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28.01.2011

06:00 Uhr

Thomas Bach zur Krise in Nordafrika

"Zügige Reformen sind im Maghreb nötig"

VonMathias Brüggmann

Der Wirtschaftsanwalt, Olympia-Funktionär und Präsident der Deutsch-Arabischen Industrie- und Handelskammer (Ghorfa), Thomas Bach, mahnt dringend einen Wandel in Nordafrika an. Für die deutsche Wirtschaft sieht er im Gespräch mit dem Handelsblatt trotz der aktuellen Krise große Chancen in der Region. Vor allem bei erneuerbaren Energien tun sich große Potenziale auf.

Thomas Bach: IOC-Vizepräsident und Präsident der Deutsch-Arabischen Handelskammer dpa

Thomas Bach: IOC-Vizepräsident und Präsident der Deutsch-Arabischen Handelskammer

Handelsblatt: Herr Bach, wie wichtig ist die Region Maghreb für die deutsche Wirtschaft?

Thomas Bach: Die Länder des Maghreb sind für die deutsche Wirtschaft ein wichtiger Handelspartner. Mehr als ein Viertel der gesamten deutschen Einfuhren aus der arabischen Welt stammen aus Algerien, Marokko und Tunesien. Aber auch als Abnehmerländer sind die Maghreb-Staaten von Bedeutung. Im Jahr 2010 lieferten deutsche Unternehmen in jedes der Länder Produkte im Wert von weit mehr als 1 Milliarde Euro. Darüber hinaus verzeichnen wir einen Anstieg der Joint-Ventures zwischen deutschen Firmen und Unternehmen aus den Maghreb-Ländern.

Inwieweit sind ausländische Firmen dort von den teilweise gewaltsamen Ausschreitungen bei Demonstrationen betroffen?

Der Zorn der Menschen in Tunesien richtet sich glücklicherweise nicht gegen ausländische Unternehmen oder Personen. Nach unseren Erkenntnissen ist es dadurch bislang auch nicht zu Beeinträchtigungen von deutschen Unternehmen vor Ort gekommen.

Wie sollten deutsche Investoren dort jetzt reagieren - sollte sie ihre Projekte fortsetzen, sogar noch intensivieren oder abbrechen?

Unternehmen sollte die Entwicklung weiterhin sorgfältig beobachten. Wenn sich die Lage in den Ländern, wie in Tunesien, weiter beruhigen sollte, erwarte ich keine bleibenden negativen Einflüsse auf bestehende oder geplante Investitionen in den Maghreb-Ländern. Die hervorragenden wirtschaftlichen Aussichten würden dann unverändert fortbestehen. Dies gilt insbesondere für den Bereich der Erneuerbaren Energien. Erst heute Morgen hat z.B. die marokkanische Energieministerin die ambitionierten Pläne ihres Landes in diesem Bereich bei einer Veranstaltung im Deutschen Bundestag betont.

Was bedeuten die Ereignisse in Tunesien und Ägypten für die politische und wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Region? Wird es zu einer Demokratisierung und zum Ausbau eines Rechtsstaates in der gesamten arabischen Welt kommen?

Die Proteste der Bevölkerung in den verschiedenen Ländern richten sich jedenfalls derzeit ausschließlich gegen die jeweiligen Regierungen. Gefordert wird mehr politische Teilhabe und demonstriert wird gegen Korruption und für mehr Transparenz. Wenn hier durch zügige Reformen Abhilfe geschaffen wird, kann sich das sogar schon kurzfristig positiv auf die wirtschaftliche Situation auswirken. Wirtschaftlich bedrohlich würde die Lage dann, wenn solche Reformen ausblieben und deshalb die Menschen ihrer politischen und wirtschaftlichen Unzufriedenheit weiter durch Demonstrationen Ausdruck verleihen.

Wie reagieren andere, auch arabische Investoren dort?

Nach unseren Erkenntnissen sind in anderen Ländern keine wesentlichen negativen Investitionsentscheidungen getroffen worden. Auch dort halten sich offensichtlich Vorsicht und Zuversicht die Waage. Nur wenn Proteste weiter anhalten oder wieder eskalieren, besteht die Gefahr eines Vertrauensverlustes mit den entsprechenden negativen wirtschaftlichen Folgen.

Zur Person:

Der in Tauberbischofsheim ansässige Thomas Bach ist dort Wirtschaftsanwalt. Der 1953 in Würzburg geborene frühere Weltklasse-Fechter ist Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees und Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und Präsident der Deutsch-Arabischen Industrie- und Handelskammer e.V. (Ghorfa) in Berlin.

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