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09.04.2013

13:33 Uhr

Trotz Kriegsdrohungen

EU-Diplomaten bleiben in Nordkorea

Kim Jong Un schließt den Industriekomplex Kaesong und rät Ausländern, Südkorea zu verlassen. Japan hat auf Kims Säbelrasseln reagiert und seine Raketenabwehr aktiviert. Die EU-Länder lassen sich nicht einschüchtern.

Mitten in Tokio

Japan stationiert Patriot-Raketen

Mitten in Tokio: Japan stationiert Patriot-Raketen

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SeoulNach seinen Kriegsdrohungen hat Nordkorea allen in Südkorea lebenden Ausländern das Verlassen des Landes nahegelegt. „Wir wollen, dass den Ausländern in Südkorea im Falle eines Kriegs nichts passiert“, hieß es am Dienstag in einer Erklärung des Asien-Pazifik-Friedenskomitees in Pjöngjang. Alle ausländischen Organisationen, Unternehmen und Touristen sollten sich über Schutzräume informieren und Pläne zur Abreise zurechtlegen, wurde ein Sprecher des Komitees von den Staatsmedien zitiert.

Bereits vor Tagen hat das nordkoreanische Regime die Diplomaten in Pjöngjang aufgefordert, das Land zu verlassen. Doch die sieben EU-Staaten mit Botschaften in Nordkorea, darunter auch Deutschland, werden ihre Diplomaten nicht aus Nordkorea abziehen. Dies sagte ein EU-Diplomat am Dienstag in Brüssel. Neben Deutschland planten auch Bulgarien, Großbritannien, Polen, Rumänien, Tschechien und Schweden „derzeit keine Evakuierung der Botschaften“. Es gebe keine Anzeichen für erhöhte militärische Aktivität in Pjöngjang.

Die Sonderwirtschaftszone Kaesong

Was ist Kaesong?

Kaesong trägt die offizielle Bezeichnung Spezielle industrielle Verwaltungsregion Nordkoreas. Mit den dort angesiedelten südkoreanischen Unternehmen fungiert der Industriekomplex als gemeinsame Wirtschaftsentwicklungszone. Die Unternehmen aus dem Süden zog es vor allem wegen billiger und qualifizierter Arbeitskräfte dort hin.

Wie kam es zur Gründung von Kaesong?

Kaesong ist ein Ergebnis der sogenannten Sonnenscheinpolitik Südkoreas - der zwischen 1998 und 2008 betriebenen interkoreanischen Aussöhnung. Diese Politik zielte darauf ab, die Kontakte zwischen beiden Staaten zu beleben. Seit seiner Gründung 2004 ist der Industriekomplex das einzige Überbleibsel der Zusammenarbeit zwischen Nord und Süd, nachdem die offiziellen Beziehungen seit 2010 auf Eis liegen.

Wo liegt Kaesong?

Die Sonderwirtschaftszone liegt in Nordkorea, zehn Kilometer von der Grenze zum Süden entfernt. Es gibt eine direkte Straßen- sowie Zugverbindung in den Süden. Insgesamt hunderte Arbeiter und Manager aus Südkorea überqueren täglich den nach Kaesong führenden Grenzposten. Ihre Namen werden den nordkoreanischen Behörden im Vorfeld übermittelt, diese geben dann grünes Licht für die Einreise.

Wer arbeitet in Kaesong?

Aktuell sind in Kaesong 123 südkoreanische Unternehmen tätig, die meisten davon stammen aus der Textil-, der Elektronik- und der Chemiebranche. Beschäftigt sind mehr als 53.000 nordkoreanische Arbeitskräfte sowie knapp 900 Südkoreaner im Managementbereich.

Wie erfolgreich war Kaesong bislang?

Südkoreanische Unternehmen investierten insgesamt 850 Millionen Dollar (664 Millionen Euro) in die Zone. Nach einem zunächst schleppenden Start meldete Kaesong erstmals 2011 einen Gewinn. Für 2012 wurde ein Umsatz von 469,5 Millionen Dollar vermeldet, für den Zeitraum seit 2004 wird der Wert mit 1,98 Milliarden Dollar angegeben.

Warum ist Kaesong so wichtig für Nordkorea?

Kaesong ist eine wichtige Quelle für ausländische Devisen für Pjöngjang. Die dort beschäftigten Nordkoreaner verdienen im Monat im Schnitt 144 Dollar. 2012 verlangte Nordkorea von acht der dort vertretenen Firmen Steuerzahlungen in Höhe von 160.000 Dollar.

Allerdings hat Nordkorea am Dienstag seine Ankündigung wahr gemacht und seine rund 53.000 Arbeiter nicht in der gemeinsam mit Südkorea betriebenen Wirtschaftszone Kaesong zur Arbeit erscheinen lassen. Das teilten südkoreanische Manager in Kaesong mit. So ruht die Arbeit dort zum ersten Mal seit die Sonderwirtschaftszone 2004 eingerichtet wurde. Einen entsprechenden Schritt hatte die Führung in Pjöngjang am Vortag angekündigt. Damit ist auch die letzte Verbindung zum Süden vorerst gekappt.

Nordkorea-Expertin: „Kim braucht Kaesong“

Nordkorea-Expertin

„Kim braucht Kaesong“

Der Korea-Konflikt schwelt seit Wochen. Dabei ist es unwahrscheinlich, dass Nordkorea einen Krieg will. Die Provokationen sollen vor allem die Macht von Kim Jong Un festigen – damit er später Reformen durchsetzen kann.

Die südkoreanische Präsidentin Park Geun Hye sagte, sie sei über den Stopp der Produktion in Kaesong „sehr enttäuscht“. In einer Kabinettssitzung warf sie Pjöngjang ein „falsches Verhalten“ vor, mit dem sich die kommunistische Regierung letztlich nur um eine Chance bringe, ausländische Investitionen ins Land zu holen. Einige der in Kaesong verbliebenen mehreren hundert südkoreanischen Manager berichteten, sie wollten vorerst in ihren Fabriken bleiben, um auf deren Maschinen und Geräte aufzupassen. Allerdings würden bereits die Lebensmittel knapp. „Wir bleiben hier, bis uns die Ramen (Nudelsuppe) ausgeht“, sagte einer der Südkoreaner in Kaesong am Dienstagmorgen. Die Einreise nach Kaesong war für Südkoreaner bereits in der vergangenen Woche gesperrt worden. Auch konnten keine Rohstoffe mehr angeliefert werden.

Vertreter von in Kaesong engagierten südkoreanischen Unternehmen riefen Nordkorea in einer Krisensitzung auf, die Wirtschaftszone wieder zu öffnen. Sie hofften, bald eine Delegation nach Kaesong senden zu können. Die eigene Regierung forderten sie auf, eine „wohl überlegte, umarmende Haltung“ einzunehmen und zu helfen, Kaesong wieder zu öffnen. Park wurde allerdings mit den Worten zitiert, sie sei des „endlosen Teufelskreises“ müde, in dem auf feindliches Verhalten mit Kompromissen geantwortet werde, auf das nur noch mehr feindliches Verhalten folge.

Im Industriekomplex Kaesong arbeiteten die rund 53.000 nordkoreanischen Arbeiter für südkoreanische Firmen. Auf dem Gelände innerhalb Nordkoreas befinden sich noch knapp 500 südkoreanische Arbeiter. Nordkorea hatte in der vergangenen Woche damit begonnen, Südkoreaner nicht mehr in das Gebiet einzulassen.

Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel eskalieren seit einem Atomtest Nordkoreas Ende Februar und der Drohung der kommunistischen Führung mit einem Atomschlag gegen die USA. Experten rechnen in Kürze wieder mit einem Atom- oder Raketentest. Die USA haben mit der Verlegung von Kampfflugzeugen und Kriegsschiffen in die Region reagiert.

Die wichtigsten Fragen zu den Provokationen von Nordkorea

Wann ist rote Linie für Südkorea überschritten?

Militärisch dürfte das der Fall sein, wenn Nordkorea das Nachbarland mit Waffengewalt provozieren sollte. Südkoreas Präsidentin Park Geun Hye hat die Streitkräfte angewiesen, „ohne Rücksicht auf politische Erwägungen“ auf Provokationen des Nordens prompt und strikt zu reagieren. Sie wolle sich dabei ganz auf das Urteilsvermögen des Militärs verlassen.

Wo könnte es zur militärischen Konfrontation kommen?

Als Spannungsgebiet gilt etwa die umstrittene Seegrenze im Gelben Meer, wo es schon in den vergangenen Jahren zu Gefechten zwischen Kriegsbooten beider Länder gekommen ist. Auch an der schwer bewachten Landesgrenze kam es seit dem Ende des Korea-Kriegs (1950-53) immer wieder zu Zwischenfällen. Als denkbare Auslöser einer militärischen Konfrontation gelten das Eindringen nordkoreanischer Marineschiffe in die von Südkorea beanspruchten Gewässer oder etwa der Aufmarsch nordkoreanischer Soldaten in der sogenannten gemeinsamen Sicherheitszone im Waffenstillstandsort Panmunjom an der Grenze.

Wann ist die rote Linie für Nordkorea überschritten?

Das ist schwer zu sagen. Das Land hat bereits den „Kriegszustand“ im Verhältnis zu Südkorea ausgerufen. Ein Angriffsbefehl blieb bisher aus. Das Regime erklärte angesichts laufender südkoreanisch-amerikanischer Militärübungen, man werde im Falle einer Provokation sofort zurückschlagen. Die Raketeneinheiten seien in ständiger Bereitschaftsstellung. Als Ziele wurden das US-Festland, amerikanische Militärstützpunkte in Hawaii und Guam sowie in Südkorea genannt. Auch drohte Nordkorea mit einem atomaren Präventivschlag.

Was kann passieren, wenn die Spannungen sich verschärfen?

Die größte Sorge ist, dass ein lokal begrenzter militärischer Zwischenfall sehr schnell zu einem Krieg in der Region eskalieren könnte. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist heute höher als noch vor einigen Jahren. So warnt etwa die Konfliktforschungsorganisation International Crisis Group: „Nordkorea hat zuletzt eine Reihe von Schritten unternommen, die das Risiko von Fehleinschätzungen, unbeabsichtigter Eskalation und eines tödlichen Konflikts erhöhen.“

Wie wird die militärische Stärke Nordkoreas eingeschätzt?

Nordkorea verfügt nach Ansicht von Experten nicht über die technischen Mittel, das US-Festland mit Langstreckenraketen anzugreifen. Doch ein Angriff mit Mittelstreckenraketen etwa auf die US-Truppen in Südkorea oder Militärstützpunkte in Japan läge durchaus im Bereich des Möglichen. Ferner kann das Land mit seinen Raketen Ziele in ganz Südkorea erreichen. Als besonders gefährdet gilt dabei die Millionenmetropole Seoul, die nur etwa 50 Kilometer von der Grenze entfernt und damit in Reichweite Tausender von nordkoreanischen Artilleriegeschützen liegt.

Wie groß ist der Einfluss Chinas?

Er wird zunehmend kleiner. Trotz der historischen Freundschaft sehen Experten eine spürbare Entfremdung. China ist frustriert, dass Nordkorea seine politische und wirtschaftliche Schützenhilfe nicht zu schätzen weiß. Es herrscht Verärgerung über den neuerlichen Atomtest, den Nordkorea trotz massiver chinesischer Intervention vorgenommen hat. Anders als Kim Jong Un hatte der frühere Militärmachthaber Kim Jong Il zumindest noch Respekt gegenüber China gezeigt. Peking empfindet den jungen Führer als schwierig, hat ihn bisher auch nicht zu einem Besuch eingeladen.

Hat sich Chinas Politik gegenüber Nordkorea geändert?

Indem China die UN-Resolutionen mit Sanktionen gegen Nordkorea unterstützt hat, verstärkt Peking den Druck auf Pjöngjang. Trotzdem ist eine grundsätzliche Kehrtwende in Chinas Nordkoreapolitik noch nicht erkennbar. Der große Nachbar leistet weiter wirtschaftliche Unterstützung für das verarmte Land und will es von notwendigen Reformen überzeugen.

Welche Beweggründe hat Peking?

China fürchtet, dass ein Zusammenbruch Nordkoreas zu einer Destabilisierung der Lage auf der koreanischen Halbinsel führen könnte – oder gar zu einem Krieg. Die Konsequenz wären große Flüchtlingsströme. Außerdem gibt es Sorgen um die Atomanlagen. Für China dient Nordkorea auch als eine Art strategischer Puffer, weil bei einer Wiedervereinigung oder Übernahme Nordkoreas durch den Süden amerikanische Truppen an Chinas Nordgrenze stehen könnten.

Wie reagiert Russland auf die Vorgänge im Nachbarland Nordkorea?

Seine Truppenpräsenz an der Grenze mit Nordkorea hat Russland bereits demonstrativ verstärkt. Eine militärische Lösung des Konflikts lehnt Moskau aber ab. Vielmehr will das Riesenreich die Verhandlungen der Sechser-Gruppe (Nord- und Südkorea, China, Japan, Russland und die USA) wieder anschieben und das Problem diplomatisch lösen. Moskau fordert von Pjöngjang die Beendigung des Atomprogramms und die Rückkehr in den Atomwaffensperrvertrag. „Der Atomstatus Nordkoreas ist für uns unannehmbar“, betont Kremlchef Wladimir Putin.

Und auch Japan hat mittlerweile auf die nordkoreanischen Drohgebärden reagiert. So brachte das japanische Verteidigungsministerium Raketenabwehrvorrichtungen in der Hauptstadt Tokio in Stellung. Eine PAC-3-Abschusseinheit wurde auf dem Gelände des Ministeriums im Stadtteil Ichigaya aufgestellt, wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo meldete. Auch an zwei anderen Orten der Millionen-Metropole sollen PAC-3-Anlagen in Stellung gebracht werden.

Zuvor hatte Verteidigungsminister Itsunori Onodera den Befehl erteilt, nordkoreanische Raketen abzuschießen, sollten diese japanisches Territorium erreichen. Die japanische Marine hat zu diesem Zweck Aegis-Zerstörer ins Japanische Meer entsandt.

Viele Bundesbürger nehmen die Drohungen von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un sehr ernst. Knapp ein Drittel (31 Prozent) glaubt, er werde seine Androhung eines atomaren Erstschlags wahr machen, wie eine Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt. 43 Prozent der Befragten glauben das nicht. Die Hälfte (54 Prozent) hat Angst vor einem möglichen Krieg zwischen Nord- und Südkorea sowie den USA. 40 Prozent geben an, keine Angst davor zu haben. Zwischen Freitag und Montag wurden 1034 Bürger befragt.

Nordkorea soll neuen Atomtest vorbereiten

Video: Nordkorea soll neuen Atomtest vorbereiten

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Kommentare (5)

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kfvk

09.04.2013, 06:47 Uhr

"Das brave Kind straft sich selber" -- stört es wirklich jemanden, wenn die Nordkoreaner nicht mehr zur Arbeit erscheinen, außer dass sie selber noch weniger als bisher haben werden?
Für die Unternehmen, die dort produzieren liesen, ist es natürlich dumm gelaufen. Aber man muss halt vorher überlegen mit wem man sich einlässt. Sicher wird sich Ersatz finden lassen -- in dieser Gegend der Welt arbeiten überall Menschen für Hungerlöhne.
Aus Sicht der Arbeitnehmer weltweit ist es nur gut, wenn sich diese Ecke der Welt mit ihren extremen Dumpinglöhnen selber lahm legt.

Account gelöscht!

09.04.2013, 08:50 Uhr

Vielleicht formiert sich jetzt endlich Widerstand von den Betroffenen, gegen die derzeitige politische Führung.

Anonym12

09.04.2013, 14:23 Uhr

Es ist sehr traurig, was da abgeht. Da Nordkorea immer mehr provoziert sieht es fast so aus, dass Nordkorea einen Krieg anfangen wird. Jetzt sollen sogar auch noch Ausländer aus Südkorea ausreisen. Sieht wirklich nicht gut aus und dieser Milchbubi macht einem wirklich langsam Angst. Wenn er das wirklich machen will, muss er sehr gestört sein. Aber zu welchem Sinn? Sollte der Krieg da unten wirklich ausbrechen, werden sowieso nur unschuldige Menschen sterben, die nichts dafür können. Ich hoffe, das Nordkorea so klug ist und es sein lässt. Sonst wird es danach kein Nordkorea mehr geben.

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