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18.10.2011

07:22 Uhr

Trennbankensystem

„Kochrezepte aus Amerika“ bedrohen Deutsche Bank

VonDietmar Neuerer

ExklusivKritikern gelten Investmentbanker als Zocker, die ganze Banken in Schieflage bringen können. Überlegt wird daher, die normalen Bankgeschäfte von den  risikoreicheren zu trennen. Das könnte große Institute hart treffen.

Deutsche-Bank-Zentrale in Frankfurt. Reuters

Deutsche-Bank-Zentrale in Frankfurt.

DüsseldorfIn der Finanzkrise hält Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auch Straßenproteste für gerechtfertigte Meinungsäußerungen. Allerdings sollten sich die Demonstrationen nicht allein gegen die Banken richten, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Schließlich seien es Staaten gewesen, die jahrzehntelang über ihre Verhältnisse gelebt hätten.

Nichtsdestotrotz erhöht die Politik nun den Druck auf die Finanzwirtschaft und lässt die Institute wissen, dass sie einer internationalen Debatte über ein Trennbankensystem offen gegenüber steht – Ausgang offen. Bereits während der Finanzkrise 2008/09 waren Ideen aufgekommen, Investment- und Geschäftsbanken stärker voneinander zu trennen. Am Wochenende hatte dann SPD-Chef Gabriel die Debatte aufgegriffen, die auch von der Industrieländerorganisation OECD angeregt wurde. Jetzt also die Bundesregierung.

Die Motive der Politik, ausgerechnet jetzt Richtung „Trennbankensystem“ zu gehen, liegen scheinbar auf der Hand. Deutschland und Frankreich wollen die europäischen Banken mit einem Paket von Maßnahmen stabilisieren - notfalls auch gegen deren Willen. Dazu sollen beim EU-Gipfel am Wochenende unter anderem Entscheidungen über eine höhere Eigenkapitalquote und eine größere Beteiligung an einem weiteren Griechenland-Rettungspaket fallen. Dagegen sträuben sich die Institute allerdings bisher. Also wird mit der Brechstange gearbeitet – und offen über eine klarere Trennung des Investment-Banking vom Privat- und Firmenkundengeschäft der Banken gesprochen.

Die Nachteile des Trennbankensystems

Das jetzige System ist sinnvoll

SPD-Chef Gabriel will Banken dazu zwingen, ihr Investment- und Privatkundengeschäft aufzuspalten. Es gibt aber viele Gründe, die dagegensprechen.

Einzelne Institute würden nicht überleben

Eine Universalbank in ihre Einzelteile zu zerlegen ist so, als würde man siamesische Zwillinge trennen: Zu sehr sind die einzelnen Geschäftsbereiche der Kreditinstitute in den vergangenen Jahren zusammengewachsen. Zu schwer würde es die Sparten treffen, risse man sie jetzt auseinander. Eine Operation ohne Garantie für den Chirurgen, dass die Patienten allein auch überlebensfähig wären.

Perfekte Verbindung

Das Investment-Banking, das Politiker wie SPD-Chef Sigmar Gabriel in diesen Tagen am liebsten verbieten würden, ist mehr als nur der Eigenhandel und mehr als nur das riskante Geschäft mit Anleihen, Aktien oder Derivaten, das viele Kritiker meinen, wenn sie fordern, die Banken zu zerschlagen. Investment-Banking ist vor allem Beratung und Kapitalmarktexpertise. Dieses Geschäft lässt sich perfekt mit dem klassischen Kundengeschäft verbinden. Und das haben viele Universalbanken in den vergangenen Jahren auch sehr erfolgreich getan, gerade beim sogenannten M&A-Geschäft, dem Geschäft mit Fusionen und Übernahmen.

Universalbank auch für Kunden von Vorteil

In der Regel ist es ein großer Vorteil für die Bank, aber auch den Kunden, wenn das beratende Institut kein reines Investmenthaus, sondern eine Universalbank ist. Eine Bank, die nicht nur berät, sondern auch über ein eigenes Kreditbuch verfügt, also im Zweifel bei der Finanzierung einer milliardenschweren Übernahme einspringen beziehungsweise Kredite verlängern oder erhöhen kann. Kunden schätzen diesen Rundum-Service, zumal das M&A-Geschäft in den vergangenen Jahren immer internationaler und deshalb für alle Beteiligten komplexer geworden ist.

Verluste ausgleichen

Universalbanken können zudem Verluste zwischen einzelnen Sparten ausgleichen und ihre Risiken stärker streuen, also besser kontrollieren. Zumindest theoretisch. „Das Universalbankensystem hat sich bei uns als sehr stabil erwiesen“, sagt Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. Erst als die Geldhäuser hochkomplexe und undurchsichtige Finanzprodukte sowie Bonussysteme wie in den USA eingeführt hätten, sei es zur Krise gekommen.

Historisch gewachsen

Bankenfachmann Burghof hält „herzlich wenig“ von Gabriels Vorschlägen: „Wir haben in Europa ganz andere Erfahrungen und einen ganz anderen historischen Hintergrund mit unserem Bankensystem als die Amerikaner“, sagt der Wissenschaftler.

Trennbankensystem hätte die Lehman-Pleite nicht verhindert

Die US-Investmentbank Lehman Brothers, deren Zusammenbruch im September 2008 die Finanzkrise dramatisch verschärfte, war ja nichts anderes als eine Trennbank: eine reine Investmentbank ohne Spareinlagen und Firmenkredite. Und wahrscheinlich führte gerade diese Tatsache zu der Entscheidung der US-Regierung unter Präsident George W. Bush, die Bank nicht zu retten, sondern pleitegehen zu lassen.

Andere Situation bei US-Banken

Für die US-Banken wäre die Einführung eines Trennbankensystems immerhin die Rückkehr zu einer von 1933 bis 1999 geübten Praxis. Für europäische Universalbanken hingegen liefe die Zerschlagung in Geschäftsbanken und Investmentbanken auf ein mehr als riskantes Abenteuer hinaus. Denn viele europäische Banken haben gar kein eigenständig lebensfähiges Investment- oder Privatkundengeschäft.

Welle von Übernahmen

Die Folge einer Aufspaltung, so Finanzexperten, wäre eine Welle von Fusionen und Übernahmen. Die Banken, die von der Finanzkrise am stärksten betroffen waren, waren übrigens gerade keine Universalbanken: HRE, IKB, WestLB oder BayernLB. Und schließlich: Ein Trennbankensystem hätte auch nicht die Immobilienblasen in Spanien, Portugal und Irland verhindert. Diese waren vielmehr, wie in den USA, die Folge billigen Zentralbankgeldes.

Universalbanken sind weniger krisenanfällig

Wenn die Krisenjahre etwas bewiesen haben, dann ist es die Überlegenheit des sogenannten Universalbanken-Modells. Wenn man die Bereiche stärker als bisher voneinander abgrenzen will, braucht man eine Bank nicht gleich zu zerschlagen.

Idealbeispiel Deutsche Bank

Bestes Beispiel dafür ist die Deutsche Bank. Sie kam bisher ohne Staatshilfe durch die Krise, weil sie trotz eines dominanten Investment-Bankings schon vor der Übernahme der Postbank in Europa auf zehn Millionen Privatkunden als Gegengewicht bauen konnte. Mit dem Zukauf der Bonner Filialbank und dem Erwerb des privaten Bankhauses Sal. Oppenheim wird zukünftig ein noch stärker ausbalanciertes Geschäftsmodell entstehen.

Modell für „interne Trennung“

Der Wirtschaftswissenschaftler John Vickers hat für die britische Regierung ein Modell entworfen, bei dem die Geldhäuser intern das Privatkundengeschäft und Investment-Banking strikt voneinander abschotten können. Dieses „Ringfencing“ soll dafür sorgen, dass für das Finanzsystem wichtige Funktionen wie der Zahlungsverkehr oder die Sicherheit von Sparkonten nicht leiden, wenn Risikogeschäfte schiefgehen. Deutsche-Bank-Risikovorstand Hugo Bänziger kann sich so ein Modell grundsätzlich vorstellen. Es komme aber auf die konkrete Ausgestaltung an, sagt er.

Banken sind nur so gut oder schlecht wie das Management

Die Gleichung „Investment-Banking ist böse, Kreditbanken sind gut“ hat mit der Realität nichts zu tun. Die Jahre seit der Lehman-Pleite haben nämlich gezeigt, dass es vor allem auf die Risikomanager in den einzelnen Instituten ankommt, damit eine Bank nicht in Schieflage gerät oder vom Staat gerettet werden muss.

Klumpenrisiken sind das Problem

Häuser wie die Düsseldorfer WestLB oder der Mittelstandsfinanzierer IKB wurden vor allem deshalb zu Sanierungsfällen, weil das Management zu stark in den toxischen Subprime-Papieren am US-Immobilienmarkt engagiert war. So handelte man sich in einem eng begrenzten Feld am Kapitalmarkt nicht beherrschbare Klumpenrisiken ein. Diese Konzentration von Risiken ist auch heute wieder aktuell.

Risiken streuen

Banken mit gutem Risikomanagement haben ihre Anlagen über viele Staaten und Asset-Klassen gestreut, sie können Abschreibungen – etwa auf griechische Bonds – besser verdauen als andere Institute. Ein schlechtes Risikomanagement kann alle Geschäftsmodelle treffen. Die lokale Sparkasse Köln-Bonn etwa patzte bei der Vergabe großer Kredite für Renommierprojekte, bei der weltweit agierenden UBS verhagelten Spekulationen eines einzelnen Händlers die Bilanz.

Im Notfall entscheidet sowieso der Soffin

„Keine Bank darf so groß sein, dass sie die Regierung erpressen kann“, sagte Kanzlerin Angela Merkel vor zwei Jahren. Milliardenverluste wie bei der Immobilienbank HRE, die nur mit Hilfe des Staates gerettet werden konnte, sollen nie mehr vorkommen.

Auf die Größe kommt es nicht an

Inzwischen allerdings kommt es bei Rettungsaktionen weder auf die Größe des Instituts noch darauf an, ob es sich um eine Investmentbank oder eine Universalbank handelt. Das zeigt ein Blick in das seit Anfang 2011 geltende Bankenrestrukturierungsgesetz.

Es gibt eine Gesetzes-Regelung

Danach sollen Kapitalhilfen zwar angeschlagenen Instituten wieder auf die Beine helfen. Dabei trennt der Rettungsfonds Soffin in Kooperation mit der Finanzaufsicht Bafin aber zwischen erhaltenswerten, systemrelevanten Bereichen wie dem Kreditgeschäft und nicht systemrelevanten Bereichen wie dem Investment-Banking. Diese können nach dem Gesetz abgespalten und abgewickelt werden.

Geringes Risiko für den Staat

Für den Staat bleibt das Risiko damit schon jetzt möglichst klein. Der Soffin selbst ist auf Nothilfe vorbereitet. Es wurden drei Brückenbanken gegründet, eine ist mit dem nötigen Kapital ausgestattet, um sofort starten zu können. Insgesamt könnten 100 Milliarden Euro Liquiditätsgarantien und 20 Milliarden Euro mobilisiert werden, um Banken zu rekapitalisieren.

Banken wären dem Kapitalmarkt ausgeliefert

Der Kapitalmarkt ist ein wankelmütiger Patron, wie die Finanzkrise gezeigt hat. Banken, die sich allein dort finanzieren, finden nur wenige Kreditgeber und geraten schnell in Liquiditätsnöte – wie jüngst die belgisch-französische Dexia, die ihre langfristigen Darlehen vor allem über kurzfristige Kapitalmarktkredite finanziert hatte.

Schwierige Kreditversorgung

Die Risiken sind auch Profiinvestoren wie Versicherungen, Fonds oder Banken bewusst. Banken, deren einzige Finanzquelle der Kapitalmarkt ist, bekommen deshalb zu eher ungünstigen Konditionen Kredite. Die Kapitalmärkte folgen der Logik: Wer hat (Privatkundeneinlagen), dem wird gegeben (Kapitalmarktkredite). Solche Refinanzierungsthemen sind ein Grund dafür, dass es für Finanzinvestoren derzeit so schwer ist, Banken zu kaufen, die vom Kapitalmarkt abhängig sind.

Trennung macht Produkte teurer

Denn die Märkte halten sowohl die Investoren als auch die Banken für riskant und leihen ihnen ungern Geld. So scheiterte gerade der geplante Kauf der BHF-Bank durch einen Finanzinvestor. Eine Trennung zwischen einlagenfinanzierten Banken und reinen Kapitalmarktbanken würde wohl dazu führen, dass Letztere ihre Produkte teurer anbieten müssten, weil sie sich selbst nur teuer refinanzieren können.

Das soll vor allem die Großbanken disziplinieren, denn die würden bei einem Trennbankensystem besonders hart getroffen. Die Überlegungen stoßen denn auch unter Experten auf ein unterschiedliches Echo. Während Hans-Peter Burghof, Professor für Banken- und Finanzwissenschaft an der Universität Hohenheim, die Überlegungen als „Kochrezepte aus Amerika - an den Bedürfnissen der deutschen Wirtschaft vorbei“ bezeichnete, hält der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, eine Trennbankensystem für „unerlässlich“, wenn man ein stabiles Finanzsystemsystem wolle.

Wie Horn Handelsblatt Online sagte, würde eine solche Neuordnung des Bankenwesens grade die Deutsche Bank empfindlich treffen. Wenn Verflechtungen zwischen Banken und Investment-Banking gekappt würden, dann müsse dies exakt definiert und kontrolliert werden. „Es dürfte dazu führen, dass zum Beispiel die Deutsche Bank einen Großteil ihrer Geschäfte abstoßen müsste; sie würde stark schrumpfen und dies würde die Stabilität des deutschen Finanzsystems erhöhen“, sagte der IMK-Chef. „Nicht auszudenken, was unter den heutigen Umständen bei einer Schieflage der Deutschen Bank an Belastungen auf den deutschen Steuerzahler zukäme.“ Ein solches Risiko müsse unter allen Umständen durch scharfe Regulierung vermieden werden.

Kommentare (32)

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aruba

18.10.2011, 07:36 Uhr

Guten Tag,.... Geht es nicht eher darum den dummen Kunden vorzugaukeln ein steter Umbruch waere die Loesung. Erst krempeln sie einen Schlangenbeschwoerer aus Hinterasien in den Vorstand;.... und dann ist ploetzlich das Investment vom Private zu trennen. Die ganze Volksverdummung habe Ich bei Fortis und bei Dexia ( beide den Bach runter,.. dem Teufel sei gedankt ) erlebt. Waere es nicht besser sich auf Michwirtschaft Ackerbau und Fiehzucht oder Kleinkunst zu verlegen. Laecherlicher, als das dauernde Rumgerede und Geschwafel geht nun wirklich nicht. Besten Dank

ortho

18.10.2011, 08:08 Uhr

Wie peinlich: FIEHzucht - VIEHzucht! Irgendwo müssen die 30 Mio. Analphasis ja sein in D. Vor 30 Jahren sollen es noch 3 Mio. gewesen sein. iPhone-Gaffing tut sein Übriges hierzu.

KaburKabari

18.10.2011, 08:16 Uhr

Schlussendlich und ob es irgend einer der Beteiligten gefällt oder nicht, stehen wir vor der Frage, ob wir die systemisch und strategische Wirtschaftskriminalität, die sich in der ehemaligen Bank- und Finanzwirtschaft etabliert hat liquidieren oder ob wir unser gesamtes Gesellschaftssystem inkl. der wirtschaftlichen, politischen und juristischen Grundlagen von den heutigen Finanzspekulations- und -anlagenbetrugsmafioso liquidieren lassen wollen.

Geiz ist leider nicht nur geil. Geiz ist auch und vor allen Dingen eine der grundlegenden Seiten menschlicher Kurzsichtigkeit und Dummheit, so wie sie ja bei allen Formen der Sucht, der Gier und des materialistischen Fanatismus unübersehbar ist.

Die Zerschlagung der modernen Finanzspekulations- und -anlagenbetrugwirtschaft, dass in Deutschland hinter dem Desinformationsbegriff "Neue Soziale Marktwirtschaft" verborgen werden soll, ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Wiederherstellung unseres einstigen Rechtsstaates, der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, einer tatsächlich funktionierenden parlamentarischen Demokratie und einer Wirtschaft, die in der Lage ist neue Vermögen zu erzeugen, so wie es von Walter Eucken, Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard einst konzipiert und dokumentiert worden war.
Teil II folgt.

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