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20.11.2015

15:34 Uhr

TTIP

Frankenfisch sticht Chlorhuhn

VonMoritz Koch

Die USA genehmigen erstmals den Verkauf eines genmanipulierten Tieres. Ein Fisch namens AquAdvantage soll auf die Teller. Verbraucherschützer sind entsetzt. Viele Ladenketten wollen das Biotech-Produkt boykottieren.

Die USA genehmigen erstmals den Verkauf eines genmanipulierten Tieres – den „Frankenfisch“. dpa

Gen-Lachs

Die USA genehmigen erstmals den Verkauf eines genmanipulierten Tieres – den „Frankenfisch“.

WashingtonDas Chlorhuhn war bisher die unumstrittene Nummer eins, wenn es darum ging, europäische Abscheu über amerikanische Essgewohnheiten zu versinnbildlichen. Nun aber erhält es Konkurrenz – und zwar vom „Frankenfisch“. Die US-Lebensmittelbehörde FDA hat sich über die Proteste von Verbraucherschützern hinweggesetzt und einem genmodifizierten Lachs die Verkaufsgenehmigung erteilt. Damit bricht ein Tabu.

Nie zuvor wurde ein genetisch modifiziertes Tier für den menschlichen Verzehr zugelassen.
AquAdvantage heißt das Geschöpf, das jetzt in den Kühlregalen von Supermärkten landen wird. Ein Copyright schützt seinen Namen. Umwelt- und Verbraucherschützer fühlen sich an einen Roman von Mary Shelley erinnert, an Frankenstein, daher der Name „Frankenfisch“.

Das ist TTIP

Verhandlungspartner

USA und die Europäische Union mit ihren 28 Mitgliedsstaaten.

Inhalte des Abkommens

Handelsbarrieren abbauen heißt in diesem Fall Normen, Standards und Gesetze zu vereinheitlichen. Denn Zölle und Exportquoten gehören schon länger der Vergangenheit an. Politiker betonen immer wieder, es gehe nicht darum Standards zu senken, sondern beide anzuerkennen. Ein oft bemühtes Beispiel sind unterschiedliche Farben von Autoblinkern.

Offizielle Ziele

Durch das Verschmelzen der Märkte sollen neue Arbeitsplätze entstehen. Außerdem rechnet die EU-Kommission mit zusätzlichem Wirtschaftswachstum auf beiden Seiten des Atlantiks. Wie groß dieses sein wird, ist jedoch ungewiss. Die optimistischste Schätzung liegt bei 0,48 Prozent bis 2027. Politisch erhofft sich die EU wie auch die USA, so ihre Vormachtstellung gegenüber den Schwellenländern behaupten zu können.

Stand der Verhandlungen

Begonnen haben die Verhandlungen zu TTIP im Jahr 2013. Da es um ein komplexes Abkommen geht, werden die Handelskommissare vermutlich nicht vor Ende 2016 einen Vertragsentwurf vorlegen. Unklar ist, ob dieser nur von dem EU-Parlament, oder auch von den nationalen Parlamenten bewilligt werden muss. Vermutlich entscheidet hierüber am Ende der Europäische Gerichtshof.

Der Genlachs ist ein Superfisch. Er wächst doppelt so schnell wie ein normaler Lachs, weil er nicht nur einen Teil des Jahres, sondern das ganze Jahr über Wachstumshormone ausschüttet. Hersteller Aqua Bounty gelingt dies, indem Forscher das Erbgut von Atlantiklachsen mit Genen der pazifischen Königslachse und DNS-Strängen von Meeres-Dickköpfen verschmelzen. Nicht an das Leben im Meer ist das Zwitterwesen angepasst, sondern an die Verwertungsinteressen der Lebensmittelindustrie. Willkommen in der „Blauen Revolution.“
Aqua Bounty, ein Tochterunternehmen der Biotech-Firma Intrexon, macht keinen Hehl aus seinen globalen Ambitionen. Genlachs biete nicht nur einen Kostenvorteil für Produzenten, er sei auch ein „Hoffnungsschimmer für die Ozeane“. Dazu muss man wissen: Um Lachs zu züchten, wird Fischmehl verfüttert, geraspelte Sardellen etwa. Eine Praxis, die Vögel, Robben und Delfine ihrer Beute berauben und ganze Nahrungsketten destabilisieren kann. Selten war die Sorge so groß wie in diesem Jahr, in dem der Pazifik durch das Klimaphänomen El Nino aufgeheizt und der Lebensraum der Sardellen aus der Balance gerät.

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Gegner des Freihandels haben die USA als Heimat der Fracking-Freunde und Chlorhuhn-Konsumenten ausgemacht. Da ist es eine ironische Wendung, dass sich ihr Traum, der Stopp der TTIP, nun ausgerechnet dort erfüllen könnte.

„Wir müssen alle vorhandenen Technologien nutzen, um die Fischereikrise zu lösen“, sagt ein Aqua-Bounty-Sprecher. Da der Superlachs schneller wachse, fresse er weniger, bis er unters Messer komme und reduziere damit den Druck auf die Meere. Und auch zur Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung könne AquAdvantage beitragen. Verbraucherschützer sind entsetzt: „Die Vorstellung, mit Lachs den Hunger zu bekämpfen, ist wahnsinnig“, warnt Tim Schwab von Food and Water Watch. Sollten Genlachse entkommen und sich im Meer ausbreiten, könnten sie die natürlichen Arten verdrängen, vielleicht sogar ausrotten. Es wäre das Ende der natürlichen Auslese und der Beginn einer vom Mensch gemachten, aber nicht beherrschten Gegen-Evolution.

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