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11.10.2011

13:18 Uhr

Trauer und Bestürzung

Kairo sucht Schuldige für blutige Unruhen

Es waren die schlimmsten Zusammenstöße in Ägypten seit dem Sturz Mubaraks im Frühling. Alle Welt ruft die Ägypter zur Mäßigung auf. Die koptischen Christen machen die Armee für das Blutbad vom Sonntag verantwortlich.

Eine koptische Christin betrauert den Tod eines Angehörigen. dpa

Eine koptische Christin betrauert den Tod eines Angehörigen.

KairoNach den blutigen Straßenkämpfen zwischen Christen und dem Militär wird in Ägypten nach den Schuldigen gesucht. Die Vereinigungen der koptischen Christen machten am Dienstag in einer Erklärung die Armeeführung für das Blutbad in Kairo mit 26 Toten verantwortlich.

In der Nacht trugen die Kopten ihre Opfer der Gewalt zu Grabe. Ein machtvoller Trauerzug mit 20 000 Teilnehmern zog von der Ramses-Straße zur großen koptischen Kathedrale im Stadtteil Abbasija, wo die Totenmesse gelesen wurde, berichtete die Webseite „almasryalyoum.com“.

„Das gewalttätige Vorgehen (der Soldaten) war schlimmer als das, was die israelische Armee mit den Palästinensern macht, die Kassam-Raketen abfeuern“, hieß es in der Erklärung der koptischen Vereinigungen, die am Dienstag von der christlichen Zeitung „Watani“ veröffentlicht wurde. Die Staatsanwaltschaft der Militärjustiz hatte am Montagabend 19 Christen und zwei Muslime in Untersuchungshaft genommen, denen sie Zerstörung öffentlichen Eigentums und Angriffe auf die Armee vorwirft.

Aus Sicherheitskreisen in Kairo hieß es am Dienstag, bei den Getöteten handele es sich um 22 christliche Zivilisten, 3 Soldaten und eine Polizisten. Die Armee äußerte sich offiziell nicht zur Zahl der getöteten Soldaten. Offiziell war zuletzt von 25 Toten und 329 Verletzten die Rede.

Die staatlichen Medien meldeten, die Übergangsregierung wolle binnen zwei Wochen eine revidierte Version des Gesetzes vorlegen, das den Bau von Gotteshäusern vorsieht. Die Kopten hatten am Sonntagabend, bevor sie angegriffen wurden, dagegen protestiert, dass zehn Tage zuvor eine ihrer Kirchen in der südlichen Provinz Assuan von einem muslimischen Mob niedergebrannt worden war. Die betroffene Kirche soll ohne Genehmigung erbaut worden sein - wobei die Christen in Ägypten selten die behördliche Erlaubnis für den Bau eines neuen Gotteshauses erhalten.

Die bisher schlimmsten gewalttätigen Zusammenstöße seit dem Sturz des autoritären Präsidenten Husni Mubarak im Februar dieses Jahres riefen weltweit bestürzte Reaktionen hervor. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ermahnte die Ägypter zur Besinnung auf den historischen Wandel vom Jahresanfang. Von den Behörden der Übergangsregierung forderte Ban, die Menschen- und Bürgerrechte aller Ägypter zu schützen, gleich welchen Glaubens sie sind.

US-Präsident Barack Obama rief alle Seiten zur Mäßigung auf. „Diese tragischen Ereignisse sollten zeitnahen Wahlen und einem fortgesetzten Übergang in eine friedfertige, gerechte und umfassende Demokratie nicht im Wege stehen“, teilte das Weiße Haus in Washington am Montag (Ortszeit) mit.

Saudi-Arabien brachte am Dienstag in einer offiziellen Erklärung „Schmerz und Trauer“ zum Ausdruck. Zugleich appellierte das Dokument, das von der staatlichen Nachrichtenagentur SPA veröffentlicht wurde, „an alle Ägypter, Mäßigung walten zu lassen, weise zu sein und ihre geliebte Heimat zu bewahren, die das Herz der arabischen und islamischen Gemeinschaft ist“.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Paul-M

12.10.2011, 09:07 Uhr

... und bevor hier, wie in so vielen Medien üblich, angefangen wird, darüber zu schwafeln, wie demokratieunfähig "die Ägypter" doch wären, sei einfach mal gefragt, von wem die Gewalt ausging:
Die Toten sind - fast alle - Kopten, gestorben an Schusswunden, von Radpanzern zermamlt oder oft an Messerstichen - Hinweise darauf, dass die Walt vom Militär ausging, organisiert war.
Bezeugt ist auch, dass das staatliche Fernsehen berichtete, die Kopten griffen das Militär an und dazu aufforderte, die Muslime müssten auf die Straßen kommen und der Armee helfen.
Sowohl Armee als auch Medien stehen unter Kontrolle des Militärrats. Der Militärrat setzt sich zusammen aus ehemaligen Mitstreitern Mubaraks und eben aus Militärs, Leute, die eine Demokratisierung Ägyptens nicht wollen, ganz im Gegensatz zu den Menschen auf den Straßen.
Würden wirklich ernsthaft die Schuldigen gesucht, wären sie sehr schnell zu finden, nicht bei den inhaftierten Kopten, nicht bei den ermordeten Kopten, nicht bei den revolutionären jungen Leuten, die den Umbruch vom Anfang des Jahres starteten, auch nicht bei der überragenden Mehrheit der Moslems, die seit Jahrhunderten mit christlichen Nachbarn zusammen leben, sondern in den bequemen Sesseln der Regierung, in der Führungsebene eines Militärs, das am korrupten System der Mubarakära profitiert und daran festhält

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