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16.06.2011

14:21 Uhr

Top-Ökonomen warnen

Griechenland-Krise könnte EU ins Chaos stürzen

VonDietmar Neuerer

ExklusivDie politischen Endlos-Debatten über ein neues Rettungspaket für Griechenland nehmen kein Ende. Ökonomen warnen vor den Folgen, wenn zu spät und dann auch noch falsche Entscheidungen getroffen werden sollten.

Proteste im Zentrum von Athen. Quelle: dapd

Proteste im Zentrum von Athen.

DüsseldorfFührende Ökonomen in Deutschland haben sich angesichts der komplexen politischen Gemengelage in der Griechenland-Frage skeptisch über die Zukunftsaussichten eines neuen Rettungspakets für den taumelnden Mittelmeerstaat geäußert. Gleichwohl halten einige von ihnen trotz der Warnung der Europäischen Zentralbank (EZB) einen Schuldenschnitt für Griechenland für unausweichlich. „Man kommt wohl nicht um einen Schuldenschnitt herum, der aber, was die Sache so schwierig macht, nicht von der EU und ihren Staaten im Alleingang beschlossen werden kann, da die Hauptgläubiger nicht die Staaten, sondern private Anleger sind“, sagte der Leiter der Konjunkturabteilung des Rheinisch- Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Roland Döhrn, Handelsblatt Online. „Eine solche geordnete Insolvenz setzt aber eine handlungsfähige Regierung in Athen voraus.“

Ähnlich äußerte sich der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner. „Griechenland ist pleite und wird um einen soliden Schuldenschnitt nicht umhin kommen“, sagte Fichtner Handelsblatt Online. „Schon aufgrund der Zinsbelastung wird das Land seinen Schuldenstand über die nächsten Jahre nicht nennenswert aus eigener Kraft reduzieren können, ganz zu schweigen von den fatalen gesamtwirtschaftlichen Wirkungen, die der Sparkurs der Regierung hat.“ Jetzt gehe es darum, schnell zu handeln: Private Gläubiger zögen sich mehr und mehr aus griechischen Staatsanleihen zurück. „Eine Pleite der griechischen Regierung wird daher mit jedem Tag teuerer für die europäischen Steuerzahler“, warnte Fichtner. Vor allem aber sei die griechische Bevölkerung angesichts der Aussichtslosigkeit der Situation nicht bereit, den Sparkurs der Regierung mitzutragen. „Ein schneller Schuldenschnitt dürfte die Aussichten für eine erfolgreiche Konsolidierung der Staatsfinanzen und die dringend notwendigen Strukturreformen in der griechischen Volkswirtschaft daher erheblich verbessern.“

Die EU-Kommission will mit einem Zwei-Stufenplan den drohenden Staatsbankrott Griechenlands vorerst abwenden. Währungs-Kommissar Olli Rehn sagte in Brüssel, er sei zuversichtlich, dass die Euro-Finanzminister sich am kommenden Sonntag bei ihrem Treffen auf die Auszahlung der nächsten Kredittranche in Höhe von zwölf Milliarden Euro verständigen. Erst im Juli sollten die Ressort-Chefs dann über weitere Finanzhilfen für Griechenland entscheiden.

Drei Szenarien für eine Griechenland-Lösung

Neue Kredite mit freiwilliger Gläubigerbeteiligung

Wahrscheinlich: Aller Voraussicht nach wird Athen weitere Milliardenkredite erhalten verbunden mit neuen Sparauflagen. Warum? Bedingt durch ihre Konstruktion muss die EU eine einstimmige Lösung für das Griechenland-Problem finden. Und der Kompromiss heißt: neue Kredite mit neuen Auflagen und einer Beteiligung privater Investoren auf freiwilliger Basis. Das allerdings bedeutet: Der Steuerzahler wird letztlich die Hauptlast der Rettung tragen. Denn die Ökonomen sind sich einig: Eine freiwillige Umschuldung in Form einer Laufzeitverlängerung bringt Griechenland kaum Entlastung. Erstens, weil Investoren nicht freiwillig Verluste in Kauf nehmen. Zweitens verringert sich selbst bei einer Akzeptanz eines Umschuldungsangebots am Markt nicht einmal die Schuldenlast Griechenlands. Ein „bisschen Umschuldung“ funktioniert eben nicht.

Zahlungsausfall verbunden mit einem Hair-Cut

Unwahrscheinlich: Eine Alternative zu neuen Krediten wäre der Schuldenschnitt. Das Land würde seine Zahlungsunfähigkeit erklären und alle Zahlungen für ausstehende Anleihen verweigern. Gleichzeitig würde die Regierung den Investoren anbieten, die Anleihen gegen identische Papiere mit halbem Nennwert einzutauschen, die dann wieder bedient werden würden. Das Motto dieser Lösung: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Auf einen Schlag würde der Staat die Hälfte seiner finanziellen Belastung los. Allerdings handelt es sich um einen „Default“, um offen erklärte Zahlungsunfähigkeit mit all ihren negativen Folgen für die Banken, die übrigen hochverschuldeten Euro-Staaten wie auch für die Griechen selbst. Außerdem wäre damit ein Präzedenzfall geschaffen, dass Staatsanleihen aus dem Euro-Raum nicht mehr als zweifelsfrei sichere Anlagen angesehen werden könnten. Das bedeutet, dass alle Länder mit zweifelhafter Bonität des Staates, derzeit vor allem Irland, Portugal und Spanien, Probleme hätten, sich über den Kapitalmarkt zu refinanzieren, weil die Investoren nicht nochmals Verluste einfahren wollen.

Das Chaos - die planlose Pleite

Sehr unwahrscheinlich: Was passiert, wenn gar keine Einigung zustande kommt? Wenn zum Beispiel in Griechenland die notwendigen Sparpakete nicht verabschiedet werden und die europäischen Regierungen anschließend weitere Hilfen verweigern? Dann geht der griechischen Regierung das Geld aus. Sie wird ihre Beschäftigten und ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Und die Zinsen für Kredite und Anleihen wahrscheinlich auch nicht mehr, jedenfalls nicht vollständig. Man hätte eine ungeregelte Staatspleite – ohne Hilfe von außen und ohne Vorbereitung im Inneren. Die Folge wäre nicht nur ein Chaos an den Märkten, sondern auch innerhalb des Landes. Schließlich sind viele Griechen auf staatliche Zahlungen angewiesen.

Kommentare (58)

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Account gelöscht!

16.06.2011, 14:49 Uhr

Dies ist eine Oper in drei Akten. Wir nähern uns dem Klimax am Ende des zweiten Aktes. Die Tragödie nimmt ihren Lauf, der Held stirbt nach Verrat im eigenem Land. Der Übeltäter begibt sich auf die Flucht vor dem Pöbel, der Wirrwarr wird zum Auslöser einer Art von Bürgerkrieges.

Elektriker_aus_Berlin

16.06.2011, 14:50 Uhr

Die Rückkehr zur Drachme wäre doch auch für die Bevölkerung die beste Lösung.Dem Stolz auf die eigene
Verantwortung für den Aufbau eines funktionierenden
Staatssystem könnten sich die meisten Griechen nicht entziehen,oder so ähnlich.
Die Bevölkerung ist nun mal ein wichtiger Bestandteil eines Landes,tut mir leid aber daran läßt sich nichts ändern.Die Verblödung durch die staatstragenden Medien
hebt sich schlagartig auf,wenn es den Leuten ans Geld geht.

Account gelöscht!

16.06.2011, 15:02 Uhr

@FREIDENKER

Ein bemerkenswerter Kommentar zu Eurokrise. Ich kann Sie bezüglich der Zensur in vielen BRD-Medien nur bestätigen. Unser Land wird von besserwisserischen Gutmenschen regiert, die Meinung des kritischen Bürgers ist nicht zulässig. Medien, die solche Kommentare zensieren, sollte man meiden.

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