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26.11.2013

12:02 Uhr

Thailand in der Krise

Tiefe Gräben – keine Kompromissbereitschaft

Es rumort in Bangkok. Mit Straßenprotesten wollen Demonstranten die Regierung in die Knie zwingen. Keiner zeigt Kompromissbereitschaft. Das kann böse enden – wie 2006, beim jüngsten Coup.

Suthep Thaugsuban in Bangkok: Gegen den Protestanführer wurde Haftbefehl erlassen. Reuters

Suthep Thaugsuban in Bangkok: Gegen den Protestanführer wurde Haftbefehl erlassen.

BangkokDie Demonstranten in Bangkok pfeifen sich ihre Wut mit Trillerpfeifen aus dem Leib, ein ohrenbetäubendes Konzert, das bis ins Mark erschüttert. Der Lärm, die Enge, die Macht der Masse wirken wie eine Droge: Wie entfesselt rücken die Demonstranten dicht gedrängt voran, wie eine Walze mähen sie Barrieren nieder, schieben Polizisten zur Seite und dringen auf Ministeriengelände vor. Alles, was nach Regierung riecht, ist Angriffsziel.

„Das größte Problem ist die Korruption“, sagt Saman Ploysaengsai (65), der am Demokratiedenkmal demonstriert. „Die Regierungspartei Pheu Thai beschummelt das Volk.“ Die Reisbauern bekämen gar nicht den versprochenen Garantiepreis für ihre Ernte. Ein Teil des Geldes versickere in dunklen Kanälen.

Korruption macht auch Yaa Kamken (40), Hausfrau und Mutter dreier Kinder, geltend. „Alle Regierungen sind korrupt, aber diese mehr als andere“, sagt sie. Yaa kommt aus dem Süden, wo es viele Gummiplantagen gibt. „Sie haben uns hohe Preise für Gummi versprochen, aber sie zahlen nur die Hälfte“, sagt sie.

Jeder hat Beispiele für Missstände, aber das große Thema, das die Demonstranten vereint, ist der Hass auf Thaksin Shinawatra, den 2006 gestürzten Regierungschef und Milliardär. Er wurde wegen Korruption verurteilt, setzte sich aber vorher ins Exil ab. Von dort gängelt er die Regierung, der seine Schwester vorsteht. „Thaksin ist ein Krimineller“, sagt Saman. „Er kann das ganze Land kaufen - und Stimmen für Wahlsiege dazu.“ Yaa sagt: „Thaksin will Macht, er will die Nummer eins sein, aber das ist immer noch der König.“

Die Demonstranten schreien sich den Frust über Thaksins Macht von der Seele. Denn er hat eine solide Mehrheit im Land, vor allem dank der ländlichen und armen Bevölkerung im Nordosten des Landes. Er und seine Parteigänger haben seit 2001 jede Wahl gewonnen. Thaksin hatte die Vorherrschaft der kleinen Elite ausgehebelt, als er 2001 an die Macht kam. Niemandem ist es bisher gelungen, eine Brücke über den Graben zwischen seinen Anhängern und den eher städtischen und wohlhabenderen Thaksin-Gegnern zu schlagen.

„Der politische Konflikt ist ein Symptom einer tiefgehenden gesellschaftlichen Krise in Thailand“, sagt der Leiter des Büros der Adenauer-Stiftung in Bangkok, Michael Winzer. „Eine mangelnde Bereitschaft, Kompromisse zu schließen, sowie divergierende Moralvorstellungen und Werte blockieren eine grundlegende Konfliktlösung durch demokratische Institutionen.“

„Lassen wir es zu, dass Thailand wieder in Chaos, Gewalt und Coups versinkt, weil wir uns nicht bemühen, die andere Seite zu verstehen?“, schreibt der Kolumnist Pravit Rojanaphruk in der Zeitung „Nation“.

Die Gefahr eines Staatsstreichs ist real. „Die Regierung wird alles tun, um Blutvergießen zu vermeiden, weil die Gefahr besteht, dass das Militär eingreift“, sagt die Politologin Kaewkamol Pitakdumrongkit von der „S.Rajaratnam School of International Studies“ in Singapur. „Yingluck ist zwar auch Verteidigungsministerin, aber das Militär ist gespalten, es gibt Divisionen, die auf Seiten der Opposition stehen.“

Von

dpa

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