Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.08.2012

08:13 Uhr

Trendwende mit globalen Folgen

Chinas Geldberg schrumpft

VonFinn Mayer-Kuckuk

Die Devisenreserven in China sinken, was Anhaltspunkte für eine langfristige Umkehr der globalen Handelsverhältnisse gibt. Der Yuan könnte vor einer Abwertung stehen, was die politische Debatte in den USA anheizen würde.

Skyline von Peking: Massive wirtschaftliche Veränderungen bahnen sich an. dpa

Skyline von Peking: Massive wirtschaftliche Veränderungen bahnen sich an.

PekingDie chinesische Währungspolitik steht vor einer historischen Trendwende. Statt immer höhere Reserven harter Währungen aufzubauen, könnte nun eine Phase des Abbaus beginnen. Im zweiten Quartal 2012 ist bereits mehr Geld aus China ab- als zugeflossen. Das hat den Effekt, dass "erstmals seit dem zweiten Quartal 1998 die Währungsreserven wieder abnahmen", wie Analyst Dirk Chlench von der LBBW schreibt. Das hat auch Konsequenzen für die chinesische Währung, den Yuan, selbst. Statt die bisher laufende Aufwertung fortzusetzen, wird China die Kurse in naher Zukunft eher wieder niedriger festsetzen.

Das könnten die ersten Anzeichen für den Beginn einer langfristigen Umkehr der globalen Handelsverhältnisse sein. "Die hohen chinesischen Überschüsse wird es nicht ewig geben", glaubt der renommierte Ökonom Richard Duncan, ein Experte der Finanzkrisen und Chefökonom von Blackhorse Asset Management mit Sitz in Bangkok. Auf der einen Seite müssen die USA ihr Defizit verringern, auf der anderen Seite arbeiten die Chinesen daran, von ihren hohen Überschüssen wegzukommen. Wenn beides jedoch greife, könnten Chinas Reserven vergleichsweise schnell wieder zusammenschmelzen.

China und EU handeln jeden Tag für mehr als eine Milliarde Euro

Gegenseitige Abhängigkeit

China und Europa sind voneinander abhängig. Das Reich der Mitte wird in diesem Jahr zum größten Exportmarkt der Europäer aufsteigen und damit die USA überholen. Umgekehrt ist die Europäische Union der größte Abnehmer chinesischer Ausfuhren. Beide Seiten handeln jeden Tag mit Waren im Wert von mehr als einer Milliarde Euro.

Ausfuhren gestiegen

Nach einem Zuwachs von 37 Prozent 2010 stiegen die europäischen Ausfuhren nach China im vergangenen Jahr von Januar bis November um 21 Prozent auf 124 Milliarden Euro. Deutschland hat mit deutlichem Abstand und knapp der Hälfte der EU-Ausfuhren nach China den größten Anteil daran, gefolgt von Frankreich und Großbritannien. 60 Prozent der EU-Ausfuhren waren Maschinen und Fahrzeuge.

Während die 27 EU-Länder im Jahr 2010 rund 19,8 Millionen Autos produzierten, waren es in China nicht viel weniger: rund 18,3 Fahrzeuge.

Weltgrößte Devisenreserven

Die Importe aus China kletterten nach einem Anstieg von 31 Prozent 2010 im vergangenen Jahr bis November um weitere fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 244 Milliarden Euro. Seit Jahren gibt es ein großes europäisches Defizit im Handel mit China, das 2010 noch bei 168 Milliarden Euro lag. Aus diesem Überschuss sammelt China die Euros in seinen weltgrößten Devisenreserven im Wert von insgesamt 3,18 Billionen US-Dollar an. Rund ein Viertel sollen Euros sein.

Negative Leistungsbilanz

Während die Leistungsbilanz der 27 EU-Länder im vergangenen Jahr bei minus 24 Milliarden Euro lag, konnte China einen deutlich positiven Saldo von 258 Milliarden Euro verbuchen. Auch das BIP der Chinesen war 2011 mit 12.900 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch wie das BIP der EU (5100 Milliarden Euro).

Schlechter Marktzugang

Die Wirtschaftskooperation zwischen Europa und China ist rasant gewachsen. Doch beklagen europäische Unternehmen in China schlechten Marktzugang, ungleiche Wettbewerbsbedingungen, mangelnde Transparenz und Rechtsunsicherheiten.

Urheberrechte verletzt

Schlechter Schutz des geistigen Eigentums ist unverändert ein großes Problem. Sieben von zehn in China tätigen europäischen Unternehmen wurden nach eigenen Angaben schon Opfer von Urheberrechtsverletzungen mit teils erheblichen Verlusten. Mehr als die Hälfte aller Raubkopien, die der Zoll in Europa sicherstellt, stammt aus China.

Zögerliche Investitionen

Die 27 EU-Staaten zählen mit 7,1 Milliarden Euro 2010 zu den fünf wichtigsten Investoren in China - neben Taiwan, Hongkong, USA und Japan. Rund 20 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in China stammen aus Europa. China investiert aber nur sehr zögerlich in Europa. Zwar stiegen die chinesischen Investitionen 2010 von 0,3 auf 0,9 Milliarden Euro, doch stammen nur 1,7 Prozent aller ausländischen Investitionen in Europa aus China.

Im vergangenen Jahrzehnt hat die massenhafte Ausfuhr preiswerter Industriewaren von der Quietschente bis zum iPad dazu geführt, dass China Devisenreserven in Höhe von derzeit gut 3,2 Billionen Dollar aufgebaut hat. Davon ist vermutlich gut die Hälfte in US-Papieren angelegt - und hier wiederum hauptsächlich in Staatsanleihen. Die andere Hälfte verteilt sich auf andere Währungsräume. Um Risiken bei Anlagen in Euro zu mindern, hat die staatliche Devisenverwaltung zuletzt beispielsweise verstärkt japanische Wertpapiere gekauft.

Doch allen Beteiligten ist bei der Konstellation etwas mulmig zumute. China sitzt auf einem Riesenberg von Geldanlagen in den Leitwährungen, deren künftiger Wert höchst fraglich ist - sowohl die Europäer als auch die Amerikaner machen in ihren Augen eine unsolide Finanzpolitik. Da die chinesische Zentralbank für die im Ausland eingenommenen Dollar den Exporteuren im Inland frisch gedruckte Yuan ausgegeben hat, steigt zudem der Preisauftrieb in China. Washington wiederum befindet sich in der unangenehmen Lage, bei dem Geschäft nicht nur Arbeitsplätze nach China verloren zu haben, sondern zudem beim kommunistischen Rivalen tief in der Kreide zu stehen.

China und Deutschland im Zahlenvergleich

Fläche in Quadratkilometern (gerundet)

China: 9.600.000
Deutschland: 357.000

Bewaldete Fläche

China: 22 Prozent
Deutschland: 32 Prozent
(Angaben von 2010)

Landwirtschaftlich genutzte Fläche

China: 56 Prozent
Deutschland: 48 Prozent
(Angaben von 2009)

Einwohner

China: 1.347.000.000
Deutschland: 82.000.000
(Angaben von 2011, Zahlen gerundet)

Lebenserwartung von Frauen

China: 75 Jahre
Deutschland: 83 Jahre
(Angaben von 2009)

Lebenserwartung von Männern

China: 72 Jahre
Deutschland: 77 Jahre
(Angaben von 2009)

Breitband-Internetanschlüsse je 100 Einwohner

China: 8
Deutschland: 31
(Angaben von 2009)

Personenwagen je 1000 Einwohner

China: 27
Deutschland: 502
(Angaben von 2008)

CO2-Emission pro Kopf in Tonnen

China: 5
Deutschland: 10
(Angaben von 2008)

Quellen: Weltbank, CIA, Statistisches Bundesamt, Deutsche Botschaft in Peking, Auswärtiges Amt

Das wird sich wohl in absehbarer Zeit ändern. "Chinas Handelsüberschuss nimmt schnell ab", beobachtet Ma Jun, China-Chefökonom der Deutschen Bank in Hongkong. Erste Experten rechnen damit, dass China bereits im kommenden Jahr ein Defizit in der Handelsbilanz aufweist - dass es also mehr Waren einführt als ausführt. Schon in diesem Jahr dürfte der Wert ungewöhnlich schwach ausfallen, obwohl Handelsminister Chen Deming offiziell immer noch mit einem Handelswachstum von zehn Prozent rechnet - "vorausgesetzt, die Euro-Krise kann in der zweiten Jahreshälfte eingedämmt werden". Im Juli ist der Export um fast zehn Prozent eingebrochen.

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

AgainstTheThruth

23.08.2012, 08:33 Uhr

das war es also, was die usa vorhatten. europa in die krise stürzen, damit china ein handelsbilanzdefizit bekommt. somit wird die wirtschaft in china geschwächt, die weniger energie benötigt und somit weniger erdöl benötigt. das könnte dem iran das genick brechen.

goldeneye

23.08.2012, 08:44 Uhr

Das war abzusehen!!!

Account gelöscht!

23.08.2012, 08:44 Uhr

China hat ein "menschliches" Problem - auch wie die Altersvorsorger hier in Deutschland. Investitionen in Waehrungen von Zentralbanken wie Euro und USD, sind wegen der Endlosgelddrucke dort nicht mehr zu rechtfertigen. Yuan gegen selbstbewusstes aber ziemlich wertloses Geld zu tauschen, hat keine Zukunft. China wuerde die eigene Bevoelkerung dadurch enteignen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×