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25.11.2016

18:00 Uhr

Theresa May

Zwischen allen Stühlen

VonKatharina Slodczyk

Großbritanniens Premierministerin will die Grundsätze der guten Unternehmensführung reformieren. Von den Plänen hält die britische Wirtschaft ganz und gar nichts. Doch Theresa May ist auf die Unternehmen angewiesen.

Die britische Premierministerin Theresa May – hier zu Besuch in Indien – will ihre Vorschläge im Kampf gegen Exzesse in der Unternehmenswelt in den nächsten Wochen detaillierter vorstellen. dpa

Theresa May

Die britische Premierministerin Theresa May – hier zu Besuch in Indien – will ihre Vorschläge im Kampf gegen Exzesse in der Unternehmenswelt in den nächsten Wochen detaillierter vorstellen.

LondonKnapp 50 Seiten umfasst die Studie. Die Autoren haben sich darin Theresa Mays Ideen, die Grundsätze der guten Unternehmensführung zu reformieren, vorgenommen und sie sparen nicht mit vernichtenden Kommentaren. Die Vorschläge der britischen Premierministerin seien „unverhältnismäßig“, heißt es in dem am Freitag veröffentlichten Report. Sie könnten genau das Gegenteil dessen bewirken, was May eigentlich erreichen wolle. Am Ende würde ihr Vorgehen zu „falschen Anreizen“ führen.

Es sind vor allem zwei von Mays Ideen, die die Experten der unabhängigen Denkfabrik „Big Innovation Centre“ auseinandergenommen haben: Die Premierministerin will die Abstimmung von Aktionären über die Vergütung von Managern künftig verbindlich machen. Sie will zudem, dass Konzerne das Verhältnis zwischen dem, was die Topkräfte verdienen, und was die einfachen Mitarbeiter bekommen, öffentlich machen.

Eine arbeitnehmerfreundlichere Wirtschaft – das ist eines der zentralen Versprechen, mit denen Theresa May im Juli ihren neuen Job angetreten ist. Dazu gehörte auch: Sie wollte Arbeitnehmern zu einem Sitz im Verwaltungsrat von Konzernen verhelfen und damit ein Modell einführen, dass sich an dem deutschen System der Mitbestimmung orientiert. Nach massiver Kritik der Wirtschaft ist May Anfang der Woche jedoch davon abgerückt. Es gebe ja auch noch andere Wege für Arbeiter, sich in den höheren Etagen Gehör zu verschaffen – etwa durch die Mitarbeit in Beiräten und Beratungsgremium.

Großbritanniens Optionen nach dem Brexit

Zollunion

Großbritannien könnte es machen wie die Türkei und der Zollunion beitreten. Dadurch würden die Zölle wegfallen und die Handelsabkommen mit der EU behielten bestand. Andererseits wäre London aber dabei eingeschränkt, eine eigene Handelspolitik zu betreiben, da man sich an den gemeinsamen Zolltarif halten müsste. Ob dies den Briten gefallen würde, bleibt fraglich. Immerhin folgt die Brexit-Entscheidung dem Ruf nach völliger nationaler Souveränität.

Europäischer Wirtschaftsraum (EWR)

Der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) umfasst derzeit 31 Länder. Die teilnehmenden Staaten haben gemeinsame Aufsichtsbehörden, Gerichte und Regeln. Zudem gelten die vier Binnenmarktfreiheiten beim Waren-, Personen-, Dienstleistungen- und Kapitalverkehr. Allerdings will die britische Regierung weder der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes unterliegen noch die Kontrolle über die Immigration abgeben.

Der „Schweizer Weg“

Am liebsten wäre der englischen Regierung wohl ein Modell wie der „Schweizer Weg“. So könnten für die einzelnen Wirtschaftsbereiche maßgeschneiderte Abkommen ausgehandelt werden. Die EU hat allerdings schon durchblicken lassen, eine derartige Lösung abzulehnen.

Freihandelsabkommen

Die wahrscheinlichste Option ist für die Briten wohl ein gesondert ausgehandeltes Freihandelsabkommen, wie es zwischen der Europäischen Union und Kanada (Ceta) vereinbart wurde. Damit würden die Briten ihre durch den Brexit forcierte Unabhängigkeit behalten und könnten spezielle, aber umfassende Handelsbedingungen im Gespräch mit der EU festlegen.

Das war ein großes Zugeständnis an die britische Wirtschaft, die Mays Brexit-Pläne massiv kritisiert. Denn die Premierministerin hat signalisiert, dass sie den vollen Zugang Großbritanniens zum europäischen Binnenmarkt aufgeben wird, um die Einwanderung kontrollieren zu können. Viele Unternehmen wollen die wirtschaftlichen Vorteile der EU-Zugehörigkeit aber behalten und fürchten hohe Kosten und deutliche Nachteile, wenn es anders kommt.

Dass die Premierministerin ihre Vorschläge, Arbeitern mehr Einfluss an der Konzernspitze zu verschaffen, deutlich abmilderte, hat die Kritik der Wirtschaft an ihren Reformplänen aber nicht beendet. Die Einführung einer verbindlichen Abstimmung über die Vergütung von Topführungskräften würde Bemühungen zunichtemachen, einen Vorstandschef zu halten und zu motivieren, heißt es in der Studie des „Big Innovation Centre“. Zu den Autoren zählen unter anderem Andy Haldane, Chefvolkswirt der Bank of England, und Experten der London Business School.

Großbritannien nach dem Brexit: Steuerdumping von der Insel

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Großbritanniens Premierministerin May will die Wirtschaft auf ihre Seite ziehen – mit niedrigen Steuersätzen und staatlichen Investitionen. Doch die Unternehmen sind noch nicht überzeugt. Sie fordern Planungssicherheit.

Sie lehnen den Vorschlag, das Verhältnis zwischen den Einnahmen der Topverdiener und der normalen Mitarbeiter zu veröffentlichen, ebenfalls ab. Denn das würde nur „irreführende Vergleiche“ hervorbringen, heißt es in der Studie. Einzelhändler kämen dabei deutlich schlechter weg als etwa Banken und Vermögensverwalter.

May will ihre Vorschläge im Kampf gegen Exzesse in der Unternehmenswelt in den nächsten Wochen detaillierter vorstellen. Einige Beobachter erwarten aber, dass sie diese angesichts des Widerstands in der Wirtschaft abmildern wird. „Denn sie braucht die Kooperationsbereitschaft der Unternehmen“, sagt ein Berater, um die Brexit-Folgen für das Land abzufedern. Sie könne es sich nicht leisten, Firmen noch mehr Argumente zu liefern, die Insel zu verlassen.

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