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24.06.2011

11:59 Uhr

Trichet-Nachfolge

Draghi offiziell zum künftigen EZB-Chef bestimmt

Zuvor hatte es einen Postenstreit zwischen Frankreich und Italien gegeben. EZB- Vize Bini Smaghi machte schließlich den Weg für Draghi, indem er seinen bisherigen Posten räumt.

Der zukünftige EZB-Chef Mario Draghi. Quelle: Reuters

Der zukünftige EZB-Chef Mario Draghi.

BrüsselDie EU-Staats- und Regierungschefs haben den italienischen Notenbankchef Mario Draghi zum neuen Präsidenten der Europäischen Zentralbank bestimmt. „Der Europäische Rat hat sich gerade über die Ernennung geeinigt“, teilte EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy am Freitag beim EU-Gipfel in Brüssel mit. Draghi löst den Franzosen Jean-Claude Trichet zum 1. November an der Spitze der Zentralbank ab.

In letzter Minute gab es noch Streit zwischen Frankreich und Italien um die prestigeträchtigen Posten im EZB-Direktorium: Italien hätte mit dem Einzug Draghis zwei der sechs Stellen besetzt, da die Amtszeit von Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi erst in zwei Jahren endet.

Präsident Nicolas Sarkozy und Ministerpräsident Silvio Berlusconi hatten ausgemacht, dass Italien für einen Vertreter Frankreichs Platz machen würde. Bini Smaghi hatte sich zunächst geweigert zu gehen, solange er keinen alternativen Posten in Aussicht hatte. Am Freitag habe er sich gegenüber EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy aber zum Rückzug bereit erklärt, sagten EU-Diplomaten.

Was für und was gegen Draghi spricht

Pro: Werdegang

Draghis Fachkompetenz in Sachen Geld- und Währungspolitik steht nach Jahren an der Spitze der italienischen Notenbank außer Frage. Sein Lebenslauf hat aber noch mehr zu bieten. Er hat in Florenz als Professor für Finanzwissenschaften gelehrt, war von 1984 bis 1990 bei der Weltbank in Washington und wurde nach der Rückkehr oberster Beamter im Finanzministerium in Rom. Dort diente er unter fünf Ministern, trieb die Privatisierung vieler Staatsbetriebe voran, ebenso die Sanierung des Haushalts. Auch Draghis Arbeit hat es Italien zu verdanken, dass es 1999 überhaupt Gründungsmitglied der Währungsunion werden konnte.

Pro: Vorsitz in wichtigem Finanz-Gremium

Damit der Lorbeeren für den Römer nicht genug. Die Staats- und Regierungschefs der G20-Länder beauftragten ihn in der Finanzkrise als Vorsitzenden des Financial Stability Boards mit der Reform der Regeln für das globale Finanzwesen. Auch deshalb wählte die Fachpublikation Financial News Draghi 2010 zur zweiteinflussreichsten Person in Europas Finanzbranche - nach Deutsche-Bank-Investmentchef Anshu Jain, aber klar vor Trichet.

Pro: Arbeitstier

Draghi ist ein völlig anderer Typ als jene Zentralbanker, die über Jahrzehnte wie Patriarchen im Palazzo Koch an der Via Nazionale in Rom residierten. Er kungelt anders als viele seiner Vorgänger nicht mit der Politik, gilt als absolutes Arbeitstier und Freund der leisen Töne. Und er denkt und redet ganz im Sinne der deutschen Stabilitätskultur in Gelddingen. „Wir müssen alle dem Beispiel Deutschlands folgen“, sagte er. Und er hat Fans im traditionell besonders stark auf stabile Preise ausgerichteten Deutschland: Ex-Finanzminister Peer Steinbrück kennt Draghi als „immer sehr souverän, sehr ruhig und fachlich exzellent“.

Contra: Tätigkeit bei Goldman Sachs

So wenig Zweifel es an der fachlichen Eignung Draghis für den Job als oberster Währungshüter gibt, so groß sind die moralischen Einwände gegen ihn. Seinem ehemaligen Arbeitgeber Goldman Sachs wird vorgeworfen, Griechenland beim Verschleiern des enormen Haushaltsdefizits geholfen zu haben.

Nur mit solchen Tricks konnte das Land überhaupt der Währungsunion beitreten, die nach Bekanntwerden der wahren Schuldenprobleme in Athen in ihre bislang schwerste Krise geriet und gegen die auch der neue EZB-Chef ankämpfen muss. Draghi war von 2002 bis 2005 Vize-Verwaltungsratschef der Investmentbank in London. „Ich habe nicht einen einzigen Deal mit Regierungen gemacht“, betont Draghi. Ein Fehlverhalten konnte ihm nicht nachgewiesen werden, doch es bleibt für viele Kritiker ein Beigeschmack.

Contra: Nationalität

Vorbehalte gibt es auch wegen seiner Nationalität. Mit dem Portugiesen Vitor Constancio ist gerade erst ein Vertreter eines hoch verschuldeten Euro-Krisenlandes zum EZB-Vizepräsidenten ernannt worden. Italien hat nach Griechenland den höchsten Schuldenberg aller Euro-Länder, gemessen am Bruttoinlandsprodukt.

Draghi war in den neunziger Jahren Chef des italienischen Schatzamtes. Würde eine italienisch-portugiesische Doppelspitze harte Maßnahmen wie den Ausstieg aus den milliardenschweren Krisenhilfen oder eine kräftige Anhebung der Leitzinsen im Kampf gegen die Inflation durchsetzen, auch wenn gerade ihre Heimatländer wirtschaftlich leiden würden?

Contra: Zweifel an Stabilitätswillen

Misstrauen schlägt Draghi auch entgegen, ob er einen so strikten Anti-Inflationskurs fahren würde wie man es einem deutschen Kandidaten qua Herkunft zutraut. „Mamma mia. Bei den Italienern gehört Inflation zum Leben wie Tomatensoße zur Pasta!“, spitzt die „Bild“-Zeitung die Vorbehalte jüngst zu.

Frankreich besteht wie alle großen Länder darauf, in dem Spitzengremium dauerhaft vertreten zu sein. Nationale Interessen sollen bei der politisch unabhängigen Zentralbank eigentlich keine Rolle spielen. Doch nach einem ungeschriebenen Gesetz haben Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien einen Anspruch auf dauerhafte Vertretung an der EZB-Spitze. Auf den übrigen beiden Posten dürfen die Zentralbanker aus den kleineren Ländern rotieren. Über die Zinsen entscheiden alle 17 Euro-Staaten im EZB-Rat, dem die nationalen Notenbankpräsidenten neben den sechs Direktoriumsmitgliedern angehören.

Deutschland hatte lange Zeit im Rennen um die Nachfolge Trichets die Nase vorn, verlor mit dem Rückzug Axel Webers vom Amt des Bundesbankpräsidenten im April aber seinen Kandidaten. Der 63-jährige Römer Draghi ist Präsident der Banca d'Italia und gilt als ausgewiesener Fachmann für Geld- und Währungspolitik.

Er hat sich bereits als Chef des von den G20 eingesetzten Financial Stability Boards (FSB) einen Namen gemacht. Das Gremium soll die weltweiten Bemühungen um eine Reform der globalen Finanzmarktarchitektur bündeln. Draghi gilt im EZB-Rat als Zentrist: Er ist weder dem Lager der strikt an Geldwertstabilität orientierten „Falken“ zuzuordnen, noch den im Zweifelsfall eher für eine lockere Zinspolitik eintretenden „Tauben“.

Der designierte EZB-Chef hatte sich bei einer Anhörung im Europäischen Parlament allerdings kritische Fragen zu seiner Vergangenheit als Führungskraft der US-Investmentbank Goldman Sachs anhören müssen. Dem Geldhaus wird vorgeworfen, Griechenland beim Verschleiern des riesigen Haushaltsdefizits geholfen zu haben. Draghi beteuerte, mit diesen „Deals“ nichts zu tun gehabt zu haben. Das Parlament hatte seine Ernennung dennoch unterstützt.

Kommentare (4)

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24.06.2011, 13:06 Uhr

Durch die Arbeit dieses Herrn ist Italien in die Währungsunion aufgenommen worden? Der beherrscht das Bankstertum, und als Sahnehäubchen auch noch gleich den korrupten Griechen zum großen Glück verholfen. Wie eine Krake hat sich Goldman Sachs über die Welt gelegt um den Wohlstand der Bevölkerung abzusaugen. Die diktatorischen Einrichtungen der EU müssen aufgelöst werden bevor es zu spät ist, zum Beispiel wenn Scheuble den Bundeswehreinsatz im Inneren durchgesetzt hat.

Account gelöscht!

24.06.2011, 14:28 Uhr

as expected. draghi, ein top-mann. good choice, fachlich sowieso und exzellent vernetzt. kommt von gs, like me – und von dort kommen nur die besten.

Elisa

24.06.2011, 20:21 Uhr

Mario Draghi

Top-Notenbanker gerät in Strudel der Griechenland-Krise
18.02.2010, 06:57 Uhr

Die Affäre um die langjährige Verschleierung des griechischen Haushaltsdefizits bringt jetzt auch den italienischen Notenbankchef Mario Draghi in Erklärungsnot. Draghi war bei Goldman Sachs zuständig für die Geschäfte mit Staaten - und in seine Amtszeit fällt die mutmaßliche Beteiligung der Investmentbank an undurchsichtigen Finanztransaktionen.
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