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09.04.2017

21:06 Uhr

Trauer nach Anschlag

Tausende trotzen dem Terror in Stockholm

Mitten in Stockholm trotzen Tausende dem Terror. Nach dem Lkw-Anschlag hat die Polizei inzwischen zwei Verdächtige festgenommen. Einer von ihnen sollte abgeschoben werden.

In Stockholm trauern die Menschen um die Toten des Lkw-Anschlags am vergangenen Freitag. AFP; Files; Francois Guillot

Trauer in Stockholm

In Stockholm trauern die Menschen um die Toten des Lkw-Anschlags am vergangenen Freitag.

StockholmNach dem Lkw-Anschlag haben tausende Menschen in Stockholm ein Zeichen gegen Gewalt und Terror gesetzt. Bei einer Kundgebung auf einem zentralen Platz in der schwedischen Hauptstadt gedachten sie am Sonntag der vier Todesopfer mit einer Schweigeminute. Die Polizei geht davon aus, dass ein 39-jähriger Usbeke am Freitag mit einem Lkw in einer Einkaufsstraße in eine Menschenmenge gerast war. Der Mann hat sich nach Behördenangaben einer Abschiebung entzogen und Sympathien für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und andere „extreme Organisationen“ gezeigt. Die Ermittler nahmen derweil am Sonntag eine zweite Person unter Terror- und Mordverdacht fest.

Bei dem mutmaßlichen Terroranschlag in der belebten Stockholmer Drottninggatan waren vier Menschen getötet worden, 15 wurden verletzt. Zwei der Toten stammten den Behörden zufolge aus Schweden, die anderen beiden aus Großbritannien und Belgien. Mehr Angaben zu den Opfern machte die Polizei aus Rücksicht auf die Angehörigen nicht bekannt.

Terroranschlag in Stockholm: Mutmaßlicher Täter ist 39-Jähriger aus Usbekistan

Terroranschlag in Stockholm

Mutmaßlicher Täter ist 39-Jähriger aus Usbekistan

In Stockholm ist ein Lkw in eine Menschenmasse gerast, vier Menschen starben. Die Polizei ist sich sicher, den Täter gefasst zu haben. Sie könne aber nicht ausschließen, dass es weitere Komplizen gegeben habe.

„Wir haben leider beim Attentat von Stockholm eine Landsmännin verloren“, teilte Belgiens Außenminister Didier Reynders am Sonntag auf Twitter mit. Der Engländer war ein langjähriger Mitarbeiter des Musik-Streamingdienstes Spotify, wie dessen Gründer Daniel Ek am Sonntag in einem Facebook-Post bestätigte. „Es gibt keine Worte um zu beschreiben, wie sehr wir ihn vermissen werden und wie traurig wir sind, ihn auf diese Weise verloren zu haben“, schrieb Ek. Bei den beiden Schweden soll es sich laut Medienberichten um ein elfjähriges Mädchen und eine Frau aus Westschweden gehandelt haben.

Der Anschlag war nach London und St. Petersburg der dritte in Europa innerhalb von drei Wochen.

In der Nähe des Anschlagsortes in Stockholm versammelten sich am Sonntagnachmittag Tausende zu einer „Liebes-Kundgebung“. Um 14.53 Uhr, der Uhrzeit des Anschlags vom Freitag, war es auf dem Platz komplett still. Viele hielten sich an den Händen und weinten. Am Montag soll es eine landesweite Schweigeminute geben.

Die Beweislage gegen den am Freitag festgenommenen 39-Jährigen habe sich erhärtet, sagte Jan Evensson von der Stockholmer Polizei. „Die Ermittlungen laufen sehr gut.“ Den Ermittlern zufolge beantragte der Mann 2014 eine Aufenthaltsgenehmigung in Schweden. Im Juni 2016 entschied die Migrationsbehörde demnach, ihn auszuweisen. Da er das Land nicht verließ, wurde nach ihm gesucht. Details zu der zweiten Festnahme gab die Staatsanwaltschaft zunächst nicht bekannt.

Anschläge mit Fahrzeugen in Europa

Stockholm – April 2017

Ein gekaperter Lastwagen rast in einer zentralen Einkaufsstraße erst in eine Menschenmenge und dann in ein Kaufhaus. Vier Menschen sterben, 15 werden verletzt. Noch am selben Tag nimmt die Polizei einen 39-jährigen Usbeken fest. Der Mann, der 2016 aus Schweden ausgewiesen werden sollte, steht unter Terrorverdacht.

London – März 2017

Der Attentäter Khalid Masood steuert ein Auto absichtlich in Fußgänger auf einer Brücke im Zentrum Londons. Er tötet drei Menschen, anschließend ersticht er einen Polizisten auf dem Gelände des britischen Parlaments. Er selbst wird von Sicherheitskräften erschossen. Ein weiteres Opfer stirbt gut zwei Wochen später an den Folgen seiner Verletzungen.

Berlin – Dezember 2016

Kurz vor Weihnachten wird die deutsche Hauptstadt zum Ziel eines Terroranschlags. Zwölf Menschen sterben, als ein Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) einen gekaperten Lastwagen in einen Berliner Weihnachtsmarkt steuert. Wenige Tage später wird der 24 Jahre alte Tunesier Anis Amri bei einer Polizeikontrolle nahe Mailand erschossen.

Nizza – Juli 2016

Der Attentäter, der 31 Jahre alte Tunesier Mohamed Lahouaiej Bouhlel, rast mit einem Lkw auf dem Strandboulevard Promenade des Anglais in Nizza in eine Menschenmenge. 86 Menschen sterben. Der IS ist nach Angaben seines Verlautbarungsorgans Amak für den Anschlag verantwortlich.

Auch der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt, der als islamistischer Gefährder eingestufte Anis Amri, war ausreisepflichtig. In Deutschland wird vor allem darüber gestritten, ob Behörden Möglichkeiten versäumten, ihn rechtzeitig festzusetzen und abzuschieben. Amri war ebenfalls mit einem Lkw in Menschen gefahren. Er tötete insgesamt zwölf Menschen.

Die schwedische Polizei sucht derweil weiter nach möglichen Helfern des mutmaßlichen Attentäters. „Wir haben viele Kontrollen durchgeführt und Wohnungen in Stockholm durchsucht“, sagte Evensson. „Ungefähr fünf“ Personen würden festgehalten. Etwa 500 Menschen seien befragt worden.

Der Verdächtige aus Usbekistan war am Samstag zum ersten Mal verhört worden. Ob er sich dabei zu seinem Motiv äußerte, wollte die Polizei nicht sagen. Die Ermittler untersuchten außerdem einen verdächtigen Gegenstand, der auf dem Lkw-Fahrersitz gefunden worden war. Medien hatten spekuliert, es könnte sich um eine Bombe handeln. Das bestätigte die Polizei nicht.

Die schwedische Polizei will künftig verstärkt Präsenz zeigen. Zehn Tage lang sollen zudem alle Ausreisenden an den Grenzen kontrolliert werden.

Schwedens König Carl XVI. Gustaf verurteilte den Lkw-Anschlag am Wochenende als „verachtenswürdig“. Doch ihm gebe Hoffnung, „dass all diejenigen unter uns, die helfen wollen, viel zahlreicher sind als diejenigen, die uns schaden wollen“, sagte der Monarch vor dem Königspalast in der Hauptstadt. Carl Gustaf und seine Frau, Königin Silvia, hatten eine Brasilien-Reise abgebrochen und waren nach dem Anschlag nach Schweden zurückgekehrt.

Papst Franziskus gedachte der Opfer der jüngsten Terroranschläge in Schweden und Ägypten bei seinem Angelus-Gebet zum Palmsonntag.

Von

dpa

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