Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.09.2012

06:58 Uhr

Trostloses Irland

Musterknabe auf Abwegen

VonMathias Brüggmann

Irland gilt den Euro-Krisenstaaten als Vorbild. Doch auf der Insel ist längst nicht alles im grünen Bereich. Das Haushaltsdefizit erfüllt erst 2015 die Maastricht-Kriterien. Und die Konjunktur leidet unter dem Sparzwang.

Unter den EU-Schuldenstaaten gilt Irland als Musterschüler - doch die Probleme sind auch hier erdrückend. Reuters

Unter den EU-Schuldenstaaten gilt Irland als Musterschüler - doch die Probleme sind auch hier erdrückend.

DublinDie modernen Ruinen des plötzlich zerstobenen Booms sind in Dublin gleich hinter dem imposanten neuen International Financial Services Center zu besichtigen: Wie so manche irische Ghosttowns, die in den Jahren des Aufstiegs zum „keltischen Tiger“ hochgezogen, dann aber seit dem Platzen der Immobilienblase nie bezogen wurden - reckt sich der Leerstand hinter futuristischen Fassaden aus Beton und viel grünem Glas in die dichten Regenwolken. Die beiden geplanten Läden sind mit weißen Holzverschlägen vernagelt und mit „To let“-Maklerschildern zur Vermietung feilgeboten.

Doch wer sollte dort jemals einkaufen? Die Banker shoppen nicht einmal im CHQ-Building direkt vor den Türmen des neuen Finanzzentrums, einer alten Verladehalle am George's Dock, die zur hippen Mall umgebaut wurde. Und von der nahe gelegenen Sheriff Street sind auch kaum Kunden zu erwarten: Hier sonnen die in der Krise arbeitslos gewordenen Bauarbeiter vor zweistöckigen Reihenhäusern ihre imposanten Tattoos auf den Oberarmen. Kinder schlecken Eis, Hausfrauen keifen sich über die Zäune der handtuchgroßen Gärten an. Und der Chef eines leerstehenden China-Restaurants schreit dem Reporter hinterher, der die Brache fotografiert: „Sie sind doch nicht etwa von der Steuerbehörde?“

Trostloses Irland: Im Sog billiger Kredite in der neuen Euro-Einheitswährung und durch Jobs bei den mit einer Körperschaftsteuer von nur 12,5 Prozent angelockten ausländischen Großkonzernen ist der „keltische Tiger“ hoch gesprungen - und 2010 als Bettvorleger unter dem Euro-Rettungsschirm gelandet. Hoffnungsvolles Irland: Inzwischen ist auf den Straßen ein wahrer Babyboom zu sehen.

Irlands Reformen

Ausgangslage

Irland war als erstes Land der Euro-Zone in die Finanzkrise geraten und hatte sich nur mit einem internationalen Hilfspaket aus dem Strudel befreien können. Zahlreiche Maßnahmen wurden bereits umgesetzt, aber einiges bleibt noch zu tun.

Umgesetzte Maßnahmen

• Senkung der Steuerfreibeträge bei Erbschaften, seit 2009
• Mineralölsteuererhöhungen für Diesel um 5 Cent/Liter, seit 2009 sowie um 4 Cent Benzin und um weitere 2 Cent Diesel, seit 2010
• Übergangsweise Einführung einer Flugverkehrssteuer von 3 Euro pro Fluggast, seit 01.03.2011
• Einführung Kohlenstoffemissionssteuer mit 15 Euro pro Tonne (Dez. 2009) Erhöhung auf 20 Euro ab Mai 2012
• Anpassung der Steuergrenzbeträge, maximalen Einkommensteuersatz von 41% ab 32.800 statt 36.400 Euro
• Senkung Einkommensteuerfreibeträge von 1.830 auf 1.650 Euro, ab 2011
• Anhebung der MwSt. von 21 auf 23%, ab 2012
• Erhöhung Kapitalertragssteuer von 20 auf 30%, ab 2012
• Aufhebung Beitragsbemessungsgrenzen für Sozialversicherungen
• Besteuerung der Boni von Bankangestellten, deren Bank vom irischen Staat gerettet wurde, mit 90%
• Kürzung von Pensionen
• Restrukturierung maroder Banken sogar über Zeitplan (Fusionen, Erneuerung des Managements)
• Senkung der Gehälter im öffentlichen Dienst (5% der ersten 30.000 Euro, 7,5% Teil bis 40.000 Euro und 10% Teil bis 55.000 Euro)
• Erhöhung Tabaksteuer um 25 Cent für 20 Zigaretten, ab 06.12.2011

Geplante Maßnahmen

• Einführung Trinkwasserabgabe i. H. v. etwa 250 bis 400 Euro pro Haushalt, bis 2014
• Staatsdefizit von 2011 bis 2014 um 15 Mrd. Euro senken – 10 Mrd. Euro Ausgabensenkungen/5 Mrd. Euro Einnahmenerhöhungen
• Immobiliensteuer derzeit 100 Euro pro Wohneinheit – geplant Grundsteuer
• Streichung von 6.000 Stellen im öffentlichen Dienst in 2012, Einsparungen von (400 Mio. Euro p.a.)
• Erhöhung des Renteneintrittsalters in 2014 auf 66 Jahre, in 2021 auf 67 Jahre und in 2028 auf 68 Jahr
• Erhöhung der Studiengebühren

Stolze Mütter schieben zumeist gleich Zwei-Sitzer-Kinderwagen durch die Stadt. Sparprogramme wurden bisher stoisch ertragen und die neoliberale Langzeit-Regierungspartei Fianna Fáil Anfang 2011 mit einer Erdrutsch-Niederlage in die Opposition geschickt. Lange Schlangen stehen vor dem Kassenhäuschen für ein neues Puppentheaterstück „Anglo - The Musical“: Zu heißer Musik tanzen hier die Puppen von zwei Ex-Premiers und des Chefs der inzwischen in Abwicklung befindlichen Skandalbank Anglo Irish Bank. Auch Angela Merkel erhebt ihre mahnende Stimme.

Die Iren tragen ihr Schicksal mit schwarzem Humor. „Noch“, wie Beobachter vor den neuen Kürzungsrunden im nächsten Sparhaushalt sorgenvoll hinzufügen. Denn noch sei Irland der Musterknabe unter den kriselnden Euro-Staaten. Der „Posterboy der Reformen“, wie sie hier sagen. Denn seit dem Bail-out, der Zusage der EU und des IWF über 67,5 Milliarden Euro Hilfskredite 2010, hat sich Irland erheblich erholt: War das reale Bruttoinlandsprodukt zwischen Platzen der Banken- und Immobilienblase 2007 und 2010 um 8,2 Prozent gefallen, so „läuft Irlands Wirtschaft heute besser als allgemein bekannt und besser als ihr Ruf ist“, unterstreicht Ralf Lissek, Chef der Deutsch-irischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Dublin.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

ein_Witz

18.09.2012, 08:17 Uhr

43 Prozent seines BIP habe Irland in die Rettung der „verrotteten Banken“, wie Howlin sie nennt, gesteckt. Diese Milliarden drücken so stark, dass der Staat nach IWF-Berechnungen 2013 mit 119,5 Prozent des BIP verschuldet sein werde.

Wurde schon irgendetwas von politischer Seite gemacht, dass es nicht mehr passieren kann? Man lässt die Länder bluten, aber von wirklicher Regulierung keine Spur.

Ingo

18.09.2012, 09:19 Uhr

Trotz aller Probleme sollten wir den Iren Respekt dafür zollen wie sie die Ärmel aufkrempeln, um die Haushaltsmisere zu lösen. Die Club-Med Staaten sollten sich hieran ein Beispiel nehmen anstatt immer neue Forderungen zu stellen.

ratlos

18.09.2012, 09:27 Uhr

Ich habe gesehen, dass der Autor Heiko Schrang vor kurzem 11 Fragen, die alle Deutschen bewegen, in einem Interview beantwortet hat. http://www.macht-steuert-wissen.de/artikel/145/11-fragen-die-die-deutschen-bewegen.php Lesens- und nachdenkenswert!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×