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10.04.2015

23:14 Uhr

Tödliche Schüsse

Amerika zweifelt an seinen Polizisten

VonAxel Postinett

Der Fall des Afroamerikaners Walter Scott, der durch die Schüsse eines weißen US-Polizisten getötet wurde, paralysiert die US-Gesellschaft. Videoaufnahmen belasten den Cop schwer. Das Vertrauen in die Polizei schwindet.

Nach tödlichen Schüssen

Fall Scott: Behörden und Familie veröffentlichen weitere Videos

Nach tödlichen Schüssen: Fall Scott: Behörden und Familie veröffentlichen weitere Videos

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San FranciscoEs braucht nur wenige Minuten, um das Leben zweier Familien zu zerstören. Eine Videoaufnahme, nun von der Polizei veröffentlicht, zeigt diese letzten Minuten vor den tödlichen Schüssen in North Charleston in South Carolina. Die Kamera war am Armaturenbrett eines Polizeiwagens befestigt. Sie liefert Bilder einer Routinekontrolle, aufgezeichnet am vergangenen Samstag.

Ein Rücklicht des gestoppten Mercedes ist kaputt. Der Polizist spricht den Fahrer am Wagenfenster professionell und ruhig an. Der Führerschein wird ausgehändigt, der Polizist geht damit zu seinem Fahrzeug. Plötzlich versucht der Fahrer auszusteigen, wird vom Officer lautstark zurück ins Auto geschickt. Dann der zweite Versuch zu entkommen. Der Mann, der 50 Jahre alte Walter Scott, rennt weg, verfolgt vom 33-jährigen Michael T. Slager.  Er ruft „Taser, Taser, Taser“. Eine Warnung vor dem Einsatz des Elektroschockers, ganz nach den Dienstvorschriften. Was dann passiert, das ist auf dem Polizeivideo nicht mehr zu sehen.

Polizeigewalt in den USA: Cop nach tödlichen Schüssen auf Schwarzen entlassen

Polizeigewalt in den USA

Cop nach tödlichen Schüssen auf Schwarzen entlassen

Wieder rüttelt ein Fall tödlicher Polizeigewalt gegen einen schwarzen Amerikaner die USA auf. Diesmal ist der Fall klarer – wegen eines Handyvideos. Der Todesschütze ist inzwischen aus dem Polizeidienst entlassen worden.

Dafür aber auf einem Amateurvideo. Das Knallen von acht Schüssen ist zu hören. Die Bilder dazu sind verstörend: Stehend, ruhig zielend entlädt der Polizist das Magazin seiner Dienstwaffe. Im Rücken getroffen bricht der Flüchtende zusammen. Dann geht der Polizist in aller Seelenruhe zu dem am Boden liegenden Opfer hinüber und legt dem Sterbenden Handschellen an.

Später platziert er noch ein Objekt neben dem Mann. Es könnte die Elektroschockpistole sein, von der er später behaupten wird, das Opfer habe sie ihm im Kampf entrissen. Er habe um sein Leben gefürchtet und in Notwehr gehandelt, als er tödliche Gewalt angewandt hatte. Zwei Tage lang verbreitete er seine Version, bevor das Video ihn Lügen strafte.

Gewalt gegen Schwarze in den USA

Juli 2016

Am 5. Juli wird ein 37-jähriger Afroamerikaner in Baton Rouge (Louisiana) von einem Polizisten erschossen, nachdem er zuvor zu Boden gedrückt wurde. Mehrere Zeugen halten den Vorfall auf Video fest, es kommt zu Protesten.

Juli 2016

Ein 32-Jähriger wird während einer Fahrzeugkontrolle in Minnesota von einem Polizisten in den Bauch geschossen. Die Freundin des Afroamerikaners hält den Vorfall in einem Facebook-Live-Video fest, das für einen internationalen Aufschrei sorgt.

März 2015

Tödliche Schüsse auf einen unbewaffneten jungen Schwarzen lösen in Madison (Wisconsin) Proteste aus. Angeblich schoss der Polizist in Notwehr.

April 2015

In North Charleston (South Carolina) erschießt ein Polizist einen flüchtenden, unbewaffneten Schwarzen von hinten. Der auf einem Video festgehaltene Fall sorgt international für Aufsehen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

Juli 2015

Ein Polizist erschießt in Cincinnati (Ohio) bei einer Verkehrskontrolle einen unbewaffneten Schwarzen. Sein Wagen hatte vorne kein Nummernschild.

Dezember 2015

In Chicago erschießen Polizisten eine fünffache Mutter und einen Studenten. Beide sind schwarz. Der 19-Jährige hatte seinen Vater mit einem Baseballschläger gedroht, die Nachbarin wird nach Polizeiangaben aus Versehen getroffen.

Mai 2016

Am Steuer eines gestohlenen Autos wird eine junge Afroamerikanerin in San Francisco von einer Polizeikugel tödlich getroffen. Auf Druck des Bürgermeisters nimmt der Polizeichef seinen Hut.

November 2014

Ein weißer Polizist muss wegen tödlicher Schüsse auf einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen in Ferguson (Missouri) vorerst nicht vor Gericht. Eine Geschworenenjury sieht keine Beweise für eine Straftat. Der Vorfall löste schwere Unruhen aus.

Juli 2010

Nach einem milden Urteil gegen einen weißen Ex-Polizisten kommt es in Kalifornien zu Ausschreitungen und Plünderungen. Der Mann hatte einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, er wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

November 2006

Ein unbewaffneter Schwarzer stirbt im Kugelhagel der New Yorker Polizei. Er hatte nach dem Verlassen einer Bar im Auto mit Freunden ein Zivilfahrzeug der Polizei gerammt. Im April 2008 werden drei Polizisten freigesprochen.

April 2001

Schüsse eines Polizisten auf einen unbewaffneten Schwarzen lösen schwere Rassenunruhen in Cincinnati (Ohio) aus. Die Behörden rufen den Notstand aus. Der getötete 19-Jährige war bei einer Kontrolle geflüchtet, der Polizist wurde freigesprochen.

Februar 2000

Vier Polizisten, die einen afrikanischen Einwanderer erschossen hatten, werden freigesprochen. Das Urteil der Jury aus schwarzen und weißen Schöffen ist heftig umstritten, in New York kommt es zu Ausschreitungen.

März 1991

Vier Autobahn-Polizisten schlagen den Afroamerikaner Rodney King nach einer Verfolgungsjagd zusammen. Ein Amateur-Video geht um die Welt. Der Freispruch der Männer führt in Los Angeles zu Unruhen mit Dutzenden Toten. In einem Revisionsverfahren werden zwei der Polizisten 1993 zu jeweils 30 Monaten Haft verurteilt. Außerdem erhält das Opfer eine millionenschwere Entschädigung.

Seitdem ist die amerikanische Gesellschaft paralysiert. Darf ein Polizist in den USA einen Flüchtenden in den Rücken schießen und sogar töten? Ja, er darf. Aber nur in ganz besonderen Fällen. Zum Beispiel, wenn ein Bewaffneter flüchtet und in Richtung anderer Menschen rennt und zu fürchten ist, dass er Unschuldige oder Umstehende angreift und tötet. Nichts von dem traf an diesem tragischen Tag in North Charleston zu.

„Es hat mich krank gemacht, was ich da gesehen habe“, räumt der fassungslose Polizeichef der Stadt ein, nachdem das Amateurvideo am Mittwoch aufgetaucht war. Präsident Barack Obamas erste Beraterin Valerie Jarrett nannte die Aufnahme „bestürzend“, Senator Lindsay Graham, ein Hoffnungsträger der Republikaner für die Präsidentschaftswahlen 2016, sagt, das Video sei „schwer zu ertragen“ und „auf viele Art und Weise besorgniserregend“.

Eine Frage, die sich viele Amerikaner jetzt stellen: Was ist die Aussage eines Polizisten eigentlich noch wert? Szenen aus New York City von diesem Januar bekommen auf einmal eine ganz neue Bedeutung. Bürgermeister Bill de Blasio hatte nach den Schüssen auf einen unbewaffneten Schwarzen in Ferguson im US-Bundesstaat Missouri erklärt, er müsse seinem Sohn jetzt die „Gefahren“ erklären, die von Polizisten ausgehen. Auf einer Trauerfeier zu Ehren im Dienst getöteter Beamter hatten daraufhin hunderte Polizisten ihrem Dienstherren den Rücken zugekehrt, weil er sie zu Unrecht als die „bad boys“ dargestellt habe.

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