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23.05.2017

02:40 Uhr

Theresa May im BBC-Interview

Konsequent ausgewichen

VonKatharina Slodczyk

Bloß keine Fehler eingestehen, roboterhaft die gleichen Formeln wiederholen: Im Interview lässt sich die britische Premierministerin May nichts entlocken. Angesichts sinkender Umfragewerte müsste sie aber mal nachlegen.

Während eines Interviews mit der BBC gibt sich Großbritanniens Premierministerin Theresa May größte Mühe, auf die Fragen nicht zu antworten. Reuters

Theresa May

Während eines Interviews mit der BBC gibt sich Großbritanniens Premierministerin Theresa May größte Mühe, auf die Fragen nicht zu antworten.

LondonSie gibt ein und dieselbe Antwort – egal, wie die Frage lautet. „Sie verlieren in Umfragen an Zustimmung. Was ist schief gelaufen?“, will der Moderator von Großbritanniens Premierministerin Theresa May wissen. „Das einzige Abstimmungsergebnis, das für mich zählt, ist das, das wir am Wahltag sehen werden“, antwortet sie. „Warum ist ihr Vorsprung in Umfragen gesunken?“, legt der Moderator nach. „Wie ich bereits sagte: Das einzige Abstimmungsergebnis, das für mich zählt, ist das, das wir am Wahltag, den 8. Juni, sehen werden“, wiederholt May.

So ähnlich verläuft auch der Rest des halbstündigen Interviews, das BBC-Moderator Andrew Neil am Montagabend mit May führt. Konsequent wiederholt sie die immer gleichen Formeln, weicht Antworten aus, vermeidet es, sich festzulegen, konkret zu werden oder Fehler einzugestehen – so offensichtlich sie auch sein mögen. So kassierte die Premierministerin nur wenige Stunden zuvor ein Wahlversprechen ein, das sie erst am Donnerstag vergangener Woche abgegeben hat.

Für die Pflege im Alter müssten Briten künftig deutlich mehr aus der eigenen Tasche zahlen, hatte May bei der Veröffentlichung ihres Wahlprogramms angekündigt. Das löste einen massiven Aufschrei aus. Rentner fürchteten, Immobilien verkaufen zu müssen und ihren Kindern kaum mehr etwas vererben zu können, um künftig ihre Pflege finanzieren zu können.

Am Montag rudert May zurück, nachdem ihre Umfragewerte deutlich gesunken waren: Sie stellt Rentnern eine Deckelung der Beiträge in Aussicht, die diese selbst für ihre Pflege aufbringen müssten. Eine solche Obergrenze hat der britische Gesundheitsminister zuvor noch ausgeschlossen.

Darum will May im Juni wählen lassen

Rückenwind für EU-Verhandlungen

Die Premierministerin steht mit ihrem Mantra „Brexit heißt Brexit“ inzwischen für den EU-Austritt. Die Verhandlungen werden zäh und kompliziert werden, und es gilt als sicher, dass sie Großbritannien erst einmal einiges kosten werden - May will sich beim Volk ein Mandat dafür holen und die Stimmen der Kritiker im Parlament dämpfen.

Komfortable Mehrheit

Die konservativen Tories regieren allein, haben aber nur eine Mehrheit von 17 Stimmen. Wie schon ihr Vorgänger David Cameron hat May mit „Rebellen“ in den eigenen Reihen zu kämpfen, vor allem den ultra-konservativen Hardlinern. Eine größere Mehrheit würde Gruppierungen innerhalb der Tories-Fraktion schwächen.

Gegner am Boden

Labour, die große Oppositionspartei, ist in desolatem Zustand - spätestens, seit die sozialdemokratische Basis den Parteilinken Jeremy Corbyn gegen den Willen seiner Fraktion an die Spitze gewählt hat. Nicht mal jeder sechste Brite traut ihm das Amt des Premiers zu, alles sieht nach einem klarem Sieg für May aus.

Eigenes Mandat

Nicht May hat die jüngste Wahl gewonnen, sondern David Cameron. Nach dem Brexit-Referendum ging sie aus einem ziemlich unschönen Machtkampf als seine Nachfolgerin hervor. An ihrer Machtstellung zweifelt zwar niemand - trotzdem würde ein Wahlsieg ihre Position noch einmal stärken.

Besser jetzt als später

Wer weiß, was 2020 ist? Bis dahin könnte Labour einen neuen Chef haben und sich berappeln, die britische Wirtschaft könnte nach dem Brexit straucheln, die Stimmung im Land könnte gekippt sein. Wenn am 8. Juni gewählt wird, haben Mays Tories die Macht bis 2022.

Doch von einer Kehrtwende will May nichts wissen. „Nichts hat sich an den Prinzipien geändert, die wir im Manifest für Pflege im Alter vorgestellt haben“, beharrt sie im BBC-Interview. Sie habe ihre Vorstellungen nur präzisiert, weil sich Labour-Chef Jeremy Corbyn in die Downing Street „einzuschleichen versucht, indem er Panikmache betreibt“ und Rentnern Angst um ihr Vermögen einjage.

Der Moderator will das nicht stehen lassen und stellt die Frage, wie man May angesichts dieser 180-Grad-Drehung noch trauen könne, in einigen Variationen. Doch die Premierministerin bleibt dabei. Es habe sich nichts geändert, nur Corbyn spiele mit den Ängsten der Rentner.

May wirkt wie ein Automat, der die immer gleichen Antworten wiederholt. Sie geht auf keine Frage ein. Dabei bräuchte sie neue Argumente oder eine Charmeoffensive, um aus der Defensive zu kommen, in die sie durch ihre umstrittenen Reformpläne für die „Pflege im Alter“ geraten ist. In Umfragen ist ihr Vorsprung zu Labour-Chef Corbyn von zwischenzeitlich mehr als 20 Prozentpunkten – je nach Meinungsforschungsinstitut – jüngst auf neun bis 14 Prozentpunkte zusammengeschmolzen.

Auch einige andere Wahlkampfversprechen sind angeblich in ihrer eigenen Partei umstritten – etwa die Zusage, die Netto-Einwandererzahl auf einige Zehntausende zu senken. Damit war May bereits in ihrer Zeit als Innenministerin in der Regierung von David Cameron gescheitert.

Warum solle man jetzt glauben, dass sie dieses Versprechen halten wird, will der BBC-Moderator von ihr wissen. Auch dieser Frage weicht May aus. Die Wähler könnten am 8. Juni wählen – zwischen ihr und ihrer Partei, die für die Einschränkung der Einwanderung sei, und Jeremy Corbyn und der Labour-Partei, die eine unkontrollierte Einwanderung wolle, sagt die Premierministerin.

Mit einer Wahlkampfformel, die May zuletzt sehr häufig strapazierte, geht sie in dem BBC-Interview allerdings sehr sparsam um. Das Land brauche eine „starke und stabile Führung“ für die anstehenden Brexit-Verhandlungen, und um eine Reihe anderer Probleme zu lösen.

Unerbittlich hat sie diesen Satz in den vergangenen Wochen wiederholt. Im Interview am Montagabend kommt er nur einmal vor. Mehr als ein Dutzend Male verspricht sie dagegen, dass nur sie für eine starke Wirtschaft sorgen könne, um die Mehreinnahmen reinzuholen, die man brauche, um etwa mehr Geld in das staatliche Gesundheitssystem zu stecken.

Bereitet May da etwa ihre nächste Kehrtwende vor? Denn angesichts des Wahlprogramms, das sie noch vergangene Woche vorstellte und darin mehr staatliche Eingriffe sowie deutlich weniger Einwanderer ankündigte, stellen einige Konzernchefs die künftige Wettbewerbsfähigkeit Großbritanniens infrage. Wenn man künftig nicht mehr die klügsten Köpfe auf die Insel holen könne, werde die Wirtschaft leiden, warnte der britische Arbeitgeberverband CBI.

In beispielloser Konsequenz weicht die Premierministerin auch einer der letzten Fragen des Moderators aus: Wie denn die Konsequenzen für Großbritannien aussehen könnten, wenn man sich nicht mit Brüssel auf einen guten Austrittsdeal einigen könnte? May warne schließlich immer vor fatalen Folgen. „Wir wollen sicherstellen, dass wir uns auf einen guten Deal einigen“, antwortet May.

Der Moderator legt nach, nicht einmal, sondern gleich viermal: Aber wenn es nicht klappen sollte, was werden dann die fatalen Folgen sein, die May im Sinn habe? Doch die Premierministerin bleibt bei ihrer Antwort: „Ich bin zuversichtlich, dass wir in der Lage sein werden, einen guten Deal zu verhandeln.“

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