

Millitante Islamisten

Mindestens 600 radikale Islamisten aus Deutschland sind bislang in das Kampfgebiet nach Syrien und in den Irak ausgereist. Die Zahl geht seit langem kontinuierlich nach oben. Viele haben sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen.

Kämpfer kehren zurück

Etwa 200 der Ausgereisten sind inzwischen wieder in Deutschland. Aber nur von einem kleinen Teil davon – etwa 35 Personen – ist bekannt, dass sie aktiv am bewaffneten Konflikt beteiligt waren. Rund 60 Islamisten aus Deutschland sind laut Verfassungsschutz in Syrien und dem Irak gestorben. Mindestens zehn sprengten sich bei Selbstmordanschlägen in die Luft. Dies sind aber nur die bekannten Fälle.

Diese Islamisten sind gefährlich

Die Sicherheitsbehörden stufen viele Islamisten als gefährlich ein. Etwa 1000 Menschen in Deutschland werden dem „islamistisch-terroristischen“ Spektrum zugeordnet. Darunter sind 260 sogenannte Gefährder, also Menschen, denen die Polizei zutraut, dass sie einen Terrorakt begehen könnten. Die Zahl ist so hoch wie nie zuvor. Zum Teil sind auch Rückkehrer aus Dschihad-Gebieten darunter. Diese machen den Sicherheitsbehörden große Sorgen, weil sie oft radikalisiert zurückkommen - und zum Teil kampferprobt.

Eine internationale Denkfabrik sieht sogar die Gefahr einer „schmutzigen Bombe“, die der IS gegen eine westliche Hauptstadt einsetzen könnte. Der IS habe in Syrien bereits mehrfach chemische Waffen eingesetzt, sagt Viatcheslav Kantor, Präsident des „International Luxembourg Forums zur Vermeidung nuklearer Katastrophen“. Alarmierende Töne sind auch vom ehemaligen britischen Verteidigungsminister Des Browne von der Nuclear Threat Initiative (NTI) zu hören. Sollten sich Terroristen nukleares Material beschaffen, „werden sie versuchen, es zu verwenden.“

Kommentare (26)

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Rainer von Horn

09.06.2016, 12:18 Uhr

Solange der IS noch Unterstützung aus Saudi-Arabien und vom Nato-Land Türkei erfährt (wo angeblich syrische Flüchtlingskinder soi ab 9 Jahren die diversen Uniformen nähen müssen), ist hier noch nicht aller Tage abend.

Herr Otto Berger

09.06.2016, 12:19 Uhr

Angesichts der Verluste seien ausländische Kämpfer verstärkt in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Damit steige die Gefahr von IS-Anschlägen in diesen Ländern.
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----- weil diese Leute frei herumlaufen, obwohl sie unter dem dringenden Tatverdacht der Begehung schwerster Verbrechen stehen. Einfach unfassbar !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Rainer von Horn

09.06.2016, 12:20 Uhr

Quelle:
http://www.dailymail.co.uk/news/article-3597143/Child-slaves-making-uniforms-Isis-Inside-Turkish-sweatshop-children-young-nine-work-12-hours-day-stitching-combat-gear-used-battle-Islamic-State.html

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