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16.06.2012

08:15 Uhr

Timothy Garton Ash

„Wir brauchen eine europäische Geschichte“

VonTorsten Riecke, Frank Wiebe

Garton Ash über die deutsche Pflicht, Europa aus der Krise zuführen. Neben einer Wachstumskomponente für südliche Länder, muss Merkel die Easyjet-Generation von Europa überzeugen. So nur bliebe der Kontinent zusammen.

Timoty Ash mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Timoty Ash mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Handelsblatt: Herr Garton Ash, die Welt wartet darauf, dass Angela Merkel sie von der Schuldenkrise in Europa erlöst. Was soll die deutsche Kanzlerin tun?

Wir haben die einmalige Situation, dass die Weltgeschichte von Frau Merkel abhängt. Sie handelt aber nicht allein. Sondern sie handelt im Kontext der vier großen Bs: Bundestag, Bundesbank, Bundesverfassungsgericht und "Bild"-Zeitung.

Timothy Garton Ash: Welches ist das wichtigste B?

Möglicherweise das letzte. Ein britischer Premier, ein französischer oder auch ein amerikanischer Präsident ist weniger von solchen Umständen abhängig. Er kann mehr entscheiden als die deutsche Bundeskanzlerin. Aber der Moment ist gekommen, wo die meisterhafte Innenpolitikerin Angela Merkel über ihren Schatten, über diese vier Bs springen muss. Sonst geht das Schiff unter.

Vita

Garton Ash

Timothy Garton Ash gilt als einer der besten Kenner der europäischen Gegenwartsgeschichte. Der 56-jährige britische Historiker ist heute Direktor des European Studies Centre am St. Antony's College der University of Oxford. Garton Ash ist eng vertraut mit der deutschen Historie. Seine Doktorarbeit schrieb er über Berlin und den Nationalsozialismus. Geweckt wurde sein Interesse an Deutschland nach eigenem Bekunden durch die Werke von Thomas Mann. Außerdem hat sich der Brite auch vor Ort intensiv mit Ostdeutschland und Osteuropa beschäftigt. Garton Ash hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Zu seinen bekanntesten Werken zählen "Jahrhundertwende" (2010), "Freie Welt" (2004), und "Ein Jahrhundert wird abgewählt" (1990). Der Historiker ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Noch einmal: Was muss sie tun?

Es mag banal klingen: Sie muss das Notwendige tun, aber das kann sehr kompliziert sein. Es ist sehr einfach zu sagen, wir müssen jetzt eine Bankenunion, Fiskalunion oder eine Politische Union machen. Das Wichtigste ist, dass die Märkte und die Menschen überzeugt werden, dass diese Euro-Zone gerettet wird. Mit oder ohne Griechenland.

Kann man die Menschen und Märkte mit den bisherigen kleinen Rettungsschritten überzeugen?

Frau Merkel denkt vermutlich, dass sie mit den vier Bs nur zurechtkommen kann, wenn sie weniger sagt, als sie denkt. Um die Märkte und die Menschen in Europa zu überzeugen, müsste sie eigentlich mehr sagen. Das ist die Spannung zwischen einer Politik für Europa und nationalstaatlichem Denken.

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Soll sie den Deutschen sagen, dass sie noch mehr Opfer bringen müssen?

Die Formulierung "Opfer" finde ich problematisch. Man muss wahrscheinlich kurzfristig mehr Opfer bringen, aber langfristig geschieht das zum eigenen Nutzen. Deutschland ist ein großer Gewinner der Währungsunion. Und wenn der Euro gerettet wird, wird Deutschland auch weiterhin davon profitieren. Und wenn nicht, wird Deutschland auch sehr darunter leiden. Frau Merkel hat es verpasst, ihren Landsleuten zu sagen, dass die Rettung des Euros in ihrem ureigenen Interesse liegt.

Warum ist es so schwer, die Menschen davon zu überzeugen?

Von Heraklit ist er Satz übermittelt, der Krieg sei der Vater aller Dinge. So waren auch der Krieg in Europa und die persönlichen Erinnerungen daran die wesentlichen Triebkräfte für die europäische Einigung. Der Zeitplan für die Währungsunion hatte zu tun mit der deutschen Wiedervereinigung und den Ängsten der deutschen Nachbarn davor. Viele fordern heute mehr "Leadership" von den politischen Führern. Helmut Kohl hat die Deutschen nicht gefragt, ob sie die D-Mark gegen den Euro eintauschen wollten. Er hat es einfach getan.

Kommentare (14)

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JBR

16.06.2012, 08:57 Uhr

Ist eigentlich unerträglich, dass immer wieder die Engländer, glauben, uns Deutsche an ihre Verpflichtungen für Europa erinnern zu müssen. Wer verhält sich denn schon seit Jahren, angefangen von der eisernen "I want my money back" lady bis zu den Spekulanten der Londoner City, permanent antieuropäisch und unsolidarisch. Die Wahrheit ist, dass sich die politische Elite in Fankreich und Großbritanien unausgesprochen ein geschwächtes Deutschland herbeisehnt. Freunde sehen anders aus. Wir sollten mal besser den Blick nach Osten wenden. Dort sitzt mit Russland ein strategischer Partner, mit dem man ganz ohne den europäischen Pathos Realpolitik machen könnte, den wir aber leider immer wieder selbst vor den Kopf stossen. Im Übrigen: Mit dem was die EU im Zuge der sogenannten Euro-Rettung an Aushebelung demokratischer Institutionen veranstaltet, hat sie auch jedes Recht verloren, Russland über demokratische Rechte belehren zu wollen.

Ben-wa

16.06.2012, 09:10 Uhr

Es ist unerträglich, daß alle Politiker, allen voran die Angloamerikaner und die PIIGS, mit Vorschlägen kommen, die auf die Ersparnisse der DEUTSCHEN Sparer zielen.

Deshalb: Weg mit dem Euro, weg mit dieser EU. Wenn es so weitergeht, dann sollte Deutschland sein Heil im Osten suchen. Im Westen jedenfalls nichts Neues!

Account gelöscht!

16.06.2012, 09:25 Uhr

"Die Wahrheit ist, dass sich die politische Elite in Fankreich und Großbritanien unausgesprochen ein geschwächtes Deutschland herbeisehnt. Freunde sehen anders aus. Wir sollten mal besser den Blick nach Osten wenden. Dort sitzt mit Russland ein strategischer Partner, mit dem man ganz ohne den europäischen Pathos Realpolitik machen könnte ..."

Ach, das tun andere auch, oder glauben Sie das die Firmeneinkäufer aus Russland, China, USA usw. ein "starkes" Deutschland wollen? Diese verfolgen genauso ihre Interessen wie die Deutschen selbst. Und ich denke, das die Kategorie der "Denke" langsam tatsächlich in die Geschichte als Solche eingehen sollte.
Weil wir als Nutznießer dieses Planeten andere Aufgaben haben als an "unserem" Geld und "Deutschtum" zu ersticken. Und Nutznießer sind alle über 7 Millarden Bewohner. Deutschland, und auch Europa nicht, ist kein Suppenteller, nach deren Rand (Grenze) ein großes Nichts existiert.
Blick nach Osten ist daher genauso sinnvoll, wie Blick in alle Himmelsrichtungen. Gilt für alle Länder, und Deutschland sollte sich langsam von seinen Gedanken der "Kollektivschuld" lösen und tatsächlich Demokratie leben, die Kolonialmächte hatten nur mehr Zeit ihre Greueltaten zu vergessen. Bezogen auf Nationalstolz muß sich niemand schämen (oder alle gleichermaßen wenn man damit schon hantieren will), aber er muß auch gemeinschaftliche Gedanken zulassen können, und sich nicht der Kohle wegen verzetteln. Es ist nur Geld, das ist das Leben nicht wert, und als alleiniges Lebensziel schon mal garnicht.

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