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04.09.2015

17:30 Uhr

Toter Junge von Bodrum

Das Sinnbild der Krise – und die Folgen

Das Bild des toten Aylan zeigt Wirkung: Spanier drängen ihre Regierung zu mehr Hilfe, Schwedens Außenministerin bricht in Tränen aus und Hardliner David Cameron öffnet plötzlich Englands Grenzen für notleidende Syrer.

Flüchtlingskatastrophe

Weltweites Entsetzen über Bild des toten Dreijährigen

Flüchtlingskatastrophe: Weltweites Entsetzen über Bild des toten Dreijährigen

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Der auf der Flucht nach Europa ertrunkene dreijährige Aylan ist in seiner nordsyrischen Heimatstadt Kobane beigesetzt worden. Auch sein ebenfalls ums Leben gekommener Bruder und seine Mutter sind bestattet worden. Vater Abdullah Kurdi sagte: „Ich hoffe, dass meine Geschichte die Menschen dazu bringt, den Flüchtlingen mehr zu helfen.“

Der leblose Körper von Aylan war an einem Strand im türkischen Bodrum angespült worden. Der Junge gehörte einer Gruppe an, die per Boot die griechische Insel Kos erreichen wollte. Das Foto des toten Kindes löste international Bestürzung aus. Und könnte die Flüchtlingspolitik maßgeblich beeinflussen. So wurde das Sinnbild der Krise in den verschiedenen Ländern aufgenommen.

Italien

Das Bild aus Bodrum erschüttert in Italien die Gemüter. Zum ersten Mal blieb auch der ausländerfeindliche Matteo Salvini von der Lega Nord still. „Europa kann sein Gesicht nicht verlieren“ mahnte Matteo Renzi. „Es ist die Pflicht Europas eine gemeinsame Antwort zu geben. Eine Antwort, die vom europäischen Asylrecht über europäische Initiativen bei der Ankunft und Aufnahme, der europäischen Rückführung, aber auch eine globale Strategie für Eingriffe in den Herkunftsländern reicht.“

Auch der Innenminister Angelino Alfano meldete sich zu Wort: „Angesichts dieser Szene des toten Kindes am Strand habe ich einen tiefen Schmerz gefühlt, denn er kam nicht nach Europa, um uns Arbeitsplätze zu stehlen. Das war ein Kind, das mit seinen Eltern vor dem Krieg geflohen ist“, sagte Alfano. „Entweder nimmt Europa das Gewicht seiner Geschichte auf seine Schultern oder Europa kann schließen“, sagte er.

Man müsse sich entscheiden: „Entweder wir kehren zu dem großen Europa zurück, dass Menschlichkeit und Sicherheit garantiert, das Flüchtlinge aufnimmt, das aber hart ist im Kampf gegen die Menschenhändler oder wir sind ein Kontinent, der aus Angst die dunklen Jahren wieder erlebt, die den Grundstein für die Konzentrationslager gelegt haben“, sagte Alfano.

 

Zahlen und Fakten zu Flüchtlingen

219.000 Menschen...

...flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

3500 Menschen...

...kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

170.100 Flüchtlinge...

...erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

66.700 Syrer...

...registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9800 aus Mali.

123.000 Syrer...

...beantragten im vergangenen Jahr in der EU Asyl (2013: 50.000).

202.700 Asylbewerber...

...wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

Um 143 Prozent...

...stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

Mit 8,4 Bewerbern...

... pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

600 000 bis eine Million Menschen...

...warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.

Interessant ist vor allem die Reaktion in Italien auf Merkels Ankündigung, 800.000 Flüchtlinge aufzunehmen. Dieser menschliche Akt passt für die Italiener gar nicht zu ihrem Bild der Austerity-Kanzlerin.

Der Corriere della Sera widmet dem Phänomen gleich eine ganze Seite unter dem Titel „Lo spirito tedesco „der deutsche Geist“, der erstaunt feststellt, dass der „Zeitgeist“ nicht nur Austerität sei. La Repubblica platziert eine große Reportage auf der zweiten Seite über das helfende Deutschland. „Der Wandel der Merkel: Berlin wählt das gute Gesicht“. Katharina Kort

Kommentare (69)

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Herr Adi Schicklgruber

04.09.2015, 17:55 Uhr

Die Europäer werden sich wehren und sich ihre Länder wiederholen. Kinderleichen
als Propagandamittel, das zeigt, welche üble Mischpoke hier das Sagen hat.

Herr Andreas Glöckner

04.09.2015, 17:58 Uhr

Die Bundesregierung sollte die Grenzen besser schließen.

In welche Welt flüchten diese Menschen denn?

Diese Menschen flüchten in eine Welt aus sozialen Ängsten. Andere Ängste als sie diese aus deren Heimatländern kennen. Radiosmog, Abgase, Mülldeponien, Endlagersuche für Atommüll, Altersarmut und Elend in den unteren Einkommensschichten. Der Eindruck, dass wir, die wir gegen die Aufnahme von Flüchtlingen sind, etwa Rassisten seien oder gar Fremdenfeindlich ist ein falscher Eindruck. Wir sind eher diejenigen, die um Mindeststandards kämpfen mussten, soziale Mindeststandards wie die Lohnuntergrenze.

Der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin zwingen euch uns auf. Dabei hatten wir selbst in den letzten beiden Dekaden nur zu kämpfen. Ihr werdet selbst sehen, was die Politik hier in Deutschland verspricht und was sie für euer tägliches Leben bedeutet.

In Deutschland leben mit 80 Mio. Menschen die meisten Menschen in Europa. In Teilen Deutschlands herrscht Elendsarmut, Aufrufe, Kundgebungen und Demonstrationen hatten nichts daran geändert. Es waren mehrer politische Schläge notwendig, um wenigstens einen Teil unserer Bevölkerung aus der Armut zu holen. Ihr werdet nicht lange etwas von den Versprechen haben. Wir mussten dafür kämpfen, dass niedrige Löhne aufgestockt werden. Die Einführung des Mindestlohns war ein politischer Schlag und keine soziale Empfindung, die sich auf Gerechtigkeit aufbaut.

Ihr seid nun in einer Konsumwelt angekommen. Es geht darum Videospiele zu kaufen oder billiges Fleisch zu essen. Es geht darum um niedrige Löhne zu feilschen oder besser gesagt darum erst gar keine zu zahlen, von denen man leben kann. Wenn ihr Feierabend habt, dann ist es dunkel.Denn ihr werdet keine Arbeit bekommen,die gut bezahlt ist und von der ihr einen Platz in der Nachmittagssonne bekommt.Diejenigen, die ihr in der Öffentlichkeit zu sehen bekommt, sind nur dazu da um zu zeigen, dass ihr versagt habt. Euroerfolgsmigranten. Wisst das: Ihr seid keine Deutschen.

Herr Peter Delli

04.09.2015, 18:05 Uhr

Vorwärts Herr Orban, ich halte ihnen die Daumen. Schicken Sie die Züge in die Wüste, denn daher kommen sie.

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