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26.11.2016

17:33 Uhr

Tod Fidel Castros

Eine historische Zäsur

VonKlaus Ehringfeld

Politisch war Fidel Castro schon seit Jahren tot. Doch allein die physische Präsenz des einstigen Revolutionsführers bremste den Öffnungskurs von Bruder Raúl. Nun könnte die Stunde der Reformer schlagen.

Der Tod des „Maximo Líder“ (l.) macht den Weg frei für tiefergreifende Reformen seines Bruders Raúl (r.). AP

Fidel und Raúl Castro

Der Tod des „Maximo Líder“ (l.) macht den Weg frei für tiefergreifende Reformen seines Bruders Raúl (r.).

Mexiko-StadtDie Nachricht war kurz, und Raúl Castro sprach sie mit sichtlich schwerer Stimme. Kubas Präsident wandte sich am späten Freitagabend in einer im ganzen Land übertragenen Rede an die Bevölkerung und verkündete das für Millionen Kubaner unvorstellbare: „Heute, am 25. November um 22.29 Uhr verstarb der Oberkommandierende der kubanischen Revolution, Fidel Castro Ruz.“

Er wurde 90 Jahre alt und sollte noch am Samstag eingeäschert werden, betonte Rául Castro, der fünf Jahre jüngere Bruder Fidels. Er schloss die kurze Nachricht mit dem altbekannten Schlachtruf der Revolution: „Hasta la victoria, siempre.“ Immer bis zum Sieg.

Die Nachricht vom Tod des „Maximo Líder“ werden viele Kubaner mit Unglauben aufnehmen. 80 Prozent der elf Millionen Menschen auf der Insel kennen keinen anderen Präsidenten als Fidel Castro. „Es ist eine Tragödie“, sagte ein 22-jähriger in der Hauptstadt Havanna. „Wir sind doch alle mit ihm aufgewachsen. Die Nachricht nimmt mich sehr mit.“

Kuba unter den Castros

1. Januar 1959

Kubas diktatorischer Präsident Fulgencio Batista flieht. Sieben Tage später feiern Fidel Castros Truppen den Einzug in die Hauptstadt Havanna.

16. Februar 1959

Castro erklärt sich zum Ministerpräsidenten Kubas.

17. Mai 1959

Castro unterzeichnet die Agrarreform, die den privaten Landbesitz der Bauern begrenzt und damit Großgrundbesitzer enteignet.

Februar 1960

Kuba unterzeichnet ein erstes Handelsabkommen mit der Sowjetunion.

Juni 1960

Die ersten US-Unternehmen auf Kuba werden verstaatlicht.

15. April 1961

Castro verkündet den „sozialistischen Charakter“ der Kubanischen Revolution. Zwei Tage später beginnt die Invasion der von den USA unterstützten Exilkubaner in der Schweinebucht, die innerhalb von 72 Stunden von den kubanischen Truppen niedergeschlagen wird.

7. Februar 1962

Die USA verhängen ein totales Embargo über den Handel mit Kuba.

Oktober 1962

Die „Kubakrise“ als Konfrontation der Supermächte USA und Sowjetunion bringt die Welt an den Rand eines Atomkriegs.

3. Oktober 1965

Gründung der Kommunistische Partei Kubas. Fidel Castro wird erster Generalsekretär, sein Bruder Raúl Vize.

13. März 1968

Kubas Führung beschließt die Verstaatlichung aller Einrichtungen, die sich noch in kubanischem Privatbesitz befinden.

1972

Kuba schließt sich dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, der internationalen Organisation sozialistischer Staaten an.

1976

Mit einer Verfassungsreform wird Fidel Castro gleichzeitig zum Regierungschef und Staatsoberhaupt Kubas.

1990

Angesichts des zerfallenden Ostblocks setzt Kuba ein wirtschaftliches Notfallprogramm auf.

August 1993

Reformen sollen die Wirtschaftskrise abschwächen. Unter anderem wird die Arbeit auf eigene Rechnung und der Besitz von Dollars als Zahlungsmittel erlaubt.

Juni 2004

Die USA verschärfen ihr Embargo.

31. Juli 2006

Fidel Castro gibt die Führung aus gesundheitlichen Gründen an seinen Bruder und Vize Raúl ab - zunächst nur vorläufig.

18. Februar 2008

Fidel Castro tritt endgültig ab, Raúl wird kurz darauf Staatsoberhaupt und Regierungschef.

Mai 2010

Raúl Castro startet einen Dialog mit der katholischen Kirche, in dessen Folge 124 politische Gefangene freikommen.

11. Juli 2010

Erstmals seit vier Jahren tritt Fidel Castro in Havanna wieder öffentlich auf.

April 2011

Raúl Castro kündigt Wirtschaftsreformen an. Kubaner dürfen künftig kleine Geschäfte betreiben und Arbeitskräfte beschäftigen.

Oktober 2012

Die Regierung kündigt mehr Reisefreiheit an.

24. Februar 2013

Raúl Castro gibt zu Beginn seiner zweiten Amtszeit bekannt, dass er die Präsidentschaft 2018 abgeben wird.

17. Dezember 2014

Kuba und die USA verkünden die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen nach über 50 Jahren Unterbrechung. Die Vereinbarung zwischen Raúl Castro und US-Präsident Barack Obama wird weltweit als Meilenstein gefeiert.

22. März 2016

Als erster amtierender US-Präsident seit fast 90 Jahren besucht US-Präsident Barack Obama Kuba.

20. April 2016

Fidel Castro zeigt sich noch einmal auf dem Kongress der Kommunistischen Partei und sinniert über seinen eigenen Tod: „Wir alle kommen an die Reihe.“

13. August 2016

Fidel Castro wird 90 Jahre alt.

25. November 2016

Fidel Castro stirbt im Alter von 90 Jahren in Havanna.

Von 1959 bis zum 31. Juli 2006, fast 48 Jahre, regierte der charismatische Castro die karibische Insel als zunehmend autoritärer Herrscher. Aber auch nachdem eine Darmerkrankung ihn zum Abdanken zwang, war er immer noch da. Er wurde zum Revolutionsführer zum Revolutionswächter, der im Hintergrund und mit Besinnungsaufsätzen in der kubanischen Staatspresse darüber wachte, dass sein kleiner Bruder das kommunistische Erbe nicht zu schnell gegen den Kapitalismus eintauschte.

Mitte April tauchte Fidel noch einmal überraschend auf dem Parteikongress der kubanischen Kommunistischen Partei auf. Körperlich schwach, aber im Kopf noch wach, kokettierte er mit seinem nahen Tod, versicherte aber, dass sein Land auch nach ihm an den gleichen Idealen von damals festhalten werde: „Unseren Brüdern in Lateinamerika und der Welt sei gesagt: Das kubanische Volk wird siegen“.

Zum Tod von Fidel Castro: Der Unverletzliche

Zum Tod von Fidel Castro

Premium Der Unverletzliche

Castro und Tod – zwei Begriffe, die eigentlich nicht zusammenpassen. Er war Volksheld und gleichzeitig Feindbild, hat Generationen geprägt. Je härter die Umstände waren, desto stärker war Fidel Castro. Ein Nachruf.

Aber das muss bezweifelt werden: Denn mit Castros Tod wird der Revolutionsführer endgültig zur Ikone und zur mythologischen Figur. Sein Ableben bedeutet auch eine historische Zäsur. Den jungen Menschen zwischen Havanna und Santiago de Cuba hatte der graue und greise Revolutionär, der er bis zuletzt blieb, nicht mehr viel zu sagen. Es kann sein, dass Bruder Raúl nun seinen vor allem wirtschaftlichen Öffnungskurs beschleunigen wird. Fidel war zwar politisch nicht mehr aktiv, aber seine physische Präsenz bremste eine zu schnelle und zu weitgehende Öffnung. Die Orthodoxen, denen der Reformkurs des kleinen Bruders suspekt war, versteckten sich hinter Fidel.

„Fidels biologischer Tod kommt viele Jahre nach seinem politischen Tod“, sagt der kubanisch-mexikanische Historiker Rafael Rojas. Raúl Castros Regierung habe sich vor allem in der Wirtschafts-, der Kultur und der internationalen Politik von der seines Bruders unterschieden. Aber auch er habe an dem totalitären und repressiven Charakter in der Politik festgehalten. Tatsächlich schwebt der aktuellen Führung in Havanna ein eher chinesisches Modell vor: wirtschaftliche Liberalisierung bei Beibehaltung des Einparteien-Staates.

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