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16.10.2015

08:06 Uhr

Tsipras legt Reformpaket vor

Griechenlands Rentensystem gerät aus den Fugen

VonGerd Höhler

Heute wird in Athen eine Reform beschlossen, die den Rentnern viel abverlangt. Doch die Bevölkerung ist überaltert, den Rentenkassen fehlen in den nächsten zwei Jahren fast drei Milliarden Euro. Und das ist nur der Anfang.

Der griechische Philosoph ist einer, an den man denkt, wenn man das Wortspiel „Alter Grieche“ hört. Doch in Griechenland überaltert die Bevölkerung. dapd

Plato

Der griechische Philosoph ist einer, an den man denkt, wenn man das Wortspiel „Alter Grieche“ hört. Doch in Griechenland überaltert die Bevölkerung.

AthenWenn das griechische Parlament voraussichtlich am diesem Freitagabend das jüngste Reformpaket billigt, kommen auf die Rentner des Landes neue Opfer zu. Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird ab 2022 auf 67 Jahre festgeschrieben, die Möglichkeiten für Früh-Verrentungen werden drastisch eingeschränkt. Bereits in diesem Jahr brauchen die staatlichen Pensionskassen Zuschüsse von 1,5 Milliarden Euro – doppelt so viel wie die 750 Millionen, die im Haushalt angesetzt waren. Im kommenden Jahr hätte die Finanzlücke sogar 2,8 Milliarden erreicht. Dank der jetzt geplanten Sparmaßnahmen soll sie auf 1,6 Milliarden begrenzt werden.

Das doch ist erst der Anfang. Griechenlands Rentensystem gerät aus den Fugen. In den kommenden Jahrzehnten wird es weitere, tiefe Einschnitte geben. Die heutigen Beitragszahler müssen mit erheblichen Rentenkürzungen rechnen, wenn sie in zehn oder 20 Jahren in Pension gehen.

Wie ein Schuldenschnitt Europas Steuerzahler belasten würde

Ein riesiger Schuldenberg...

... drückt Griechenland. Ein teilweiser Schuldenerlass und massive Hilfe durch die Euro-Partner über die vergangenen fünf Jahre haben die Probleme des Krisenlandes nicht kleiner werden lassen. Angesichts des drohenden Staatsbankrotts wird nun wieder über einen Schuldenschnitt diskutiert. Er würde aber dieses Mal direkt die europäischen Steuerzahler treffen.

Wie haben sich die griechischen Schulden entwickelt?

Griechenlands Schulden liegen inzwischen bei über 300 Milliarden Euro. Noch im Jahr 2008 lag die Staatsverschuldung nach Angaben der Ratingagentur Standard & Poor's nur bei 109,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Für dieses Jahr rechnet sie mit 177,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Grund für den Anstieg sind auch die massiven Hilfskredite der Euro-Partner.

Wie viel Geld haben die Euro-Staaten Griechenland bisher in der Krise geliehen?

183,8 Milliarden Euro. Die Euro-Partner gewährten in einem ersten Hilfspaket 2010 bilateral Kredite von 52,9 Milliarden Euro, Deutschland übernahm davon 15,2 Milliarden Euro. Im zweiten Hilfspaket von 2012 erfolgte die Hilfe über den Euro-Rettungsfonds EFSF, für den aber auch die Euro-Staaten bürgen. Aus dem Fonds wurden bis zum Auslaufen des Hilfsprogramms am Dienstag 130,9 Milliarden Euro ausgezahlt. Deutschland muss für 29,1 Prozent der Summe gerade stehen, also für rund 38 Milliarden Euro.

Was umfasste der Schuldenschnitt von 2012?

Im März 2012 wurden Griechenland 53,5 Prozent der Schulden vor allem bei privaten Gläubigern wie Banken erlassen. Dies entsprach einer Verringerung um etwa 107 Milliarden Euro. Seitdem hat Athen Schulden vor allem nur noch gegenüber öffentlichen Geldgebern wie Staaten und internationalen Organisationen.

Wie sind die Euro-Länder Athen bisher entgegengekommen?

Ende 2012 gestanden die Euro-Staaten Athen auch deutlich bessere Kreditkonditionen zu. So wurden die Zinszahlungen auf das erste Paket deutlich gesenkt und dem Land beim zweiten Programm bis zum Jahr 2022 erlassen. Mit der Schuldenrückzahlung muss Athen beim ersten Programm zudem erst ab 2020 beginnen und beim zweiten Programm ab 2023. Gleichzeitig wurde die Laufzeit der Kredite um 15 auf durchschnittlich 30 Jahre angehoben. Letztlich hat Griechenland dadurch Milliarden gespart. Mache Experten sprechen deshalb von einem weiteren, "verdeckten" Schuldenschnitt.

Braucht Griechenland einen weiteren Schuldenschnitt?

Die Regierung des Linkspolitikers Alexis Tsipras fordert das schon seit ihrem Amtsantritt im Januar - stieß damit aber bei den Euro-Partnern auf Ablehnung. Doch auch der Internationale Währungsfonds (IWF) zweifelt daran, dass Griechenland seine Schuldenlast tragen kann. Am Donnerstag erklärte der Fonds, ein Schuldenschnitt sei kaum zu vermeiden, wenn die Haushaltsziele wegen der verschlechterten Lage deutlich aufgeweicht werden müssten. Dann müssten die europäischen Geldgeber nach IWF-Einschätzung möglicherweise mehr als 53 Milliarden Euro abschreiben.

Wie stark wäre Deutschland betroffen?

Die Bundesregierung ist in beiden Hilfspaketen mit jeweils rund 29 Prozent der Summe dabei. Nach dem IWF-Szenario müsste Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) gut 15 Milliarden abschreiben - seine schwarze Null im Haushalt wäre dann futsch, wenn er nicht an anderer Stelle spart.

Gäbe es Alternativen zu einem Schuldenschnitt?

Möglich wäre eine "weitere Verlängerung der Laufzeiten und Absenkung beziehungsweise Stundung der Zinsen", sagt Volkswirt Nicolaus Heinen von der Deutschen Bank. "Dies wäre politisch einfacher zu vermitteln." Auch der IWF schlägt vor, es zunächst mit einer weiteren Streckung der Rückzahlungsfristen zu versuchen: 20 Jahre soll Griechenland demnach gar nichts zurückzahlen und dann über 40 Jahre tilgen. Deutschland und Co. bekämen ihr Geld damit erst bis zum Jahr 2075 vollständig zurück.

Der Grund ist die immer schneller fortschreitende Überalterung der Bevölkerung. Kein anderes EU-Land hat eine so ungünstige Altersstruktur wie Griechenland. Nach Hochrechnungen der New Yorker Organisation HelpAge International wird im Jahr 2030 jeder dritte Bewohner Griechenlands älter als 60 Jahre sein. Im Jahr 2050 wird der Anteil der über 60-Jährigen bereits knapp 41 Prozent ausmachen.

Zu ähnlichen Prognosen kommt eine Studie der Alpha Bank. Danach wird der Anteil der über 65-Jährigen, der sich 2013 noch auf ein Fünftel der Bevölkerung belief, im Jahr 2060 bereits ein Drittel ausmachen. Noch krasser wird das Missverhältnis, wenn man die Gruppe der über 65-Jährigen in Relation zur erwerbsfähigen Bevölkerungsgruppe im Alter von 15 bis 64 Jahren setzt. Stehen aktuell zehn Erwerbsfähigen drei Menschen im Alter von über 65 gegenüber, werden es im Jahr 2060 bereits sechs sein.

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Vor dem Hintergrund der zunehmenden Überalterung bekommt das geflügelte Wort von den „alten Griechen“, bei dem man bisher an Perikles und Plato dachte, eine ganz neue Bedeutung. Was diese Entwicklung für die Rentenfinanzen bedeutet, liegt auf der Hand: Immer weniger Beitragszahler müssen für immer mehr Rentenempfänger aufkommen.

Der Altenquotient, der das Verhältnis älterer, nicht mehr erwerbstätiger Menschen zur Anzahl der erwerbsfähigen Einwohner wiedergibt, liegt bereits jetzt in Griechenland mit knapp 30 Prozent deutlich über dem EU-Durchschnitt von etwa 24 Prozent.

Byron Kotzamanis, Professor an der Universität von Thessalien und Direktor des Instituts für demografische und soziale Analysen, erwartet, dass die Bevölkerung Griechenlands, die im Jahr 2011 zuletzt in einer Volkszählung erfasst und damals auf knapp elf Millionen beziffert wurde, im Laufe des nächsten Jahrzehnts um 300.000 bis 400.000 Menschen zurückgehen wird. Die EU-Statistikbehörde Eurostat rechnet mit einem Bevölkerungsrückgang von aktuell 11,045 Millionen auf 8,5 Millionen im Jahr 2060.

Kommentare (93)

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Dirk Meyer

16.10.2015, 08:18 Uhr

Warum eifern die Griechen nicht Deutschland nach und lösen ihr Demografieproblem mit den vielen Fachkräften aus dem Flüchtlingsstrom?

Herr Ciller Gurcae

16.10.2015, 08:31 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr J D

16.10.2015, 08:38 Uhr

So lebt man auf Pump.

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