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09.05.2016

16:35 Uhr

Top-Ökonomen zu Griechenland

„Diese Regierung schreckt Investoren ab“

VonDietmar Neuerer

Die Rettung Griechenlands vor der Pleite wird wieder zum Problem – und Zugeständnisse an das Krisenland erneut zum Thema. Viele Ökonomen sind gegen weitere Schuldenerleichterungen. Auch in Berlin überwiegt die Ablehnung.

Ministerpräsident Tsipras hatte sich vehement für Reformen eingesetzt. Ökonomen trauen seiner Regierung dennoch nicht über den Weg. Reuters

Alexis Tsipras.

Ministerpräsident Tsipras hatte sich vehement für Reformen eingesetzt. Ökonomen trauen seiner Regierung dennoch nicht über den Weg.

BerlinFührende Ökonomen in Deutschland halten aktuell nichts von weiteren Schuldenerleichterungen für Griechenland. Auch die Möglichkeit eines Euro-Austritts Athens stößt auf große Vorbehalte. „Die Politik, auch in Deutschland, sollte im Griechenlanddrama einen kühlen Kopf bewahren“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, dem Handelsblatt.

Ein Grexit sei „ökonomischer Unsinn und würde großen Schaden für Griechenland und auch Europa verursachen“, sagte Fratzscher und konterte damit FDP-Chef Christian Lindner, der in der „Bild“-Zeitung einen Euro-Austritt Griechenlands gefordert hatte.

Aus Fratzschers Sicht muss die griechische Regierung weiter dazu gedrängt werden, die beschlossenen Reformen und Auflagen des dritten Hilfsprogramms umzusetzen. Gleichwohl sei allen Akteuren klar, dass Griechenlands Staatsschulden „nicht nachhaltig“ seien. „Es wird eine Schuldenerleichterung geben, die Frage ist lediglich, wann und wie sie aussehen wird“, sagte Fratzscher. „Die klügste Schuldenerleichterung wäre, diese konditional an einen erfolgreichen Abschluss des Hilfsprogramms zu binden und die Zinsen an das Wachstum in Griechenland, und nicht in Europa, zu koppeln.“

Griechenlands Schuldenkrise in Zahlen

2012: Staatsverschuldung

305,1 Milliarden Euro (160% des BIP)

2012: Haushaltsdefizit

16,9 Milliarden Euro (8,8% des BIP)

2013: Staatsverschuldung

320,5 Milliarden Euro (178% des BIP)

2013: Haushaltsdefizit

23,5 Milliarden Euro (13% des BIP)

2014: Staatsverschuldung

319,7 Milliarden Euro (180% des BIP)

2014: Haushaltsdefizit

6,5 Milliarden Euro (3,6% des BIP)

2015: Staatsverschuldung

311,5 Milliarden Euro (177% des BIP)

2015: Haushaltsdefizit

12,8 Milliarden Euro (12,8% des BIP)

Der Wirtschaftsweise Lars Feld lehnt Entlastungen für Griechenland strikt ab. „Griechenland hat bereits sehr viel Entgegenkommen der Gläubiger erfahren“, sagte Feld dem Handelsblatt. Das große Problem für die griechische Wirtschaft sei das fehlende Wirtschaftswachstum. Mit einem höheren Wachstum seien keine Schuldenerleichterungen nötig, und die getroffenen Sparmaßnahmen könnten reichen. „Man bräuchte dann nicht auf Vorratsbeschlüsse zur Haushaltssanierung zurückgreifen“, sagte der Freiburger Ökonom.

Allerdings hat Feld wenig Vertrauen in die Athener Regierung. „Diese Regierung schreckt Investoren ab, sie will nur widerwillig privatisieren“, sagte er. Griechenland brauche aber ein marktwirtschaftliches Programm mit Öffnung der Märkte, Deregulierung, Privatisierung und Wettbewerb. „Schuldenerleichterungen würden nur den Druck zur Durchführung solcher Strukturreformen mindern“, so Feld weiter. Daher sei er gegen Schuldenerleichterungen und stattdessen für die Fortführung des Konsolidierungs- und Reformkurses.

Nach der Zustimmung des griechischen Parlaments zu einem neuen Sparpaket beraten die Euro-Finanzminister heute auf einem Sondertreffen in Brüssel über weitere Hilfskredite. Sie bewerten den Stand bei der Umsetzung der Reformen und Sparauflagen, die Athen im Gegenzug für das jüngste Hilfsprogramm von bis zu 86 Milliarden Euro zugesagt hat.

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