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23.02.2015

18:14 Uhr

Terrormiliz Islamischer Staat in Libyen

Der IS droht Europa

VonMartin Gehlen

Wenige hundert Seemeilen trennen den IS vom europäischen Festland. Mit der Enthauptung von 21 Christen demonstriert die Terrormiliz ihre Macht – und droht Europa. Italien fürchtet bereits IS-Piraterie vor seinen Küsten.

Beim Angriff auf das Luxushotel wurden mehrere Menschen getötet. Der Islamische Staat hatte sich zu dem Anschlag bekannt. dpa

Eingang des Corinthia-Hotels in Tripolis

Beim Angriff auf das Luxushotel wurden mehrere Menschen getötet. Der Islamische Staat hatte sich zu dem Anschlag bekannt.

Kairo/TripolisDer Islamische Staat (IS) rückt vor: Erst in Syrien und dem Irak paradieren die IS-Kämpfer jetzt auch durch Libyen mit Toyota-Konvois und aufgeblendeten Scheinwerfern – und sind damit fast in Sichtweite des europäischen Festlandes.

Schon vor einer Woche hatten sie eine Botschaft gen Europa und den Westen geschickt: Ein durchinszeniertes Video vom Strand der libyschen Hauptstadt Tripolis zeigt die Enthauptung von 21 koptischen Christen. Der fünfminütige Film trägt den Titel „Eine in Blut geschriebene Nachricht an die Nation des Kreuzes“. Das Strandvideo war eine unmissverständliche Botschaft an Europa.

„Wir werden Rom erobern“, deklamierte dann auch einer der Vermummten und streckte seinen Dolch aufs offene Meer. „Wir befinden uns hier südlich von Rom, im Land des Islam Libyen (...) das Meer, in dem ihr die Leiche von Scheich Usama bin Ladin versteckt habt, wir schwören bei Allah, wir werden es mit eurem Blut mischen.“

Milizen in Libyen: Machtkampf unter Revolutionären

Sechs Millionen Libyer bewaffnet

Libyen steht drei Jahre nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi am Rande eines Bürgerkriegs. Wegen eskalierender Kämpfe verfeindeter Milizen verlassen immer mehr Ausländer das Land, auch einige Botschaften schließen. Die Lage ist hochgefährlich: Denn nach Einschätzung der International Crisis Group sind 125 000 der sechs Millionen Libyer bewaffnet.

Libysche Armee

Sie gehört zu den wichtigsten bewaffneten Gruppen in Libyen: Die offiziellen Streitkräfte mit etwa 35 000 Soldaten sind angesichts der bewaffneten Übermacht an Milizen nicht sehr effektiv. Viele dürften inzwischen aber auch auf der Seite von Kampfbrigaden stehen. Denn in der Vergangenheit hat die Armee stets auf die Hilfe von Milizen gesetzt. Viele Soldaten, die unter Gaddafi dienten, sind nicht mehr in den regulären Truppen aktiv.

Al-Saika

Die Eliteeinheit besteht aus bis zu 5000 paramilitärischen Kämpfern. Sie untersteht eigentlich dem Verteidigungsministerium, kämpft aber gemeinsam mit dem abtrünnigen Generalmajor Chalifa Haftar bei der Militärkampagne „Operation Würde“ ohne Befehl aus Tripolis im Osten des Landes gegen islamistische Gruppierungen. Das neu gegründete Militärbündnis aus abtrünnigen Soldaten nennt sich „Nationale Armee“.

Misrata-Brigaden

Der mächtigen Organisation gehören mehr als 230 Milizen mit 40 000 Kämpfern an. In der Stadt Misrata wurde einst der tote Machthaber Muammar al-Gaddafi in einem Kühlhaus zur Schau gestellt, bevor er in der Wüste begraben wurde. Milizen der Stadt sehen sich als Schutzmacht gegen Kräfte des alten Regimes. Sie sind derzeit in die heftigen Kämpfe am internationalen Flughafen Tripolis verwickelt.

Libyens Schutzschild

Der Miliz gehören bewaffnete Brigaden im Osten, Westen, Zentrum und Süden Libyens an – hier gibt es große Überschneidungen mit den Misrata-Brigaden. Die Gruppe wurde 2012 gegründet, um ehemalige Revolutionsgruppen einzubinden, die gegen Gaddafi gekämpft hatten. Die Brigaden mit 6000 bis 12 000 Mitgliedern stehen der islamistischen Muslimbruderschaft nahe; ihre Milizen arbeiteten zeitweise mit dem Verteidigungsministerium in Tripolis zusammen.

Operationszentrum der Revolutionäre in Libyen

Die zwischen 200 und 350 Mann starke Kampfbrigade wurde Anfang 2013 ursprünglich zum Schutz der Hauptstadt Tripolis gegründet und unterstand dem Parlamentspräsidenten. Doch dann beteiligten sich bewaffnete Mitglieder der Gruppierung an der Entführung des Ministerpräsidenten Ali Seidan. Das Operationszentrum wurde daraufhin dem Verteidigungsministerium unterstellt. Auch diese Gruppierung ist an den aktuellen Kämpfen in der Hauptstadt beteiligt.

Revolutionsbrigaden aus Al-Sintan

Mächtige Stammesmilizen kommen aus der Stadt Al-Sintan. Dort haben die Al-Kakaa-Brigade mit 18 000 Kämpfern und Al-Sawaig mit rund 2000 Kämpfern ihre Stützpunkte. International bekannt ist Al-Sintan, weil dort Gaddafis Sohn Saif al-Islam gefangen gehalten wird. Misrata und Al-Sintan rivalisieren um die Macht in Libyen. Milizen beider Städte führen derzeit eine Art Stellvertreterkrieg um den internationalen Flughafen in Tripolis.

Wächter der Erdöl-Einrichtungen

Die Brigade wurde einst vom Verteidigungsministerium bezahlt. Allerdings machten sich die Kämpfer unter Ibrahim Dschadhran selbstständig. Sie blockieren wichtige Ölverladehäfen und fordern die Autonomie Ostlibyens. Die Separatisten sollen mindestens 17 000 Kämpfer unter ihrem Kommando haben.

Ansar al-Sharia

Schätzungen über die Zahl der Mitglieder reichen von wenigen Hundert bis zu 5000. Die Salafisten der radikalsten islamischen Gruppe wollen einen Gottesstaat errichten. Die USA haben sie auf die Terrorliste gesetzt. Sie sollen an dem Angriff auf das US-Konsulat beteiligt gewesen sein, bei dem im September 2012 der Botschafter starb. Ansar al-Scharia kämpft im östlichen Bengasi gegen Truppen und Verbündete von Generalmajor Chalifa Haftar.

Märtyrer des 17. Februar

Die Islamistenmiliz aus Bengasi soll bis zu 3500 Kämpfer umfassen. Sie steht auf der Gehaltsliste des Verteidigungsministeriums.

Sieben Monate, nachdem der selbst ernannte Kalif Ibrahim, alias Abu Bakr al-Baghdadi, in Mosul sein „Islamisches Kalifat“ ausrief, stehen seine Anhänger nun an der südlichen Mittelmeerküste. Bis nach Kreta sind es gerade mal 400 Kilometer.

Vom alten Kontinent trennen sie wenige hundert Seemeilen. Das italienische Verteidigungsministerium warnte bereits vor einer IS-Piraterie auf dem Mittelmeer ähnlich wie der vor Somalia. „Schnellboote könnten Fischerboote, Kreuzfahrtschiffe, kleinere Handelsschiffe oder die Küstenwache attackieren, um Geiseln zu nehmen und Lösegelder zu erpressen“, heißt es in der Analyse. Überfüllte Flüchtlingsboote könnten als schwimmende Bomben präpariert werden, um sie in der Nähe anderer Schiffe in die Luft zu jagen.

Außerhalb ihres „Kalifats“ auf den Gebieten des Iraks und Syrien schworen im vergangenen Oktober die ersten Gotteskrieger in der ostlibyschen Kleinstadt Derna dem IS die Gefolgschaft. „Die Stadt ist außerhalb jeder staatlichen Kontrolle“, berichtete der Journalist Mohamed Eljarh, der sich als einziger Außenstehender kürzlich für einige Stunden in Derna aufhielt.

„Die schwarzen Flaggen des Islamischen Staates wehen überall, sie haben eigene Scharia-Gerichte und eine islamische Polizei etabliert “, berichtete er. Zahlreiche junge Libyer sind mit dabei, viele Extremisten stammen aus Syrien, Irak, Algerien und Palästina. „Der Emir ist ein jemenitischer Dschihadist, der von Abu Bakr al-Baghdadi persönlich geschickt wurde“, berichtet der Augenzeuge, der damit rechnet, dass sich der IS rasch ausdehnen wird.

Attentäter töteten am Freitag 20 Kilometer westlich von Derna mit drei simultanen Bomben mindestens 30 Menschen, die meisten von ihnen warteten an einer Tankstelle auf Benzin. 48 Stunden zuvor waren IS-Kommandos in der libyschen Hafenstadt Sirte einmarschiert und hatten Innenstadt und Universität besetzt, sowie das pompöse Ouagadougou-Zentrum, in dem Muammar Gaddafi seine arabischen und afrikanischen Gipfel abzuhalten pflegte.

Kommentare (6)

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Herr Holger Narrog

23.02.2015, 18:26 Uhr

Da man in Europa mit Freude jeden Asylbewerber aufnimmt und alimentiert der sich im Mittelmeer zeigt, kann der IS leicht Krieger nach Europa exportieren die dann hierzulande für eine Bombenstimmung sorgen.

Frau Lisa Walter

23.02.2015, 19:25 Uhr

Klar ist Europa bedroht! Zum besseren Verständnis der Bedrohung empfehle die Bücher des Ägypters Hamed Abdel-Samad. Hamed beschreibt wichtige Charakterzüge des radikalisierten politischen Islams. Diese sind u.a.: - Das Bestreben die Welt zu beherrschen - Das Streben nach charismatischen Führern - Das Einteilen der Welt in die Auserwählten und den Rest - Der Judenhass Diese Züge hat diese Ideologie mit anderen gefährlichen Ideologien wie dem Faschismus gemeinsam.

Herr Donald Ta

23.02.2015, 19:44 Uhr

Angelas bester Freund Bush Junior, hat die Voraussetzungen dafür geschaffen. Andere müssen es jetzt ausbaden....

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