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16.04.2016

09:02 Uhr

Tiran und Sanafir

Ägyptens undurchsichtiger Insel-Deal

Zwei Inseln im Golf von Akabar gehören seit Menschengedenken Ägypten. Doch Kairo betont nun plötzlich angebliche Ansprüche Saudi-Arabiens. Kritiker wittern einen Kotau vor dem reichen Nachbarn.

Das Rote Meer rund um die Insel Tiran vor dem Urlaubsort Sharm el Sheikh gilt als Tauchparadies. Nun geht die Insel (Hintergrund) in Ägypten an Saudi-Arabien. AFP; Files; Francois Guillot

Tiran

Das Rote Meer rund um die Insel Tiran vor dem Urlaubsort Sharm el Sheikh gilt als Tauchparadies. Nun geht die Insel (Hintergrund) in Ägypten an Saudi-Arabien.

KairoIn anderen Weltregionen streiten Nachbarn erbittert um Territorium und Seegebiete – Ägypten aber will Saudi-Arabien freiwillig zwei Inseln im Roten Meer überlassen. Die Eilande Tiran und Sanafir am Golf von Akaba stünden Riad rechtmäßig zu, erklärt die Regierung in Kairo wortreich. Viele Bürger sind perplex.

„Die Regierung überrascht mit einer Entscheidung 90 Millionen Ägypter, die seit Kindertagen an das Gegenteil gewöhnt waren“, sagte der Autor Ibrahim Eissa in seiner Fernsehsendung. „Deshalb ist das besorgniserregend und erschreckend.“

Die Ablehnung ist erbittert, der Spott für die Regierung im Internet beißend. Denn Ägypten fühlt sich ohnehin krisengeschüttelt und angezählt, und viele Bürger sehen die Nation in ihrem Stolz verletzt, wenn nun einfach auch noch Land abgetreten wird. Kritiker werfen Präsident Abdel-Fattah al-Sisi nicht nur selbstherrliches und undurchsichtiges Gebaren vor, sie vermuten überdies einen Kotau ihres wirtschaftlich gebeutelten Landes vor dem mächtigen und reichen Saudi-Arabien.

Die Regionalmacht Saudi-Arabien

Öl

Dank seiner riesigen Ölvorkommen ist Saudi-Arabien das reichste Land der arabischen Welt. Das islamisch-konservative Königreich besitzt etwa 16 Prozent aller weltweit nachgewiesenen Erdölvorkommen und ist größter Exporteur des Rohstoffs. Das Geld aus den Einnahmen nutzt Riad, um sich mit Hilfe von Scheckbuchdiplomatie Einfluss zu erkaufen. So stützt Saudi-Arabien etwa mit Milliarden das Regime des ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi.

Volkswirtschaft

Unter den arabischen Ländern ist die Golfmonarchie nicht nur die größte Volkswirtschaft, sondern mit Abstand die einflussreichste Regionalmacht. So dominiert Riad die Arabische Liga und den Golfkooperationsrat (GCC). Mitte Dezember verkündete Vize-Kronprinz Mohammed Bin Salman außerdem die Gründung eines „islamischen Militärbündnisses“, zu dem 34 überwiegend muslimische Staaten zählen.

Strategischer Partner

Wegen der Ölvorkommen und des saudischen Einflusses auf die Region betrachtet der Westen das Land als wichtigen strategischen Partner. Die Lage in der von dem Herrscherhaus der Sauds regierten Monarchie ist zudem vergleichsweise stabil. Die arabischen Aufstände überstand Saudi-Arabien ohne größere Verwerfungen.

Politische Ausrichtung

Im Konflikt mit dem schiitischen Erzrivalen Iran ist die Außenpolitik des sunnitischen Königreichs seit dem Amtsantritt von König Salman vor einem Jahr jedoch deutlich aggressiver geworden. Eine von Saudi-Arabien geführte Allianz fliegt Luftangriffe gegen schiitische Huthi-Rebellen im Bürgerkriegsland Jemen. Zudem unterstützt Riad syrische Rebellen, um Machthaber Baschar al-Assad zu stürzen.

Erst am Sonntag jubelten Al-Sisis Anhänger im Parlament, das letztlich auch über das Inselabkommen zu befinden hat, dem saudischen König Salman zu. Schon zum Empfang des Monarchen standen sie auf und klatschten, die nur sechsminütige Ansprache Salmans wurde mehrfach durch Applaus unterbrochen. Abgeordnete trugen Gedichte mit Lobpreisungen des Königs vor.

In den sozialen Netzwerken empören sich hingegen viele unter dem Hashtag „Awad verkaufte sein Land“ über den Insel-Deal. Es ist ein Hinweis auf ein Radiospiel der 1960er Jahre über einen Mann, der seinen Acker verkaufte – was im ländlichen Ägypten als ehrenrührig galt. „Hier, hier Pascha, eine Insel für eine Milliarde, eine Pyramide für zwei, und dann leg ich noch zwei Statuen drauf“, twitterte der im Exil lebende ägyptische Kabarettist Bassem Jussef.

Tiran, nur etwa sechs Kilometer vom ägyptischen Badeort Scharm-el-Scheich und der Sinai-Halbinsel gelegen, ist die größere der beiden Inseln und inzwischen ein beliebtes Touristenziel. Für viele Ägypter ist sie aber historisch eng verbunden mit den vier Kriegen des Landes gegen Israel in den Jahren 1948 bis 1973. Israel besetzte die Inseln 1967, gab sie aber im Friedensvertrag von 1979 an Ägypten zurück.

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