Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.06.2014

06:28 Uhr

Tiananmen-Massaker in China

„Die Kommunistische Partei wird nervös“

VonFinn Mayer-Kuckuk

Die chinesische Regierung fürchtet den heutigen Jahrestag des Tiananmen-Massakers – und greift zu illegalen Methoden, um Demonstrationen zu verhindern. Die Internetzensur ist noch die harmloseste.

Video

Gedenken an das Tian’anmen-Massaker

Video: Gedenken an das Tian’anmen-Massaker

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

PekingDie chinesische Regierung schüchtert vor dem Jahrestag des Massakers auf dem Tiananmen-Platz Kritiker massiv ein und kontrolliert Medien und Internet strenger als üblich. Google ist landesweit kaum noch zugänglich. In Hongkong laufen unterdessen die Vorbereitungen für Demonstrationen und Gedenkveranstaltungen.

Am 4. Juni jährt sich der Militäreinsatz in der Pekinger Innenstadt zum fünfundzwanzigsten Mal. Damals starben mehr als tausend Menschen, nachdem Studenten sechs Wochen lang auf dem Tiananmen-Platz für mehr politische Freiheit und soziale Gerechtigkeit demonstriert hatten.

Seitdem ist klar: In China herrscht zwar wirtschaftliche Freiheit, doch die regierenden Kommunisten halten eisern an der Macht fest. Auch heute tut die Partei noch alles, um Kritik zu unterdrücken. In den vergangenen Tagen und Wochen hat die Polizei konsequent alle Akademiker, Journalisten, Künstler und Rechtsanwälte von der Straße geholt, die an den traurigen Jahrestag erinnern wollten – insgesamt rund 100 Personen.

Am Wochenende traf es den australisch-chinesischen Künstler Guo Jian, den die Polizei aus seiner Wohnung in einer Künstlerkolonie bei Peking verschleppt hat. Dem 52-Jährigen war es noch gelungen, von seinem Handy aus zwei Kurznachrichten abzusetzen. Freunden des Künstlers zufolge haben die Sicherheitskräfte ihm signalisiert, dass er in zwei Wochen wieder aus der Untersuchungshaft freikommt – mit gebührendem Sicherheitsabstand zu dem Jahrestag. Guo hatte zuvor ein Kunstwerk ausgestellt, für das er ein Modell des Tiananmen-Platzes mit Hackfleisch bedeckt hatte.

Wie es zum Massaker am Tiananmen-Platz kam

15. April 1989

Der beliebte Reformer Hu Yaobang stirbt. Aus Trauerkundgebungen werden erste politische Proteste. In den folgenden Wochen nimmt die Zahl der Teilnehmer rasch zu.

22. April 1989

Zehntausende Studenten ziehen mit Transparenten auf den Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens (Tiananmen-Platz) in der Nähe des Regierungssitzes.

Mai 1989

Auch in anderen Städten demonstrieren Studenten. Die Teilnehmerzahlen gehen in die Hunderttausende. Staatsmedien verdammen die jungen Leute als Aufrührer. Diese wiederum verleihen ihren Forderungen durch einen Hungerstreik Nachdruck. Sie bauen Zelte auf und bleiben rund um die Uhr dort, um eine Räumung zu verhindern.

19. Mai

KP-Chef Zhao Ziyang versucht mit den Studenten eine Einigung auszuhandeln und scheitert. Zhao selbst wäre zu Reformen bereit; Betonköpfe in der Partei verhindern jedoch einen Kompromiss.

20. Mai

Truppen der Volksbefreiungsarmee erscheinen auf der Straße. Bürger schützen die Studenten, indem sie den Vormarsch blockieren. Die Pekinger Soldaten weigern sich, auf ihre Mitbürger zu schießen.

2. Juni

Nachdem der Militäreinsatz ausgeblieben ist, herrscht auf dem Tiananmen-Platz Partystimmung. Die Führung nutzt die Zeit jedoch, um ahnungslose Einheiten aus entfernten Provinzen in die Hauptstadt zu verlegen. Plötzlich steigt die Nervosität wieder steil an.

3. Juni spätabends bis 4. Juni frühmorgens

Die frischen Truppen führen ihren Befehl aus. Sie schießen sich ihren Weg zum Tiananmen-Platz frei. Mehrere hundert, einigen Quellen zufolge bis zu 2600 Menschen sterben, die meisten von ihnen solidarische Bürger, aber auch viele Unbeteiligte.

1992

Deng Xiaoping reißt das Land durch seine „Südreise“ aus der Lethargie, in die es nach dem Blutbad geraten ist. Er kündigt einen neuen Schub von Wirtschaftsreformen an. Eine neue Generation wächst seitdem im Wohlstand, aber weitgehend unpolitisch auf.


Die Polizei nutzt derzeit vor allem drei Instrumente, um Kritiker auf mehr oder minder legale Weise aus dem Verkehr zu ziehen. In den meisten Fälle verhaftet sie die Betroffenen unter dem Verdacht der „Unruhestiftung“ oder „Anstiftung zum Aufstand“ und steckt sie für mehrere Wochen in Untersuchungshaft. Gegen besonders hartnäckige Dissidenten erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage, um sie von Gerichten zu langen Gefängnisstrafen verurteilen zu lassen. Eine dritte Gruppe steht lediglich unter Hausarrest.

Der 40-jährige Regimekritiker Hu Jia beispielsweise darf bereits seit dem 24. Februar seine Wohnung nicht verlassen. „Das steht im Zusammenhang mit der Mission zur Stabilisierung der Verhältnisse“, sagt Hu über Skype.
Der Ablauf dieser Polizeiaktion zeichnet unfreiwillig die Ereignisse vor einem Vierteljahrhundert nach, denn die geschichtsbewussten Chinesen nehmen Jahrestage oft als Anlass für Proteste. Die „Mission“ hat am 17. Januar begonnen, dem Todestag des reformorientierten KP-Chefs Zhao Ziyang.

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

04.06.2014, 08:58 Uhr

Oh, Putins Scherge ist wieder am Werk -- bei allem und jedem Thema läßt sich für ihn trefflich eine Verbindung zur Ukraine ziehen und die USA für alles Übel der Welt verantwortlich machen. Nur mal aus Interesse, welche Lobby vertreten Sie denn und was bringt das so ein?

Account gelöscht!

04.06.2014, 09:33 Uhr

@SuRai

Alles hängt zusammen und ist EINE Strategie der USA ihre Dollar-Dominanz und "full spectrum dominance" (Weltherrschaft) zu sichern (siehe unter anderem Brzezinski).

Jetzt bildet sich gerade ein Block, der sich dem entgegenstellt, sich aus dem US-System herauslöst und damit wird es gefährlich. Manchmal sind Politiker in ihre Memoiren ehrlich:

„Das unverzeihliche Verbrechen Deutschlands vor dem Zweiten Weltkrieg war der Versuch, seine Wirtschaftskraft aus dem Welthandelssystem herauszulösen und ein eigenes Austauschsystem zu schaffen, bei dem die Weltfinanz nicht mehr mitverdienen konnte.“
Churchill zu Lord Robert Boothby, zit. in: Sidney Rogerson, Propaganda in the Next War, Vorwort zur 2. Auflage 2001.

Genau das versuchen Rußland, China und Verbündete in Asien und Südamerika gerade ebenfalls und die USA fährt dagegen einen versteckten Weltkrieg (im Zeitalter der Atombomben ist ein heißer Krieg nicht empfehlenswert) - verschleiert von der von ihnen gesteuerten Politik und Presse. Dagegen hilft nur Transparenz und hierzu will ich meinen "Ameisen"-Beitrag liefern:

"There is not a crime, there is not a dodge, there is not a trick, there is not a swindle, there is not a vice, that does not live by secrecy." Joseph Pulitzer

Was ich davon habe? Ruhm, Ehre, Millionen-Bonus von "Putin"! Ganz bestimmt!

Nein, ich lebe in einem mitteleuropäischen Land, dessen Regierung von einer Besatzungsmacht (bzw. deren Strippenzieher in der Hochfinanz) permanent dazu gezwungen wird, gegen sein eigenen Interessen zu handeln, um die Weltherrschaft des Dollars und der Anglo-Amerikanischen Eliten zu erhalten.

Dagegen liefere ich meinen "Ameisen"-Beitrag. Eine Ameise alleine ist nichts, aber wenn diese sich zusammenschließen, kann sie nichts aufhalten. Man sieht das schon einmal daran, daß die deutsche Presse mittlerweile ihre Anti-Rußland Kriegshetze auf Eis gelegt hat und lieber über die Vorgänge in der Ostukraine (oder wo es sonst heißt wird - vielleicht bald China?) schweigt.

Account gelöscht!

04.06.2014, 11:20 Uhr

Ich frage mich nur, wie man bei diesem schönen Beispiel, immer wieder auf die Idee kommt, dass dieses Verhalten der chinesischen Regierung nur den politischen Bereich betreffen.

Die Wirtschaft in China ist auch in der Hand der Parteikader und vor allem sind die veröffentlichten Wachstumszahlen für die Regierung hochpolitisch!

Und so hat man 7% Wachstum, selbst wenn andere Wirtschaftsindikatoren für die Industrie eine Rezession sehen (was aber natürlich nach einem Monat bei der Meldung der nächsten Zahl sofort immer korrigiert wird).

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×