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21.01.2016

12:50 Uhr

Tod in London

Ein Mord, der für Putin zum Problem wird

VonCarsten Herz

Neun Jahre nach dem mysteriösen Tod des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko beschuldigt ein britischer Untersuchungsbericht direkt Russlands Präsidenten. Zwischen den Ländern droht eine neue Eiszeit.

Britischer Untersuchungsbericht

Hat Putin den Agentenmord gebilligt?

Britischer Untersuchungsbericht: Hat Putin den Agentenmord gebilligt?

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London328 Seiten umfasst der Bericht, den Richter Robert Owen zusammengestellt hat. Es ist die akribische Arbeit einer langen Recherche. Wer tötete 2006 den Kremlgegner Alexander Litwinenko – und in wessen Auftrag? Ein Jahr lang hatte sich Owen mit diesen Fragen beschäftigt. Doch der umfangreiche Report, den der Brite am Donnerstag vorlegte, ist nicht nur ein schweres Konvolut. Der Report hat auch das Gewicht, das britisch-russische Verhältnis zu einem neuen Tiefpunkt zu führen.

Denn das Ergebnis, zu dem Owen kommt, birgt politischen Sprengstoff: Der Kreml-Kritiker wurde demnach wahrscheinlich mit Zustimmung des russischen Präsidenten Wladimir Putin ermordet. Den Giftmord habe wahrscheinlich der russische Geheimdienst FSB in Auftrag gegeben, schreibt Owen, der die gerichtliche Untersuchung des Falls in London leitete, in seinem Abschlussbericht. Die Tat sei „wahrscheinlich gutgeheißen worden“ vom damaligen FSB-Chef Nikolai Patruschew „und auch von Präsident Putin“.

Neun Jahre nach dem mysteriösen Tod des Kreml-Kritikers könnte der Fall so eine neue Eiszeit zwischen Russland und Großbritannien auslösen. Denn die Briten richten damit den Finger auf die obersten Kreise der russischen Führung: Sie sollen den Mord am einstigen KGB-Agenten und späteren Kreml-Kritiker in Auftrag gegeben haben, der an einer Vergiftung mit radioaktivem Polonium-210 starb.

Dem damals 43-Jährigen soll das Gift in eine Tasse grünem Tee gemischt worden sein. Die Untersuchung sollte nun klären, wer für den Mord verantwortlich ist. Owen kann in seinem Bericht zwar nur Empfehlungen geben, strafrechtliche Konsequenzen hat dies keine – die Untersuchung war kein Prozess. Das bedeutet aber nicht, dass die umgerechnet rund drei Millionen Euro teure Ermittlung nun diplomatisch folgenlos bleibt.

Putin spricht...

über Krieg und Frieden

„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“
am 4.3. in einer Pressekonferenz

„Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“
am 01.09. in einem Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, das dieser öffentlich machte. Die russische Seite erklärte im Anschluss, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

über Rüstung

„Die Militarisierung des Weltraums und die US-Stützpunkte in Europa und Alaska, direkt an unserer Grenze, nötigen uns zu einer Reaktion.“
am 10.09. in einer Pressekonferenz

über die Zukunft der Ostukraine

„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“
am 4. 3. in einer Pressekonferenz

„Diese Gebiete (im Süden und Osten der Ukraine) waren als Neurussland historisch ein Teil des Russischen Reiches. Erst in den 1920er Jahren wurden die Territorien von den Bolschewiken der Ukraine gegeben. Gott weiß warum.“
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

„Es müssen umgehend substanzielle inhaltliche Verhandlungen anfangen - nicht zu technischen Fragen, sondern zu Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Staatlichkeit im Südosten der Ukraine.“
am 31. 8. vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe

über die Führung der Ukraine

„In der Ukraine gibt es bislang keine legitime Macht, mehrere Staatsorgane werden von radikalen Elementen kontrolliert.“
am 18. 3. in der Rede an die Nation

„Sind sie da jetzt völlig verrückt geworden? Panzer, Schützenpanzerwagen und Kanonen! (...) Sind sie total bekloppt? Mehrfachraketenwerfer, Kampfjets im Tiefflug! (...) Sind sie dort jetzt völlig bescheuert geworden, oder was?
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

über den Westen

„In der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie, verhielten sich grob, verantwortungslos und unprofessionell.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Die Vereinigten Staaten dürfen in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen agieren, aber Russland soll es verwehrt sein, seine Interessen zu verteidigen.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

über Russen im Ausland

„Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen zu einem der größten geteilten Völker der Welt. Millionen von Menschen gingen in einem Land ins Bett und erwachten in einem ganz anderen und wurden zur nationalen Minderheit.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Ich glaube daran, dass die Europäer, vor allem aber die Deutschen, mich verstehen werden (...). Unser Land hatte das starke Bestreben der Deutschen nach Wiedervereinigung unterstützt. Ich bin sicher, dass sie das nicht vergessen haben und rechne damit, dass Bürger Deutschlands das Bestreben der russischen Welt, ihre Einheit wiederherzustellen, (...) ebenfalls unterstützen werden.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

So ist sich die Moskauer Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“ bereits sicher, dass der Fall die Beziehungen zwischen Russland und England erneut vergiften wird. Denn die Affäre hatte die Beziehungen zwischen London und Moskau bereits einmal schon auf einen Tiefpunkt sinken lassen. Großbritannien wies nach dem Mord russische Diplomaten aus London aus – als Reaktion darauf, dass Moskau den von Scotland Yard verdächtigten russischen Duma-Abgeordneten und Ex-Agenten Andrej Lugowoi nicht ausliefern wollte.

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