Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.08.2015

16:12 Uhr

Tricks bei den Griechenland-Hilfen

Der versteckte Schuldenschnitt

VonNorbert Häring

Umschuldung, Schuldenstreckung, Schuldenerlass? Was für Berlin ein Graus ist, hält der IWF für zwingend. Dennoch sollen sich beide am Hilfspaket beteiligen. Ein unauflösliches Dilemma? Nicht, wenn richtig getrickst wird.

Die deutsche Regierung hat einen Schuldenschnitt eigentlich ausgeschlossen. Kommt er durch die Hintertür? dpa

Tsipras-Double mit Schere

Die deutsche Regierung hat einen Schuldenschnitt eigentlich ausgeschlossen. Kommt er durch die Hintertür?

DüsseldorfBundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble haben sich festgelegt. Ein Schuldenerlass für Griechenland kommt nicht in Frage. So ein Schuldenerlass wäre unangenehm. Er würde unbestreitbar machen, was Kritiker schon lange sagen, dass die Umschuldungen der Vergangenheit nicht hätten stattfinden sollen, weil Griechenland schon lange überschuldet war und absehbar war, dass das Geld nicht zurückfließen würde.

Bei diesen früheren Programmen bekam Griechenland insgesamt 184 Milliarden Euro an Krediten von deutschen und europäischen Steuerzahlern, um Schulden bei Privaten und bei öffentlichen Geldgebern wie dem Internationalen Währungsfonds zu bedienen und so den Offenbarungseid zu vermeiden. Außerdem würde ein Schuldenerlass bedeuten, dass Schäuble die gewährten Kredite teilweise abschreiben und Verluste realisieren müsste, was ihm seine Schwarze Null tiefrot färben würde.

Das schreibt die griechische Presse

Kathimerini

Das Qualitätsblatt „Kathimerini“ berichtet von „hitzigen Debatten und Wortgefechten“ im Parlament. Das Ergebnis sei „richtungsweisend, aber unsicher“. In der Vergangenheit hatte sich die Zeitung klar für die Reformmaßnahmen ausgesprochen.

H Avgi

Überraschend defensiv äußerte sich „H Avgi“, das Sprachrohr der regierenden Syriza-Partei. „Es wird am 20. August ein Vertrauensvotum geben.“ Die Zeitung berichtet offen von den Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Partei und zitiert Panagiotis Lafazanis mit den Worten: „Ich weiß nicht, ob mir die Regierung leid tun soll oder ob ich mich schämen muss.“

Ethnos

Die Boulevardzeitung „Ethnos“ wartet auf ihrem Online-Auftritt mit einem Großporträt von Wolfgang Schäuble auf. „Ich glaube, dass wir eine gemeinsame Lösung finden werden“, wird der Finanzminister zitiert.

Efimerida ton Syntakton

Die linksgerichtete Zeitung „Efimerida ton Syntakton“ spricht offen von einer „Spaltung“ der regierenden Partei Syriza und erläutert mögliche Szenarien für die Zukunft.

Ta Nea

„Syriza gegen Syriza“ titelt die Zeitung „Ta Nea“ auf ihrer Online-Seite. Die Diskussionen im Parlament seien eine „Late-Night-Show“ gewesen – eine Anspielung auf die ungewöhnliche Uhrzeit mitten in der Nacht.

Doch der IWF sperrt sich gegen eine Teilnahme am neuen Umschuldungsprogramm für Athen, weil offensichtlich ist, dass Griechenland ohne Schuldenerleichterung seine Schuldenlast nicht tragen kann. Mit dem neuen Programm wächst der Schuldenstand der griechischen Regierung auf 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der IWF prüfe „die Gewährung zusätzlicher Finanzierungen“, sobald die Regierung in Athen dafür erforderliche Reformmaßnahmen beschließe und außerdem „Maßnahmen zur Schuldenerleichterungen ergriffen" worden seien, erklärte die Leiterin der IWF-Mission in Athen, Delia Velculescu.

Ohne den IWF aber will Berlin nicht mitmachen. „Aus unserer Sicht ist vor allem wichtig, dass der IWF an Bord bleibt“, sagte Schäubles Finanzstaatssekretär Jens Spahn (CDU). Ein unauflösliches Dilemma – Schuldenschnitt ausgeschlossen, ohne Schuldenerleichterung keine IWF-Beteiligung, ohne IWF-Beteiligung keine deutsche Beteiligung?

Schuldenschnitt, Schuldenerlass, Schuldenerleichterung – die Begriffe der Krise

Schuldenerleicherung

Wird oft als Oberbegriff für eine tragbarere Gestaltung der Schuldenlast verwendet, beispielsweise durch Zinsreduzierung. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) spricht in seinen Griechenland-Forderungen bisher immer von Schuldenerleichterungen („debt relief“).

Freiwilliger Forderungsverzicht

Gläubiger vereinbaren mit dem Schuldnerland, dass sie teilweise oder vollständig auf die Rückzahlung ihrer Forderungen verzichten. Im März 2012 verzichteten überwiegend private Gläubiger „freiwillig“ auf rund die Hälfte ihrer Forderungen – als Teil eines umfassenden Hilfsprogramms von Euroländern und IWF.

Schuldenschnitt

Wenn ein Staat so viel Schulden aufgehäuft hat, dass er sie nicht mehr zurückzahlen kann und auch das Geld für Zinszahlungen fehlt, dann versucht er zu erreichen, dass seine Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes verzichten. Das nennt man Schuldenschnitt und es ist die für die Gläubiger – außer dem offiziellen Zahlungsausfall – härteste Maßnahme. Für das Schuldnerland schafft es dagegen finanzielle Spielräume. Allerdings wächst auch das Misstrauen, dem Staat künftig noch einmal Geld zu leihen.

Haircut

Fachjargon für Schuldenschnitt. Bedeutet, dass die Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen an ein Krisenland verzichten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte jedoch wiederholt: „Ein Haircut kommt nicht infrage. Das ist ein Bailout innerhalb der Währungsunion, und das ist verboten.“ Mit Bailout ist die Übernahme von Schulden eines Eurolandes durch die anderen Mitglieder gemeint. Weil die europäischen Verträge dies verbieten, hat dies der jüngste Euro-Gipfel zu Griechenland im Juli auch nochmals bekräftigt.

Schuldenerlass

Anderer Begriff für Schuldenschnitt. Gläubiger und Schuldner treffen eine Vereinbarung über eine teilweise oder gänzliche Löschung der Schulden.

Umschuldung

Auch bei einer Umschuldung verlieren Gläubiger unter dem Strich Geld – allerdings nicht auf einen Schlag. So kann die Rückzahlung des geliehenen Geldes über einen längeren Zeitraum, sprich Jahre oder Jahrzehnte gestreckt werden, oftmals werden auch niedrigere Zinsen vereinbart. Je länger die Rückzahlung gestreckt wird, desto stärker kann die Inflation allerdings am Wert des Geldes nagen.

Nicht ganz. Denn es gibt immer noch die Möglichkeit, mit Tricksen weiterzumachen. Anstatt die Überschuldung Griechenlands einzuräumen und einen teilweisen Schuldenerlass zu gewähren, kann man auch weiter so tun, als würde man das ganze Geld irgendwann zurückbekommen.

Damit das nicht auffliegt, muss man Griechenland ermöglichen, den Schuldendienst zu leisten. Dafür müssten die Zinsen gesenkt und die Tilgung weit in die Zukunft verschoben werden. Dann fallen jährlich auch nur kleine Zins- und Tilgungszahlungen an. Der finanzielle Effekt für den Staatshaushalt ist der Gleiche. Es fließt weniger Geld zurück als bei Vertragsabschluss vereinbart. Aber politisch ist es viel angenehmer und die Verluste wirken sich haushaltsmäßig erst sehr weit in der Zukunft aus.

Kommentare (26)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Werner Wilhelm

14.08.2015, 16:26 Uhr

Ich denke das ist eine sehr gute Lösung. Die Forderungen bleiben in voller Höhe in den Büchern stehen und man kann dann zu Recht sagen, man hätte keinen Cent verloren. Die Griechen sind dann erstmal von allen Zins- und Tilgungsraten befreit und stehen damit quasi erstmal schuldenfrei da. Und der IWF macht wieder mit.

Herr Fiedel Nilats

14.08.2015, 16:35 Uhr

Was soll denn dieser saublöde Artikel?
Es ist doch längst bekannt was gespielt wird.
Das Handelsblatt entwickelt sich zum Sprachroht der Bankgster- Finanz- und Politkaste.
Das sind bereits Demütungen, die hier zu Papier gebracht werden; mit so einem Bullshit
provoziert man eine blutige Nase oder ein brennendes Verwaltungsgebäude, Ihr Nachtwächter.

Account gelöscht!

14.08.2015, 16:36 Uhr

Wenn mir jemand 100.000 € schuldet, ich Ihm davon 50 % erlasse, schulden er/sie mir (leider) nur noch 50.000 €. Wenn ich aber meinen Titel durchdrücke (und an meine Nachkommen weitergebe), halte die sich auch zur Not an seinen/ihren Erben mit 100.000 €. Irgendwann kommt da bestimmt mal jemand wieder zu Geld. Was ist jetzt besser ?

Möglichkeiten von Moskau-Inkasso seien hier nicht weiter erörtert. Und Staaten bzw. Länder gibt es auch 1000en von Jahren noch. GRE wird also auch noch im Jahre 5000 auf unserm Planeten zu finden sein.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×