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20.08.2016

10:47 Uhr

Textilindustrie in Afrika

Was Altkleider-Spenden wirklich bringen

Von einer Spende zur Ware: Bloß keine Altkleider spenden, denn Altkleiderexporte zerstörten die lokale Textilwirtschaft in Afrika und fördern so die Armut, so das Mantra der Kritiker. Doch stimmt das auch?

Lucy Wangoi verkauf auf dem Toi-Markt in Nairobi (Kenia) ihren Straßenstand für den Verkauf von Oberteilen vor. Der Toi-Markt in Kenias Hauptstadt Nairobi zählt zu einem der größten Einzelhandelsmärkte für gebrauchte Textilien in dem ostafrikanischen Land. dpa

Altkleider für Afrika

Lucy Wangoi verkauf auf dem Toi-Markt in Nairobi (Kenia) ihren Straßenstand für den Verkauf von Oberteilen vor. Der Toi-Markt in Kenias Hauptstadt Nairobi zählt zu einem der größten Einzelhandelsmärkte für gebrauchte Textilien in dem ostafrikanischen Land.

Nairobi/Harare/BerlinNähmaschinen rattern, der Rauch von Kohle-Bügeleisen füllt die engen, mit Stofffetzen bedeckten Gänge. Es ist sieben Uhr morgens auf dem Gikomba-Markt in Nairobi, einem der größten Umschlagplätze für Second-Hand-Kleidung in Ostafrika. Händler ziehen große Holzkarren, voll beladen mit gespendeten Textilien, die in etwa 45 Kilogramm schwere, zugeschnürte Plastikpakete gepresst sind. In der heimischen Bevölkerung haben sie einen eigenen Namen: Mitumba. Das ist Kisuaheli und bedeutet so viel wie Bündel oder Ballen.

Wenn diese Kleiderbündel in Afrika ankommen, sind sie von einer Spende längst zur Ware geworden. Der Handel mit Mitumba ist ein riesiges Geschäft, das viele Kritiker hat: Durch den Export von gebrauchten Textilien in Entwicklungsländer würden einheimischen Produzenten die Absatzchancen genommen, sie gingen Pleite, Arbeitsplätze würden zerstört - so der Vorwurf, der vor allem in den 90er Jahren laut wurde. Inzwischen sehen Experten die Folgen der Altkleider-Exporte differenzierter.

David Irungu erhält monatlich zwei Containerladungen mit jeweils rund 630 Mitumbas. Der Händler zahlt umgerechnet rund 80 Euro für ein Bündel, das er auf dem Gikomba-Markt für durchschnittlich 100 Euro weiterverkauft. Davon muss er unter anderem seine rund zehn Angestellten bezahlen, vor allem aber die Importgebühren für die Container: mehr als 10.000 Euro gehen pro Behälter an die kenianische Regierung.

Die Zusammensetzung der Altkleider

Die Prüfung

Jeder Beutel mit ausrangierter Kleidung ist ein Gemisch von Textilien unterschiedlicher Art und Qualität und muss geprüft werden. Die Altkleidersäcke aus Containern werden daher in der Regel ungeöffnet an Sortierbetriebe verkauft, die Abnehmer für die Stoffe suchen. Nach Angaben des Verbands Fairwertung, in dem sich gemeinnützige Sammler zusammengeschlossen haben, kann mit durchschnittlich 55 Prozent nur etwas mehr als die Hälfte einer Sammlung wieder getragen werden.

Die Qualität

Zwei bis vier Prozent der Textilien sind von besonders guter Qualität und werden direkt an Secondhand-Läden in Deutschland und Westeuropa verkauft. Sechs bis acht Prozent werden als Qualität I bezeichnet, weitere 30 bis 32 Prozent der Kleidung gelten als Qualität II. Diese Textilien gehen an Abnehmer in Osteuropa, Afrika und dem Mittleren Osten. Wiederverwendbare Schuhe machen etwa sechs bis acht Prozent einer Sammlung aus.

Der Ausschuss

Die andere Hälfte der ausrangierten Klamotten ist den Angaben nach nicht mehr tragbar. Saugfähige Stoffe (etwa 15 bis 17 Prozent) werden an Putzlappenschneidereien verkauft. Weitere 17 bis 19 Prozent der Sammelware können zur Herstellung anderer Materialien verwendet werden. Diese Textilien verkauft der Sortierbetrieb unter anderem an Hersteller von Dachpappe oder von Abdeckungen für die Automobilindustrie.

Wiederverwertung

Rund 90 Prozent einer Sammlung werden damit stofflich wiederverwertet. Circa zehn Prozent der Ware müssen vom Sortierbetrieb als Rest- oder Textilmüll kostenpflichtig entsorgt werden.

Seine Ware bekommt Irungu hauptsächlich aus den USA, Kanada - und aus Bitterfeld-Wolfen. In der Stadt im Südosten von Sachsen-Anhalt steht das Sortierwerk der Soex Group, nach eigenen Angaben der führende Alttextilvermarkter und -recycler der Welt. Circa 700 Mitarbeiter beurteilen und ordnen täglich bis zu 400 Tonnen Kleidung und Schuhe, was 20 bis 30 Lkw-Ladungen entspricht. Die Textilien kommen etwa aus gemeinnützigen und gewerblichen Containersammlungen.

„Es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Soex Group alle Altkleider erwirbt“, sagt Geschäftsführer Axel Buchholz. „Entweder in Form von Ankaufpreisen pro Tonne oder via Stellplatzgebühr für die Aufstellung eigener Sammelcontainer.“ Noch tragbare Kleidungsstücke werden an Groß- und Kleinhändler in über 90 Länder weltweit verkauft, Hauptabsatzmärkte sind Afrika, Osteuropa und der Mittlere Osten.

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In Nairobi geht Lucy Wangoi zwei bis drei Mal pro Woche auf den Gikomba-Markt, um sechs Uhr früh. Für rund ein bis zwei Euro kauft sie Oberteile, die sie auf dem Toi-Markt am anderen Ende der Stadt wieder anpreist. „Ich suche die Teile einzeln heraus“, sagt sie. Francis Muthaka handelt mit Schuhen, die er auf dem Gikomba-Markt kauft. Und in Asien: Etwa drei Mal pro Jahr fliegt er nach China und sucht nach Neuware. Die Qualität sei aber nicht zu vergleichen mit der aus Europa, sagt er.

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