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03.12.2016

15:46 Uhr

Tod von Castro

Fidels letzte Reise

Fast 1.000 Kilometer wird die Urne des Revolutionsführers Castro von Havanna nach Santiago de Cuba gebracht. Zehntausende jubeln der Kolonne auf ihrem Weg durch 13 Provinzen zu. Auf Kuba endet eine Ära.

Fidel Castro

Gedenkveranstaltung: Staats- und Regierungschefs nehmen Abschied

Fidel Castro: Gedenkveranstaltung: Staats- und Regierungschefs nehmen Abschied

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Santa ClaraGriselda laufen die Tränen über das Gesicht. Mit ihren Klassenkameradinnen steht die Schülerin vor dem Rathaus von Santa Clara und wartet auf Fidel Castros Urne. „Er hat so viel für unser Land getan“, schluchzt die 14-Jährige. „Es ist so traurig, dass er nicht mehr bei uns ist.“ Eine Freundin schließt das aufgelöste Mädchen in den Arm.

Ein Hubschrauber kreist über den Häusern, dann biegt die Wagenkolonne auf den Platz ein. Die Soldaten in der ersten Reihe stehen stramm und salutieren. Die Schüler rufen: „Ich bin Fidel, ich bin Fidel.“ Alte Männer in olivgrünen Uniformen, die Brust reich behängt mit Orden, grüßen die Urne des Comandate en Jefe.

Kuba unter den Castros

1. Januar 1959

Kubas diktatorischer Präsident Fulgencio Batista flieht. Sieben Tage später feiern Fidel Castros Truppen den Einzug in die Hauptstadt Havanna.

16. Februar 1959

Castro erklärt sich zum Ministerpräsidenten Kubas.

17. Mai 1959

Castro unterzeichnet die Agrarreform, die den privaten Landbesitz der Bauern begrenzt und damit Großgrundbesitzer enteignet.

Februar 1960

Kuba unterzeichnet ein erstes Handelsabkommen mit der Sowjetunion.

Juni 1960

Die ersten US-Unternehmen auf Kuba werden verstaatlicht.

15. April 1961

Castro verkündet den „sozialistischen Charakter“ der Kubanischen Revolution. Zwei Tage später beginnt die Invasion der von den USA unterstützten Exilkubaner in der Schweinebucht, die innerhalb von 72 Stunden von den kubanischen Truppen niedergeschlagen wird.

7. Februar 1962

Die USA verhängen ein totales Embargo über den Handel mit Kuba.

Oktober 1962

Die „Kubakrise“ als Konfrontation der Supermächte USA und Sowjetunion bringt die Welt an den Rand eines Atomkriegs.

3. Oktober 1965

Gründung der Kommunistische Partei Kubas. Fidel Castro wird erster Generalsekretär, sein Bruder Raúl Vize.

13. März 1968

Kubas Führung beschließt die Verstaatlichung aller Einrichtungen, die sich noch in kubanischem Privatbesitz befinden.

1972

Kuba schließt sich dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, der internationalen Organisation sozialistischer Staaten an.

1976

Mit einer Verfassungsreform wird Fidel Castro gleichzeitig zum Regierungschef und Staatsoberhaupt Kubas.

1990

Angesichts des zerfallenden Ostblocks setzt Kuba ein wirtschaftliches Notfallprogramm auf.

August 1993

Reformen sollen die Wirtschaftskrise abschwächen. Unter anderem wird die Arbeit auf eigene Rechnung und der Besitz von Dollars als Zahlungsmittel erlaubt.

Juni 2004

Die USA verschärfen ihr Embargo.

31. Juli 2006

Fidel Castro gibt die Führung aus gesundheitlichen Gründen an seinen Bruder und Vize Raúl ab - zunächst nur vorläufig.

18. Februar 2008

Fidel Castro tritt endgültig ab, Raúl wird kurz darauf Staatsoberhaupt und Regierungschef.

Mai 2010

Raúl Castro startet einen Dialog mit der katholischen Kirche, in dessen Folge 124 politische Gefangene freikommen.

11. Juli 2010

Erstmals seit vier Jahren tritt Fidel Castro in Havanna wieder öffentlich auf.

April 2011

Raúl Castro kündigt Wirtschaftsreformen an. Kubaner dürfen künftig kleine Geschäfte betreiben und Arbeitskräfte beschäftigen.

Oktober 2012

Die Regierung kündigt mehr Reisefreiheit an.

24. Februar 2013

Raúl Castro gibt zu Beginn seiner zweiten Amtszeit bekannt, dass er die Präsidentschaft 2018 abgeben wird.

17. Dezember 2014

Kuba und die USA verkünden die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen nach über 50 Jahren Unterbrechung. Die Vereinbarung zwischen Raúl Castro und US-Präsident Barack Obama wird weltweit als Meilenstein gefeiert.

22. März 2016

Als erster amtierender US-Präsident seit fast 90 Jahren besucht US-Präsident Barack Obama Kuba.

20. April 2016

Fidel Castro zeigt sich noch einmal auf dem Kongress der Kommunistischen Partei und sinniert über seinen eigenen Tod: „Wir alle kommen an die Reihe.“

13. August 2016

Fidel Castro wird 90 Jahre alt.

25. November 2016

Fidel Castro stirbt im Alter von 90 Jahren in Havanna.

Die Wagenkolonne fährt durch Städte und kleine Ortschaften, vorbei an Zuckerrohrfeldern und großen Weideflächen. Am Straßenrand oder auf den Hügeln haben die Menschen mit weißen Steinen die Parolen der Revolution gelegt: „Immer bis zum Sieg“ und „Vaterland oder Tod“.

Zu Beginn von Fidels letzter Reise in Havanna warten die Menschen bereits vor dem Sonnenaufgang auf die Urne. Frauen zeigen Transparente mit Fotos aus der bewegten Geschichte des Revolutionsführers. Als die Wagenkolonne auf die Uferpromenade Malecón einbiegt, brandet Applaus auf.

„Ich kann mir ein Leben ohne Fidel nicht vorstellen“, sagt Caridad Martínez. Die 83-Jährige gehörte zu Castros Bewegung des 26. Juli und unterstütze die Revolution. „Ich bin stolz, ihn kennengelernt zu haben.“

Ein olivgrüner Militärjeep zieht den Anhänger mit der Urne. Sie ist bedeckt von einer kubanischen Flagge, umrahmt von weißen Blumen. „Fidel Castro Ruz“ steht in Metall-Lettern auf der Urne. Zwei Motorräder führen die Kolonne an, eskortiert wird die Urne von einem Militärlastwagen und mehreren Geländewagen mit Soldaten.

In La Esperanza in der Provinz Villa Clara haben die Dorfbewohner die Jacht „Granma“ aus Pappmaché nachgebaut. Mit dem Boot setzten die Guerilleros um Castro einst von Mexiko nach Kuba über, um den Diktator Fulgencio Batista zu stürzen. Noch heute ist die Zeitung der Kommunistischen Partei nach dem Schiff benannt.

Kinder in rot-weißer Schuluniform stehen am Straßenrand und schwenken Fähnchen. Stundenlang warten die Menschen auf die Ankunft der Kolonne - das Leben in dem Dorf steht still. „In einer halben Stunden kommen sie“, raunen sich die Menschen zu. „Ich habe gehört, jetzt sind sie in Santo Domingo“, erzählt jemand.

Kurz bevor die die Urne in das Dorf einfährt, werden die Dorfbewohner erst einmal auf Betriebstemperatur gebracht. Ein Lautsprecherwagen fährt durch die Hauptstraße, eine Funktionärin peitscht den Menschen ein. „Hier steht dein Volk - Chefkommandeur befehle!“, schreit die Frau. „Ich bin Fidel, ich bin Fidel“, rufen Kinder, Jugendliche und Rentner.

Regierungskritikern ist dieser Personenkult zuwider. „In diesen Tagen erinnern wir uns an jene, die es nicht bis hierhin geschafft haben“, schreibt die prominente Dissidentin Yoani Sánchez in ihrem Blog „14ymedio“. „An jene, die während der Castro-Zeit starben, die im Meer ertrunken sind, die Opfer der Zensur des Máximo Líder wurden.“ Prompt wird am Donnerstag ihr Ehemann, der Journalist Reinaldo Escobar, festgenommen.

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