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26.01.2017

12:25 Uhr

Trotz Brexit

Britische Wirtschaft wächst deutlich

Viele Experten vermuteten, dass die britische Wirtschaft nach dem Brexit-Beschluss schwächelt. Doch die aktuellen Zahlen beweisen das Gegenteil. Großbritannien konnte die Erwartungen der Ökonomen sogar übertreffen.

Die britische Wirtschaft wächst weiter. dpa

Finanzdistrikt London

Die britische Wirtschaft wächst weiter.

LondonDie Konjunktur in Großbritannien zeigt trotz des angestrebten Austritts aus der Europäischen Union (EU) keine Anzeichen von Schwäche. Im vierten Quartal 2016 wuchs die Wirtschaftsleistung nach Angaben des nationalen Statistikamts ONS vom Donnerstag um 0,6 Prozent gemessen am Vorquartal. Der Zuwachs liegt sogar etwas über den Erwartungen von Analysten und folgt auf ein Wachstum in gleicher Größenordnung im dritten Quartal.

Befürchtungen, das Brexit-Votum vom vergangenen Sommer könnte die britische Wirtschaft in einen Schockzustand versetzen, haben sich damit bisher nicht bewahrheitet. Das zeigt auch das Wachstumstempo für das Gesamtjahr 2016. Den Statistikern zufolge wuchs die Wirtschaft um 2,0 Prozent. Das war nur etwas weniger als im Vorjahr, als das Plus bei 2,2 Prozent gelegen hatte.

Im Schlussquartal kam das Wachstum fast ausschließlich aus dem in Großbritannien besonders großen Dienstleistungssektor, zu dem die Finanzbranche zählt. Hingegen wuchsen das produzierende Gewerbe und die Bauindustrie kaum. Die Ökonomen von der britischen Denkfabrik Pantheon monierten, das Wachstum sei ebenso wenig ausgewogen wie nachhaltig, da es fast nur auf Privatkonsum basiere.

Großbritanniens Optionen nach dem Brexit

Zollunion

Großbritannien könnte es machen wie die Türkei und der Zollunion beitreten. Dadurch würden die Zölle wegfallen und die Handelsabkommen mit der EU behielten bestand. Andererseits wäre London aber dabei eingeschränkt, eine eigene Handelspolitik zu betreiben, da man sich an den gemeinsamen Zolltarif halten müsste. Ob dies den Briten gefallen würde, bleibt fraglich. Immerhin folgt die Brexit-Entscheidung dem Ruf nach völliger nationaler Souveränität.

Europäischer Wirtschaftsraum (EWR)

Der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) umfasst derzeit 31 Länder. Die teilnehmenden Staaten haben gemeinsame Aufsichtsbehörden, Gerichte und Regeln. Zudem gelten die vier Binnenmarktfreiheiten beim Waren-, Personen-, Dienstleistungen- und Kapitalverkehr. Allerdings will die britische Regierung weder der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes unterliegen noch die Kontrolle über die Immigration abgeben.

Der „Schweizer Weg“

Am liebsten wäre der englischen Regierung wohl ein Modell wie der „Schweizer Weg“. So könnten für die einzelnen Wirtschaftsbereiche maßgeschneiderte Abkommen ausgehandelt werden. Die EU hat allerdings schon durchblicken lassen, eine derartige Lösung abzulehnen.

Freihandelsabkommen

Die wahrscheinlichste Option ist für die Briten wohl ein gesondert ausgehandeltes Freihandelsabkommen, wie es zwischen der Europäischen Union und Kanada (Ceta) vereinbart wurde. Damit würden die Briten ihre durch den Brexit forcierte Unabhängigkeit behalten und könnten spezielle, aber umfassende Handelsbedingungen im Gespräch mit der EU festlegen.

Brexit-Gegner weisen aber darauf hin, dass negative Folgen für die Wirtschaft noch eintreten könnten. So haben die Autohersteller auf der Insel ihre Investitionszusagen wegen des EU-Austritts bereits deutlich heruntergefahren. 2016 sei das Volumen der angekündigten Investitionen um ein Drittel auf 1,66 Milliarden Pfund eingebrochen, teilte der britische Autoverband SMMT am Donnerstag mit.

Verbandschef Mike Hawes warnte daher vor zu eiligen Handelsabkommen im Zusammenhang mit dem geplanten Brexit. Dies könnte zu unreparierbaren Schäden für die britische Autoindustrie führen. Im vergangenen Jahr stieg Produktion im Land zwar um 8,5 Prozent auf 1,72 Millionen Autos und damit auf den höchsten Stand seit 17 Jahren. Indes schwächte sich das Wachstum im zweiten Halbjahr merklich ab.

Mahnende Worte vor zu viel Konjunkturoptimismus kommen auch von Volkswirten des Analysehauses Capital Economics. Der absehbare Anstieg der Inflation - eine Folge steigender Energiepreise und des Absturz des Pfund-Kurses - werde die Kaufkraft der Privathaushalte belasten. Indes dürfte die Pfund-Schwäche die Wettbewerbsfähigkeit der britischen Industrie steigern, weil britische Waren im Ausland tendenziell billiger würden.

Vor dem Brexit-Referendum vom Juni hatten eine große Mehrheit von Ökonomen, die damalige Regierung und die britische Notenbank vor wirtschaftlichen Verwerfungen im Falle eines EU-Austritts gewarnt. Die Befürworter des Brexits sehen sich mit den Wachstumszahlen in ihrer Meinung bestärkt, dass die Warnungen Panikmache seien.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Herr Michael Müller

26.01.2017, 12:01 Uhr

Trotz Brexit oder gerade wegen Brexit?

Italien wird diese Entwicklung mit großem Interesse verfolgen. Durch den Brexit hat der Wert des Pfund verloren und das stärkt die Exporte.

Italien hatte zu Zeiten der Lira auch die Möglichkeit von Währungsabwertungen, was heute nicht mehr möglich ist. Bei einem Itaexit wäre Italien wieder in der Lage die eigene Wirtschaft durch Abwertungen zu stützen. Daher ist das Britische Wirtschaftswachstum die beste Werbung für einen Itaexit und ein Ende des Euro, genauso wie es schon einige Nobelpreisträger lange vorhersahen.

Herr Alessandro Grande

26.01.2017, 12:22 Uhr

Welch netter BEWEIS, dass die EU ein Hemmschuh ist und befreit von sinnlosen Kosten und Merkels Tonvorgabe bei gleichzeitiger Beteiligung an den Kosten für deren Schwachsinn ein Land endlich wieder aufatmen kann. Hoffentlich folgen viele weitere Länder, damit die niemals funktionierende Gemeinschaft der politischen Schwachköfe und Ineffizienz sowie einen senilen Notenbänker endlich aufhört!!!

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