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31.07.2013

13:31 Uhr

„Tiefe Einschnitte“

Italien kämpft mit Rekordarbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote in Italien längst nicht so hoch wie in anderen Euro-Krisenländern. Trotzdem leidet die Bevölkerung, Hunderttausende Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Die Maßnahmen der Regierung versanden.

Männer schlafen vor der Arbeitsagentur in Reggio Calabria: Die Arbeitslosenquote ist besorgniserregend. dpa

Männer schlafen vor der Arbeitsagentur in Reggio Calabria: Die Arbeitslosenquote ist besorgniserregend.

RomEin Studienabschluss, ein Job bei einer internationalen Telekommunikationsfirma und ein gutes Einkommen - vor einem Jahr ging es der 42-jährigen Francesca aus Rom gut, sie war zufrieden. Doch binnen weniger Monate hat sich für sie alles verändert: Ihre Firma schloss den Standort in Italien, Francesca verlor ihren Job und sucht seitdem verzweifelt nach einer Anstellung. Wie ihr geht es vielen ihrer Landsleute, denn der italienische Arbeitsmarkt ist gebeutelt durch die tiefe Rezession des Landes.

„Von 2008 bis 2012 sind mehr als 500 000 Stellen verloren gegangen“, erläuterte Arbeitsminister Enrico Giovannini der Deutschen Presse-Agentur. Italien steckt in der schlimmsten Rezession der Nachkriegszeit - und das zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt. Tausende Firmen müssen schließen, Hunderttausende Menschen verlieren ihre Arbeit.

Die Arbeitslosenquote liegt mit 12,1 Prozent im Juni zwar um 0,1 Prozentpunkte niedriger als im Mai, aber immer noch nah an dem Rekordstand von 12,2 Prozent. „Fünf Jahre Krise mit der herben Beschleunigung 2012 haben tiefe Einschnitte in der Gesellschaft hinterlassen“, sagt Luigi Sbarra von der Gewerkschaft CSIL. „Weniger Firmen, weniger Investitionen, weniger Beschäftigte.“

Italien gefährdet Merkels Euro-Mission

Warum ist die Enttäuschung im Regierungslager groß?

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone spielt eine zentrale Rolle bei der Lösung der Schuldenkrise. Italien drücken mehr als zwei Billionen Euro Schulden, rasche Reformen sind nötig, ein Rückfall in den Krisenmodus soll vermieden werden. Kanzlerin Merkel hatte mehr oder weniger offen dafür geworben, dass der Reformkurs des parteilosen Übergangspremiers Mario Monti fortgesetzt wird. Und damit immer auch zu verstehen gegeben, dass eine Rückkehr von Berlusconi alles andere als wünschenswert sei.

War die Wahl ein Statement gegen Merkels Krisenmanagement?

Im Grunde schon. Immerhin haben mit Berlusconi und dem Populisten Beppe Grillo zwei erklärte Gegner der Spar- und Reformpolitik der deutschen Kanzlerin etwa die Hälfte aller Stimmen erhalten. Und Merkels Favorit Mario Monti, der versucht hatte, Italien vor der Pleite zu bewahren und an den Märkten neues Standing zu geben, gehört zu den Wahl-Verlierern.

Gibt es eine anti-deutsche Stimmung in Italien?

Das wohl nicht. Merkel und die angebliche Hegemonie der „Tedeschi“ (ital. die Deutschen) in Europa waren im Wahlkampf aber allgegenwärtig. Berlusconi hatte gemutmaßt, Monti und Merkel hätten sich verständigt, die lange in Umfragen führenden Sozialdemokraten zu unterstützen. Das wäre eine Regierung von Merkels Gnaden gewesen, ätzte Berlusconi. Die Dementis aus Berlin und von Monti haben wohl nichts genützt.

Hat dies Auswirkungen auf die deutsche Europa-Politik?

Der Wahlausgang muss Berlin zu Denken geben. Mit Sprüchen gegen die Kanzlerin hat Berlusconi im Wahlkampf unglaublich aufgeholt. Der Milliardär und Medienmogul gibt vor allem Merkel die Schuld an der Misere Italiens. In die gleiche Kerbe schlägt Ex-Komiker Grillo, der gegen „die da oben“ in Brüssel und in Berlin punktete. Der Populist holte aus dem Stand ein Viertel der Stimmen. Für den deutschen Linkenchef Bernd Riexinger kein Wunder: „Die Wut, die sich an den italienischen Wahlurnen Bahn gebrochen hat, ist imstande, die Euro-Zone zu sprengen. Merkels Sparbombe tickt!“

Droht nun eine Rückkehr der Euro-Schuldenkrise?

Ja, obwohl die Krise nicht wirklich verschwunden war. Die Lage hatte sich allenfalls entspannt. Zumal sich auch für das angeschlagene Euro-Land Zypern nach langem Zögern Berlins eine Lösung bis Ende März abzeichnet. Aus der erhofften Ruhe wurde nichts: Wegen des drohenden politischen Stillstands in Italien steigen nicht nur Risikoaufschläge für italienische Anleihen, sondern die für Papiere anderer Krisenstaaten gleich mit.

Was bedeutet das?

Zunächst einmal dürfte die Verschuldung des ohnehin klammen Italien weiter steigen. Befürchtet wird vor allem, dass das drittgrößte Euro-Land unter den Rettungsschirm schlüpfen muss. Der Hilfstopf ist einschließlich der Restmittel aus dem auslaufenden Fonds zwar noch gut gefüllt, könnte bei einem Schwergewicht wie Italien aber schnell an seine Grenzen stoßen.

Droht Deutschland eine teure Mithaftung?

Bei Rettungshilfen an Italien steigen auch die Garantien und die Haushaltsrisiken für die deutschen Steuerzahler. Was wiederum nicht ohne Folgen für die Kreditwürdigkeit Deutschlands ist und damit Auswirkungen auf die Staatskassen hierzulande hat. Was keine guten Aussichten sind für die schwarz-gelben Wahlkämpfer um Merkel & Co.. Nicht umsonst meinte Außenminister Guido Westerwelle: „Wenn es um die Schuldenkrise in Europa geht, sitzen wir alle im selben Boot.“

Ist Italien das einzige Euro-Sorgenkind?

Italien kämpft zwar mit dem zweitgrößten Schuldenstand in der Euro-Zone, einer Rezession und sinkender Wettbewerbsfähigkeit. Mit einer Schieflage Frankreichs drohen aber weit größere Probleme. Das Defizit des zweitgrößten Eurolandes steigt und steigt. Paris dürfte den Ausgang der Parlamentswahlen in Rom aber als Bestätigung für den eigenen Kurs sehen - mehr auf Wachstum setzen statt aufs Sparen.

Besonders schlimm trifft es - wie in vielen Krisenländern - die junge Generation. 39,1 Prozent der Italiener unter 25 Jahren sind ohne Arbeit. Viele Unternehmen reagierten auf die Krise, indem sie befristete Verträge nicht verlängerten, erklärt Sbarra. Davon seien dann vor allem die Berufseinsteiger betroffen. „Die Jungen und die Frauen sind sicherlich die Gruppen, die die Auswirkungen der Krise sofort zu spüren bekommen haben“, sagt Giovannini.

Viele gut ausgebildete Menschen fliehen deshalb ins Ausland. 2012 verließen nach einer Statistik des Innenministeriums 35 435 Italiener zwischen 20 und 40 Jahren ihr Land, gut 28 Prozent mehr als im Vorjahr. Die meisten von ihnen gingen nach Deutschland. Bis zu 25 Milliarden Euro verliert Italien momentan jedes Jahr durch die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, schätzt Arbeitsminister Giovannini. Auch Francesca hat über diese Alternative nachgedacht. „Wenn ich hier nichts finde, kann ich das nicht ausschließen“, sagt sie.

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