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11.07.2015

12:39 Uhr

Trotz Griechenland-Krise

Gabriel reist nach China

China ist Deutschlands drittwichtigster Handelspartner – wohl auch deshalb reist Wirtschaftsminister Gabriel in diesen Tagen nicht nach Griechenland, sondern Fernost. Doch die Krise bleibt auch hier nicht außen vor.

Der Handel zwischen Deutschland und China nimmt zu – insgesamt wurden 2014 Waren im Wert von 154 Milliarden Euro ausgetauscht. dpa

Zunehmender Handel

Der Handel zwischen Deutschland und China nimmt zu – insgesamt wurden 2014 Waren im Wert von 154 Milliarden Euro ausgetauscht.

BerlinBundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) will trotz der Griechenland-Turbulenzen am Montag auf große Reise gehen. Allerdings – die Irrungen und Wirrungen um das südeuropäische Sorgenkind der Euro-Zone haben den Vizekanzler und SPD-Chef dazu veranlasst, seine Reisepläne kräftig zusammenzustreichen. Den ursprünglich geplanten ersten Stopp im zentralasiatischen Kasachstan lässt er nun ganz aus und fliegt direkt nach Peking. Und nicht erst am kommenden Freitag, sondern schon zwei Tage früher will er wieder zurück nach Berlin reisen. Dort könnte Mitte der Woche die Bundestagsentscheidung anstehen, ob die Euro-Partner mit Griechenland in konkrete Verhandlungen über ein neues Multimilliarden-Hilfsprogramm einsteigen sollen.

Ein ruhiges Ziel gemessen an all den Nervositäten um Griechenland hat sich Gabriel mit China nicht ausgesucht. Gerade erst hat ein Börsencrash mit Kursrückgängen um fast ein Drittel innerhalb von drei Wochen die Finanzmärkte und viele in der Volksrepublik aktive deutsche Unternehmen verunsichert. Abseits dessen wachsen seit längerem die Zweifel an der Solidität der bisherigen weltwirtschaftlichen Wachstumslokomotive Nummer eins, die im Tempo zuletzt deutlich nachgelassen hat. Und nach wie vor begibt sich jeder Besucher auf ein Minenfeld, wenn er sich auch um Menschenrechts- und Demokratiemängel kümmert. Das erfuhr Gabriel bei seinem letzten Besuch im April 2014. Ein Treffen mit chinesischen Regierungskritikern, die ihm ihre Sicht der Dinge schildern wollten, kam nicht wie geplant zustande, was Gabriel seinerzeit erheblich irritierte.

Leitartikel zu Chinas Aktienmärkten: Staatliche Börsenblase

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Die Regierung in Peking sollte den Märkten freien Lauf lassen. Doch anstatt riskante Spekulationen zu unterbinden, gibt die Regierung den Zockern wieder mehr Freiheiten – ein gefährlicher Kurs.

Wirtschaftlich bleibt China abseits all dessen für die deutsche Wirtschaft ein Gigant. Mit einem Warenaustausch von 154 Milliarden Euro war die Volksrepublik im vergangenen Jahr Deutschlands drittwichtigster Handelspartner – hinter Frankreich und den Niederlanden. Bei den Einfuhren rangierte das Land gar auf Rang zwei – nur übertroffen von den Niederlanden – bei den Exporten auf Rang vier. Dabei standen sowohl hinter den Im-, wie auch den Exporten deutliche Pluszeichen, was das Gewicht der chinesischen Partner für die deutschen Unternehmen noch erhöht. Denn die haben andernorts momentan mit vielen Erschwernissen zu kämpfen, wie Geschäftseinbrüchen durch die Russland-Sanktionen.

Wie stark der Einfluss des asiatischen Goliaths auf die deutsche Wirtschaft ist, zeigt die jüngste Entwicklung. Die drastischen Kursverluste an der Börse in Shanghai lösten bei den sonst so selbstbewussten deutschen Autobauern Nervosität aus. Es geht schließlich um den weltgrößten Automarkt. Wegen der Kursverluste droht vielen Privatanlegern in China das Geld knapp zu werden, um sich weiter schicke und teure Importlimousinen aus Deutschland kaufen zu können. Das kann BMW, Mercedes-Benz, Audi und Volkswagen nicht egal sein und ruft daher Sorgenfalten hervor.

Chinesische Großinvestitionen in Ost- und Südosteuropa

Serbien:

Bisher zwei Milliarden Euro zugesagt für Kraftwerke und Autobahnen. Weitere realisierte und geplante Investitionen Pekings sind:

Ungarn und Serbien:

Vertrag zum Neubau der 350 Kilometer langen Eisenbahnstrecke Budapest-Belgrad unterzeichnet. Investition: zwei Milliarden Euro

Bosnien-Herzegowina:

Verhandelt wird über Erweiterung des Kraftwerks in Tuzla für rund 750 Millionen Euro. Neubau des Kraftwerks Stanari für 500 Millionen Euro weit fortgeschritten

Montenegro:

Erste Autobahn in Richtung Norden über 42 Kilometer wird von China gebaut und mit knapp 690 Millionen Euro finanziert.

Mazedonien:

China baut seit Frühjahr 57 Kilometer Autobahn im Westen des Landes für 375 Millionen Euro.

Bulgarien:

Chinesische Fabrik zur Automontage in Lowetsch für knapp 100 Millionen Euro.

Tschechien:

Chinesisches Energieunternehmen CEFC will mit 680 Millionen Euro bei Investmentgruppe J&T einsteigen, die in den Bereichen Energie, Bergbau und Finanzen tätig ist.

Griechenland:

Chinesische COSCO-Reederei hat 60 Prozent des Hafens von Piräus gepachtet.

Rumänien:

Das Land hofft auf Ausbau des Atomkraftwerks Cernavoda durch China.

Zudem könnte Gabriel auch in Peking die Griechenland-Krise einholen. Schließlich sind die Chinesen mit ihren exorbitanten Devisenreserven einer der Investoren, die fleißig Anleihen der Euro-Rettungsfonds gekauft haben und kaufen. Damit halfen und helfen sie finanziell bei der Rettung von Euro-Krisenländern.

Eigentlich wollte Gabriel bei seinem Besuch aber etwas ganz anderes im Vordergrund rücken: Industrie 4.0. Bei der digitalen Vernetzung der Industrie via Internet wollen sich beide Länder technologisch an die Spitze der Entwicklung setzen und damit neue Zukunftschancen sichern. Was liegt da näher, als sich beim Konkurrenten zu informieren und nach Möglichkeiten zu suchen, was man gemeinsam machen kann.

Von

rtr

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