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27.09.2016

22:27 Uhr

Tourismus in der Türkei

Der Schock nach den Schocks

Krieg im Nachbarland Syrien, mehrere Terroranschläge und ein Putschversuch: Die Türkei hat schwierige Monate hinter sich. Die Folgen sind dramatisch – nicht nur für die Tourismusbranche.

Tourismusbranche

Freie Liegestühle und leere Schwimmbäder: So wirkt sich Terror auf den Tourismus aus

Tourismusbranche: Freie Liegestühle und leere Schwimmbäder: So wirkt sich Terror auf den Tourismus aus

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IstanbulZum Ende der Sommersaison blickt die Tourismusbranche der Türkei auf ein schwieriges Jahr zurück: Erst die durch eine Reihe von Terroranschlägen ausgelöste Unsicherheit unter Urlaubern, dann tiefe Einschnitte, die das Resultat einer diplomatischen Eiszeit mit Russland waren. Mitten im Sommer machte der Putschversuch des Militärs die wirtschaftliche Lage noch prekärer: Nach Unruhen mit 270 Toten wurde der Notstand ausgerufen, anschließend kam es zu Tausenden Festnahmen und Entlassungen.

Der stellvertretende Regierungschef Mehmet Simsek räumte ein, der gescheiterte Staatsstreich am 15. Juli und seine Folgen hätten die Wirtschaft geschwächt. Gleichzeitig pries er ihre Stabilität angesichts der Probleme. Tourismus ist ein wesentlicher Devisenbringer für die Türkei, die damit ihr gähnendes Leistungsbilanzdefizit stopfen muss. Doch gerade die Reisebranche verzeichnete die schlimmsten Einbußen.

Vor allem die russischen Touristen blieben weg. Die Zahlen gingen um 89 Prozent zurück, nachdem die Türkei im vergangenen Jahr einen russischen Kampfjet abgeschossen hatte. Das ist fatal – denn Russen stellen die zweitgrößte Touristengruppe in der Türkei. 2014 hatten 4,5 Millionen Menschen Ziele wie die Touristenmetropole Antalya besucht.

Das deutsch-türkische Verhältnis

Armenier

Im Juni 2016 beschließt der Bundestag eine Resolution, die die Gräuel an den Armeniern im Osmanischen Reich vor gut 100 Jahren als „Völkermord“ einstuft. Die Regierung in Ankara reagiert empört und ruft ihren Botschafter aus Berlin zurück. Präsident Recep Tayyip Erdogan attackiert vor allem die elf türkischstämmigen Bundestags-Abgeordneten, die für die Resolution gestimmt haben.

Luftwaffenbasis

Nach dem Bundestagsbeschluss untersagen die türkischen Behörden einem Parlamentarischen Staatssekretär und mehreren Bundestagsabgeordneten den Besuch der Bundeswehrsoldaten auf der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik. Auch ein Treffen zwischen Erdogan und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Rande des Nato-Gipfels in Warschau ändert daran nichts.

Böhmermann-Affäre

Ende März 2016 trägt der Satiriker und Moderator Jan Böhmermann auf ZDFneo eine umstrittene „Schmähkritik“ an Erdogan vor. Der klagt, um das Gedicht komplett verbieten zu lassen und erzielt einen Teilerfolg vor dem Hamburger Landgericht. Gerichtliche Schritte gegen Springer-Chef Mathias Döpfner, der Böhmermann öffentlich unterstützt hatte, kann Erdogan nicht durchsetzen.

Flüchtlingspakt

Ankara droht immer wieder damit, die Zusammenarbeit mit der EU in der Flüchtlingskrise aufzukündigen. Hintergrund ist unter anderem eine EU-Forderung, die Türkei müsse Anti-Terror-Gesetze reformieren, damit sie nicht politisch missbraucht werden. Ohne diese Reform will die EU die Visumpflicht für Türken nicht aufheben - ohne Visumfreiheit aber fühlt sich Erdogan nicht an die Flüchtlings-Abkommen gebunden.

Botschafter-Rücktriff

Hansjörg Haber, deutscher EU-Botschafter in der Türkei, tritt im Juni 2016 zurück. Wegen einer kritischen Bemerkung zum Flüchtlingspakt zwischen der EU und der Türkei hatte ihn das türkische Außenministerium zuvor einbestellt.

Immunität

Auf Betreiben Erdogans beschließt das türkische Parlament, vielen Abgeordneten die Immunität zu entziehen. Betroffen ist vor allem die pro-kurdische HDP, der Erdogan Terrorvorwürfe macht. Parlamentariern droht Strafverfolgung – für Kanzlerin Merkel „Grund tiefer Besorgnis“. Nach einem Treffen mit Erdogan sagt sie: „Wir brauchen eine unabhängige Justiz, wir brauchen unabhängige Medien und wir brauchen ein starkes Parlament.“ Das Gesetz ist seit Juni in Kraft.

Pressefreiheit

Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 151 von 180 Staaten - denn kritische Medien werden auf Regierungskurs gezwungen. Nach dem gescheiterten Putsch Mitte Juli lässt Erdogan unter anderem Dutzende kritische Journalisten verhaften und zahlreiche Medien schließen. In einem Rechtsstaat müsse der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gewahrt werden, mahnt Merkel.

Auslieferung

Ankara fordert von Deutschland die Auslieferung türkischer Anhänger des Predigers Fethullah Gülen, den die Regierung für den Putschversuch verantwortlich macht. Neuer Streit ist damit programmiert.

Bis Ende 2016 könnte die Türkei durch das Fehlen russischer Gäste zwischen sieben und neun Milliarden Euro Einnahmen aus dem Tourismus verlieren, warnt der Generalsekretär des türkischen Tourismusverbandes TÜRSAB, Cetin Gürcün. „Wenn wir das Volumen des russischen Marktes betrachten, dann ist es nicht einfach, die Lücke zu füllen.“ Zwar sind die Wogen zwischen Moskau und Ankara inzwischen geglättet. Doch eine Erholung des Marktes erwartet Gürcün nicht vor 2017.

Und es waren nicht nur Russen, die den türkischen Stränden und Kulturstätten fernblieben. Auch der britische Tourismuskonzern Thomas Cook meldete vor kurzem, die Nachfrage nach türkischen Zielen sei „deutlich unter dem Vorjahresniveau“. Insgesamt seien die Buchungen für die Sommersaison 2016 um fünf Prozent gesunken, vor allem wegen „geopolitischer Störungen“. Offizielle türkische Zahlen für die gesamte Sommersaison liegen bisher nicht vor. Doch allein im Juni und Juli brachen die Ankünfte im Vergleich zum Vorjahr um 40 sowie 36 Prozent ein.

Dadurch litten auch die Umsätze im Einzelhandel: Nach Darstellung von Sami Kariyo, Leiter der United Brands Association – einer Dachorganisation mit 150 Mitgliedsunternehmen und 500 Marken – ging der Umsatz aufgrund gesunkener Touristenzahlen um fünf Prozent zurück.

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