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30.04.2012

16:22 Uhr

Tiefe Rezession

Euro-Zone stellt sich auf Hilfsaktion für Spanien ein

VonRuth Berschens, Norbert Häring

Eine Rettungsaktion der Euro-Zone für Spaniens Banken scheint immer näher zu rücken: Das Land leidet unter den Spätfolgen der Immobilienkrise und hoher Arbeitslosigkeit. In den EU-Institutionen wächst die Nervosität.

Geschäftsaufgabe in Spanien: Die viertgrößte Euro-Wirtschaft steckt in der Rezession. dpa

Geschäftsaufgabe in Spanien: Die viertgrößte Euro-Wirtschaft steckt in der Rezession.

Brüssel, Frankfurt, MadridDie neusten Zahlen des spanischen Statistikamtes lassen die anderen Euro-Länder zittern. Sie bestätigen das, was Experten bereits befürchtet hatten: Spanien befindet sich in einer Rezession - seine Wirtschaft schrumpft. In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres sank die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent. Bereits im Schlussquartal 2011 war die spanische Wirtschaft erstmals seit Ende 2009 wieder geschrumpft. Das Minus lag ebenfalls bei 0,3 Prozent. Damit ist die gängige Definition für eine Rezession - zwei Quartale mit negativen Wachstumsraten in Folge - nunmehr erfüllt.
Die schwachen Wirtschaftsdaten kommen in einer kritischen Phase. Seit einigen Wochen haben sich die internationalen Finanzmärkte auf Spanien eingeschossen - und die Risikoaufschläge für spanische Staatsanleihen sind in die Höhe geschossen.

Die Bundesregierung und die EU-Kommission sprachen der Regierung in Madrid zwar demonstrativ ihr Vertrauen aus. Das Land mache bei der Haushaltskonsolidierung gute Fortschritte, sagte eine Sprecherin der EU-Behörde in Brüssel.

Experten schenken solchen Beteuerungen allerdings keinen Glauben mehr. „Die Euro-Zone wird um eine Rettungsaktion für die spanischen Banken nicht herumkommen“, sagte Daniel Gros, Direktor des Brüsseler Wirtschaftsforschungsinstituts CEPS. Berechnungen der spanischen Notenbank zufolge beläuft sich der zusätzliche Kapitalbedarf der Geldhäuser aufgrund fauler Immobilienkredite auf 53,8 Milliarden Euro. Unter Einrechnung drohender Zahlungsausfälle bei anderen Krediten ergebe sich eine Finanzierungslücke von mehr als 100 Milliarden Euro, sagte Analyst Andrew Lim von der Banco Espirito Santo.

Spaniens Baustellen

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote beträgt laut Statistikbehörde 24,4 Prozent und befindet sich auf den höchsten Stand seit 18 Jahren. Insgesamt sind in Spanien 5,6 Millionen Menschen arbeitslos. Vor allem die Jugendarbeitslosigkeit ist ein Riesenproblem. Die europäische Statistikbehörde Eurostat berichtete unlängst, die Quote der Jugendarbeitslosigkeit sei in Spanien mit einem Wert von 50,5 Prozent am höchsten. Zum Vergleich: Mit 8,2 Prozent hatte Deutschland die niedrigste Quote.

Immobilienmarkt

In der Vor-Krisenzeit lockte die Kombination aus hohem Wirtschaftswachstum und niedrigem Zinsniveau die Spanier an den Immobilienmarkt. Viele legten sich eine zweite, dritte oder gar vierte Wohnung zu. Doch der Boom war größtenteils auf Pump finanziert. Nachdem auch internationale Anleger wie Pensions- und Investmentfonds in großem Stil einstiegen, wurden Immobilien rasch zu Spekulationsobjekten. Die Finanzkrise 2008 bereitete dem ein jähes Ende: Die spanischen Banken - anfangs noch gelobt wegen ihrer Zurückhaltung bei Schrottpapieren - gerieten in den Krisenstrudel und wurden Opfer der lockeren Kreditvergabe.

Haushaltslage

In der Eurozone war Spanien 2011 mit einem Fehlbetrag von 8,9 Prozent der drittgrößte Haushaltssünder. Das Haushaltsloch war zwar kleiner als 2010 (9,3 Prozent), aber deutlich höher als angestrebt. Die spanische Wirtschaft stürzte zudem zu Jahresbeginn in die Rezession. Mit drastischen Sparmaßnahmen und weitreichenden Reformen versucht die Regierung des konservativen Regierungschefs Mariano Rajoy gegenzusteuern. Ursprünglich sollte das Defizit schon 2013 wieder unter die erlaubten 3 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken, nun soll Spanien dafür ein Jahr länger Zeit bekommen.

Bankenkrise

Die Lage am Immobilienmarkt schlägt voll auf den Bankensektor durch: Die Großbanken Santander und BBVA (Banco Bilbao Vizcaya Argentaria) verzeichneten wegen der Vorsorge für faule Immobilienkredite Gewinnrückgänge. Spaniens Regierung hatte höhere Rücklagen der Banken angesichts der kriselnden Wirtschaft verlangt. Anderen Geldhäusern erging es noch schlechter: Die Großbank Bankia will vom Staat mehr als 23 Milliarden Euro für ihre Sanierung.

Auch in den EU-Institutionen wächst die Nervosität. Die spanischen Banken hätten den Preisverfall am Immobilienmarkt noch längst nicht verkraftet, hieß es in Brüssel. Darauf reagierten die Finanzmärkte immer empfindlicher. „Es kann jederzeit zu einem Käuferstreik für spanische Anleihen kommen“, sagte ein hoher EU-Diplomat dem Handelsblatt. Die Lage sei um so gefährlicher, weil sich internationale Investoren dann womöglich auch von den Anleihen anderer hochverschuldeter Euro-Staaten, allen voran Italiens, abwenden könnten.

Spaniens Außenminister José Manuel García-Margallo sprach von einer Krise gewaltigen Ausmaßes in seinem Land. Spanien leide unter der Immobilienblase, der niedrigen Produktivität und einer sehr schwachen Inlandsnachfrage.

Kommentare (87)

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Glaskugelexperten

30.04.2012, 16:38 Uhr

Jetzt noch Spanien und am Ende dann Italien!
Vor 3 Jahren konnte man diese Entwicklung bei youtube.de unter dem Kanal von „Dr. Berninger“ bereits anhören.
Dort wurde einem die bevorstehende Entwicklung plausibel und verständlich aufgeführt.
Soviel zum Thema Handelsblatt Wirtschaftsexperten, Chefökonomen, Analysten und deren Statements zur aktuellen Lage der Nation. Ringen wir uns zu der Einsicht durch, daß auch „Experten“ nicht alle Antworten kennen. Im günstigsten Fall sind sie Leute, die auf ihrem Fachgebiet umfangreiche Kenntnisse haben, aber keinesfalls unfehlbar sind. Die Besten von ihnen, geben das offen zu! Tipp - Kein „Experte“ kann Sie gegen ihren Willen zu einem bestimmten Verhalten oder Glaubwürdigkeit zwingen.


Aufschrei

30.04.2012, 16:54 Uhr

Und der ESM WIRD Deutschland ausplündern bis zum bitteren Ende. Kein deutsches Ratsmitglied wird sich der Mehrheit der Südeuropäer hier entgegenstellen - das ist Augenwischerei.

Der ESM rettet nichts - er ist für Deutschland das neue VERSAILLES!

Aber: Die deutsche Regierung und das Parlament haben NICHT das Mandat, den deutschen Wohlstand dergestalt zu verzocken. Eine dann neue deutsche Regierung wird diesen Vertrag für null und nichtig erklären - und wenn es über den Umweg des Austritts aus der EU erfolgt!

Wer so dumm ist zu meinen, man könnte den Deutschen alles weg nehmen, der hat aus der Geschichte nichts gelernt. Die deutschen Politiker sind in einem Ausmaß der eigenen Bevölkerung gegenüber verlogen, wie man es nur von den Nazis und den Kommunisten im Osten kannte. So ist es, wenn man ideologievergiftet bis zum bitteren Ende weitermacht - auch das ist aus der deutschen Geschichte bekannt!

Durch den Euro steht Deutschland vor der größten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Katastrophe seit 1945. Und die Blockparteien CDUSPDFDPGRÜNE merken nichts. Sie tragen aber die Verantwortung - und sie werden sich verantworten müssen!

Petra

30.04.2012, 17:02 Uhr

Volle Zustimmung!
Deutsche Politiker sollten die Interessen des Deutschen Volkes vertreten. Bei uns muß das Deutsche Volk die Interessen der Politiker vertreten!

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